Nordkorea lässt erstmals wieder Westler ins Land

Abenteuerurlaub im Kommunismus? Ist wieder möglich. Diktator Kim Jong-un machte die Grenzen Anfang 2020 dicht, doch nun sind westliche Touristen willkommen. Der Chef des größten Nordkorea-Reiseveranstalters erklärt, was Urlauber erwartet – und warum Bibeln im Gepäck verboten sind.
Kein Land hielt seine Grenzen wegen der Covid-Pandemie länger geschlossen als Nordkorea: Seit Januar 2020 waren sie dicht. Nach mehr als fünf Jahren will sich das kommunistisch regierte Land jetzt erstmals wieder für westliche Touristen öffnen.
Der größte auf Nordkorea spezialisierte Reiseveranstalter Koryo Tours mit Sitz in Peking bietet bereits erste Gruppenreisen in das abgeschottete Land an – vorerst sind aber nur Kurztrips nach Rason im Nordosten Nordkoreas möglich, die Hauptstadt Pjöngjang ist weiterhin tabu.
Wir haben mit Nicholas Bonner, dem britischen Gründer von Koryo Tours, über die Reize dieses rätselhaften Reiseziels gesprochen, in dem es weder Mobiltelefone noch Internet gibt, dafür aber die Orchideensorte Kimilsungia, die benannt ist nach dem stalinistischen Staatsgründer Kim Il-sung, dessen Enkel Kim Jong-un Nordkorea seit 2011 diktatorisch regiert.
WELT: Nordkorea hat mehr als fünf Jahre keine westlichen Touristen ins Land gelassen. Im Februar sollen jetzt erstmals die Grenzen für Westler geöffnet werden. Warum hat das so lange gedauert?
Nicholas Bonner: Anfangs waren die Grenzen wegen Corona dicht, später haben andere Gründe eine Rolle gespielt. Denn bestimmte Ausländer dürfen Nordkorea schon länger bereisen: Bereits im Februar 2024 wurde russischen Touristen erstmals wieder Zugang zum Land gewährt, wenn auch auf einer eingeschränkten Route. Das dürfte auch auf die nordkoreanisch-russische Zusammenarbeit bei der Invasion in der Ukraine zurückzuführen sein. Für westliche Touristen ist nun eine Art schrittweiser Öffnung geplant.
WELT: Ihr Unternehmen Koryo Tours ist einer der ersten Veranstalter, der wieder Reisen nach Nordkorea anbietet. Wann starten Sie?
Bonner: Wer will, kann jetzt schon Touren für Februar, März und April bei uns buchen. Allerdings können wir die Reisen erst dann final zusagen, wenn uns das genaue Datum der Grenzöffnung bestätigt wird. Darauf warten wir derzeit.
WELT: Erst einmal dürfen Westler nur nach Rason im äußersten Nordosten reisen. Warum diese Einschränkung?
Bonner: Darüber haben wir keine gesicherten Erkenntnisse. Rason grenzt direkt an China und Russland, es ist eine abgelegene Ecke. Rason ist ein Kunstwort, es steht für die zwei größten Städte der Region, Rajin und Sonbong, der Name wurde aus den beiden ersten Silben, Ra und Son, gebildet.
Rason wurde 1991 als Sonderwirtschaftszone eingerichtet, um Investitionen zu fördern. Viel getan hat sich dort allerdings nicht. Wir arbeiten daran, bald wieder mehr Zugang zu Land und Leuten zu bekommen. Pjöngjang, die Vorzeige-Hauptstadt, ist sicher das Ziel der meisten Touristen, aber Rason ist zumindest ein Anfang.
WELT: Was kann man als Tourist in Rason denn überhaupt machen?
Bonner: Einiges! Ein Besuch in Rason kombiniert revolutionäre und bizarre Stätten. Etwa den Schüler- und Studentenpalast, den bisher kein einziger Tourist gesehen hat. Oder den ersten freien Markt des Landes – der einzige, den ausländische Gäste besuchen dürfen. Oder die Golden Triangle Bank, wo Sie ein nordkoreanisches Konto eröffnen können. Oder das Dreiländereck, ein Aussichtspunkt mit Blick auf Nordkorea, China und Russland.
Und natürlich das Kimilsungia- und Kimjongilia-Gewächshaus. Hier werden eine spezielle Orchideen- und eine besondere Begonien-Art kultiviert und ausgestellt, beide sind benannt nach Staatsgründer Kim Il-sung und seinem Sohn Kim Jong-il. Wer will, kann dort Kimjongilia-Blumenzwiebeln kaufen.
WELT: Vor der Pandemie waren in Nordkorea nur begleitete Gruppenreisen möglich, keine Individualreisen. Bleibt das so, oder zeichnen sich hier Lockerungen ab?
Bonner: Das stimmt nicht ganz, Koryo Tours hat von Anfang an auch individuelle Nordkoreareisen organisiert. Was aber nicht heißt, dass man das Land allein auf eigene Faust erkunden kann – Sie werden immer von zwei nordkoreanischen Reiseführern und einem Fahrer begleitet, sobald Sie das Hotel verlassen. In Rason werden wir erst einmal nur Gruppenreisen anbieten, weil die Nachfrage groß ist und es nur wenige englischsprachige Reiseleiter gibt. Wir hoffen, dort auch deutschsprachige Reiseleiter zu bekommen, haben aber noch keine Antwort erhalten.
WELT: Auf welchem Komfortniveau ist man als Tourist in Nordkorea unterwegs?
Bonner: Der Standard ist insgesamt relativ gut, und in Pjöngjang kann man sogar vergleichsweise luxuriös reisen, mit eigenem Auto, gutem Essen, größerem Hotelzimmer. Fünf-Sterne-Luxus findet man aber nirgends, und auch keinen Internet-Empfang – den gibt es für Touristen im ganzen Land nicht.
WELT: Und wie ist der touristische Standard speziell in Rason?
Bonner: Unsere erste Reise nach Rason fand 1995 statt, seitdem hat sich nicht viel verändert. Vielleicht ist aber genau das der Reiz einer Reise nach Nordkorea.
WELT: Wie sicher sind eigentlich touristische Reisen nach Nordkorea? Einige Staaten, darunter auch Deutschland, raten dringend von Reisen in die Volksrepublik ab.
Bonner: Nordkorea ist paradoxerweise ein sehr sicheres Reiseland, sofern man sich als Tourist an die Regeln hält und eine gute Portion gesunden Menschenverstand mitbringt.
WELT: Was sollten Nordkorea-Urlauber denn auf jeden Fall beachten?
Bonner: Vor jeder unserer Reisen findet ein obligatorisches Briefing statt, in dem wir die Regeln und Vorschriften in Nordkorea erläutern. Das Wichtigste ist, dass Sie kein religiöses Material mitbringen – Missionierung gilt als Verbrechen. Und dass Sie gegenüber der Führung des Landes keine Respektlosigkeit zeigen.
Beim Briefing erklären wir, wo und warum es wichtig ist, sich respektvoll zu verhalten und welche scheinbar unbedeutenden Handlungen bei den Einheimischen Anstoß erregen könnten. Kein Tourist reist mit uns nach Nordkorea, ohne vorher genau zu wissen, was er im Land nicht tun sollte. Wie an den meisten Orten der Welt wird man auch in Nordkorea nur dann in Schwierigkeiten geraten, wenn man sie aktiv verursacht.
WELT: Wie viele westliche Touristen reisten 2019, vor der Pandemie, nach Nordkorea? Wann wird diese Zahl wieder erreicht?
Bonner: 2019 besuchten insgesamt wohl nicht mehr als 4500 westliche Touristen das Land, knapp 2000 sind mit uns gereist. Im selben Jahr kamen aber viele Chinesen nach Nordkorea, zwischen 200.000 und 300.000. Wann diese Zahlen wieder erreicht werden, ist unklar.
Aber Nordkorea ist ein faszinierendes, einzigartiges Land, das noch immer der Revolution folgt, mit einer völlig anderen Mentalität, mit sozialistischer Kunst und Architektur, vor allem aber mit Menschen, die letztlich sehr gastfreundlich und fasziniert davon sind, fremde Gesichter zu sehen. Deshalb glauben wir, dass die Zahl der Reisenden allmählich wieder zunehmen wird.
WELT: Nordkorea gibt viele seiner Devisen, sicher auch Touristen-Dollars, für Atomtests und Atomwaffen aus. Sind vor diesem Hintergrund Reisen nach Nordkorea moralisch gerechtfertigt?
Bonner: Die Behauptung, dass ausgerechnet die Touristengelder das System stützen oder das Atomwaffenprogramm finanzieren, ist nicht zutreffend. Die Erlöse aus dem Tourismus sind unterm Strich so gering, dass sie nicht einmal ausreichen würden, das Land fünf Minuten am Laufen zu halten. Uns geht es um die positiven Effekte von Nordkoreareisen.
WELT: Und welche wären das?
Bonner: Wenn mehr Touristen kommen, steigt die Zahl der Kontakte mit den Einheimischen. So verbessert sich das Bild, das die Nordkoreaner von Ausländern haben, so können Vorurteile über den Westen abgebaut werden. Natürlich sehr, sehr langsam und schrittweise. In einem Land, in dem es keine Mobiltelefone, so gut wie kein Internet und keine Verbindung zur Außenwelt gibt, sollte jeder Kontakt und jeder Austausch wertgeschätzt werden.
Und natürlich ist eine Reise nach Nordkorea auch eine Horizonterweiterung für westliche Touristen, die sich für die Welt interessieren, die einen Blick hinter den „Bambusvorhang“ des Kalten Krieges werfen wollen. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade Deutsche, die selbst die Geschichte eines geteilten Landes kennen, sich leichter damit tun, sich in die andere Seite hineinzuversetzen, sie besser zu verstehen.
WELT: Wie oft waren Sie in Nordkorea? Wann fahren Sie wieder hin?
Bonner: Ich habe aufgehört, zu zählen. Seit 1993 war ich mehr als 150 Mal im Land – für Tourismus-, Kunst- oder Filmprojekte, die von einigen Tagen bis zu einigen Monaten gedauert haben. Wir haben mit Unterstützung der BBC in Nordkorea bereits mehrere Dokumentarfilme produziert, unter anderem über die nordkoreanische Fußballmannschaft, die 1966 mit ihrem Sieg über die Italiener für den größten Schock in der Geschichte der Fußballweltmeisterschaft sorgte („The Game of their Lives“, 2002). Oder über die Geschichte der US-Soldaten, die die am stärksten befestigte Grenze der Welt überquerten, um nach Nordkorea überzulaufen („Crossing the Line“, 2006).
Sobald die Grenze geöffnet wird dieses Jahr, werden mein Team und ich wieder hinfahren, um weiteren Touristen dieses rätselhafte Land näherzubringen. Von vielen, die in der Vergangenheit mit uns nach Nordkorea gefahren sind, haben wir übrigens gehört, dass diese Tour der Höhepunkt ihrer Reisen rund um die Welt war.
Reisen mit Koryo Tours nach Nordkorea:
Der Brite Nicholas Bonner, Jahrgang 1961, studierte Landschaftsarchitektur und gründete 1993, zusammen mit einem britischen Geschäftspartner, in Peking den Reiseveranstalter Koryo Tours. Zudem drehte er mehrere Dokumentarfilme über die kommunistische Volksrepublik.
Koryo Tours organisiert und begleitet Reisen nach Nordkorea für westliche Touristen, die seit 2020 nicht in das abgeschottete Land einreisen durften. Im Februar 2025 sollen die ersten Reisen nach fünfjähriger Pause wiederaufgenommen werden, vorerst nur in die Grenzregion Rason im Nordosten Nordkoreas. Daneben bietet der Veranstalter auch Touren in andere Länder wie Turkmenistan, Tadschikistan, Mongolei und Bangladesch an (koryogroup.com).
Source: welt.de