Nobelpreisträger | Nobelpreisträger László Krasznahorkai entdeckt in seinem neuen Roman die Reichsbürger
Hör auf Onkel Józsi, ich bin dein Herrchen, ich befehle dir, du bist mein Hund, und du heißt Zsömle.“ Das Verhältnis zwischen Herr und Hund, und darin das Moment von Beherrschen und Unterwerfen, bildet den Generalbass des neuen Romans des 1954 im ungarischen Gyula geborenen László Krasznahorkai, seit 2025 Träger des Nobelpreises für Literatur.
Mit seinen ersten Romanen Satanstango (1985) und Melancholie des Widerstands (1989) begann er die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Ungarn in Literatur zu übersetzen und wie durch ein Brennglas zu betrachten. Doch ebenso wie sein Geburtsland, das auf eine extrem wechselvolle, spannungsreiche und von Gewalt geprägte Geschichte blickt, interessierten ihn auch politische Systeme, ihre Ordnungen und Unordnungen, so auch jüngst in seinem Roman Herscht 07769 (2021).
Die in einem einzigen Satz erzählte Geschichte von Kana, einer kleinen Stadt an der Saale, in der ein Hauptprotagonist zwischen Kleinbürgern und Nazis in die Fänge des Nazi-Rädelsführers gerät, analysiert, wie sich eine Gesellschaft radikalisiert, wie demokratische Strukturen auseinanderzufallen drohen.
Einen alter Mann soll auf den Thron
In Zsömle ist weg kehrt Krasznahorkai nach Ungarn zurück. Man schreibt das Jahr 2022. In einem Dorf lebt ein 91-Jähriger, der sich aus dem Leben völlig zurückgezogen hat. Józsi hat schon vor Jahren seine Frau verloren, auch seinen Hund Zsömle hat er begraben. Da stellt sich eine Schar von eigenartigen Typen bei ihm ein. Sie nennen sich „Koordinierte Plattform“, kennen Józsis Geschichte, sind Historiker und vor allem sind sie Monarchisten, die ihrem moralisch verlotterten Heimatland Ungarn wieder echten Glanz verleihen wollen, indem sie im Schloss in Buda wieder einen König auf den Thron setzen: Józsi, den Spross der uralten Adelslinie der Àrpàden, dessen Stammbaum bis zu Dschingis Khan zurückreicht.
Doch Jòzsi ist alt und wie es sich mit seiner dynastischen Geschichte tatsächlich verhält, ist letztlich unklar – und im Grunde wäre es egal, träumte er nicht selbst von seinem Königtum. Die seltsamen Männer lässt er also ins Haus. Er plaudert mit ihnen, schwärmt von der Lektüre der Romane Albert Wass’, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit völkischer und antisemitischer Literatur zum Nationaldichter avancierte: „Er ist so ein außerordentlich rechtschaffener und unverdorbener Ungar, er war ein wahrhaft Großer, für uns war er, als wir jung waren und in Siebenbürgen wohnten, vor allem nach Trianon, geradezu der heilige Dichter, diese Sprache, mein lieber Himmel, wie schön dieser Mann geschrieben hat, so schön, dass wir weinten.“ Dazu fließt viel billiger und saurer Wein.
Parallelen zu den Reichsbürgern sonnenklar
Schon nach wenigen Seiten, als im Kontext der Königs- oder besser gesagt: Jòzsitreuen Prinz Reuss erwähnt wird, spätestens aber, als die seltsame Truppe Jòzsi in geheimen Katakomben in Budapest in eine Art Krönungssaal führt, wo sie ihm stolz das Waffenlager präsentiert: „Maschinenpistolen und Maschinengewehre, dann dort die verschiedenen Handfeuerwaffen, Gewehre großer Reichweite und Scharfschützengewehre, hinten, bitte schön, Handgranaten der neuesten Generation, aber wie Sie sehen, verachten wir auch die alten Dinge nicht, leicht scharf zu stellende Tretminen“, sind Parallelen zu den Reichsbürgern sonnenklar.
Doch die Monarchisten stellen sich bei der Umsetzung ihrer Umsturzfantasien reichlich dumm an, es werden Volksreden gehalten, dass es eine bittere und komische Leselust ist, doch die ungarische Bürokratie ist eine Bastion für sich. In diese Groteske hat Krasznahorkai eine Figur eingebaut, die namensgleich mit dem Autor ist.
Der junge Krasznahorkai, genannt Laci, hält sich, hier als Sänger, im Dunstkreis des von der Truppe designierten Königs auf, neugierig skeptisch. Indem er diesen Kunstgriff so geschickt verwendet wie Verweise auf seine früheren Romane, wird Zsömle ist weg zu einem wilden intertextuellen und perspektivischen Vexierspiel, das über eine simple Politsatire hinausweist, das, indem es nicht nur Kritik an den gegenwärtigen Zuständen Ungarns (und Europas), sondern auch (Selbst-)Kritik an denen übt, die sich ins Erzählen retten wollten. Den Wunsch nach Führung im Durcheinander, wer hätte ihn nicht hin und wieder insgeheim?
Antisemitismus wurde in Ungarn nie richtig verarbeitet
Im Verhältnis Herr und Hund, das sich als Thema durch den Roman zieht und von Jòzsi beschworen wird („der Ungar und sein Hund gehören zusammen“), Sinnbild der kruden Unterwerfungs- und Beherrschungsfantasien, spiegelt sich die noch immer durch den Vertrag von Trianon gekränkte und den Antisemitismus im Land nie wirklich verarbeitet habende ungarische Seele, ein Topos, den sich auch die Regierung Orbán zunutze macht. Seinen ersten Hund Zsömle hat Jòzsi nach dessen Tod durch einen neuen Hund gleichen Namens ersetzt, den er sich ebenso und mit Gewalt untertan macht, wie alle gleichnamigen zuvor in seinem langen Leben.
Es braucht einen, den man in seiner Treue zum Herrchen quälen kann. „Dieses Buch ist ein Produkt der Fantasie, das, selbst genauso Teil der Wirklichkeit, sich auch diesmal aus der Wirklichkeit speist, aber von nun an mit dieser Wirklichkeit, aus der es sich indirekt speiste, in der hier gelesenen künstlerischen Form nichts mehr gemein hat. Leider“, heißt es in der Nachbemerkung Krasznahorkais zu einem Roman, dessen bittere Wirklichkeit durch die komischen Zwischentöne umso drastischer wirkt.
Zsömle ist weg László Krasznahorkai Heike Flemming (Übers.), S. Fischer 2025, 304 S., 25 €