„Nightsleeper“ im Ersten: Die Entführer stellen die Weichen

Glasgow, vier Minuten vor Mitternacht. „The Heart of Britain“, der Nachtzug nach London, steht bereit für die Passagiere, die sich am Bahnsteig verabschieden, Plätze suchen, angespannt sind oder voller Pläne ihre Ankunft in der Hauptstadt erwarten. Die sechsteilige BBC-Miniserie „Nightsleeper“ scannt zu Beginn ihr Personal. Die Menschen, die sie die nächsten vier Stunden in Echtzeit in Richtung Tod begleiten wird.

Gleich wird klar, dass hier lauter Katastrophenfilm-Stereotypen abgerufen werden. Nicht alle werden bis zum Schluss an Bord oder gesund bleiben oder die Nacht überleben. Vielleicht werden sie auch alle Kollateralopfer eines vernichtenden Terror-Cyberangriffs. Eines Massenmordanschlags, der als Menetekel gelten soll, als Demonstration dessen, was „Hackjacking“ kritischer Infrastruktur anzurichten vermag.

Wer dieser in Teilen atemberaubend kalkulierten, visuell effektvollen Zugentführungssaga von Nick Leather Glauben schenken möchte, wird sich in Zukunft wohl weniger über den Zustand der Deutschen Bahn beklagen, sondern die Tatsache, dass es immer noch pünktliche und sichere Verbindungen gibt, als Wunder ansehen. Er mag ferner glauben wollen, dass internationale Konsortien als Betreiber von Netzen jedweder Art unschuldige Menschen der möglichen Vernichtung preisgeben. Weil sie das Einfallstor für systematisierte Unzuständigkeit bei ernsthaften Problemen sein können. Privatisierung der Bahn? Ein Teufelszeug. Sobald es um Fragen der nationalen Sicherheit, der Vulnerabilität des öffentlichen Lebens geht, vertraue man besser auf den (britischen) Staat, so will es das politische Klischee.

Im Großraumwagen der Gefühle werden alle Sitze doppelt belegt

Wobei sich in „Nightsleeper“ die Suche nach den Verursachern der Zugentführung (die lineare Ausstrahlung startet um 23.55 Uhr, ebenso wie die Handlung) mehr und mehr pro domo verlagert. Ins Herz des Staats, sozusagen. Inlandsterrorismus, möglicherweise gar innerhalb der eigenen staatlichen Institutionen. Während der Zug bald blind und ferngesteuert durch die Nacht rast, weil die Real-Time-Überwachung des gesamten Schienennetzes ausgefallen ist und die Weichen wie von Zauberhand bewegt werden, bald hierhin, bald dorthin umgeleitet, auf Brücken angehalten wird und auf Güterzüge zueilt, konferieren die Geheimdienste seelenruhig in Videobesprechungen und sind genauso überfordert wie die Polizei, die gnadenlos Menschenleben opfert.

Es braucht eben ganz andere Verantwortliche, solche, die bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, das ist ein Grundgesetz der Politthriller- und Katastrophenfilm-Ökonomie. Zwei Heldenfiguren bieten sich in „Nightsleeper“ an, Joe (Joe Cole), ein früherer Detective der Metropolitain Police, der per Interpol gesucht wird und auf der Flucht ist, mithin unser Mann im Zug auf dem Weg nach London, und Abby (Alexandra Roach), die Technische Leiterin des National Cyber Security Centres (NCSC) in London, eine Frau mit brillanten Computerfähigkeiten, eigentlich auf dem Weg in den Urlaub, umgehend ins Büro eilend, wo das Team, darunter ihr Stellvertreter Saj (Parth Takerar) und der junge Hacker Tobi (Gabriel Howell), auf Action wartet. Nicola Miller (Pamela Nomvete), Abbys Chefin mit dem Draht zur hohen Politik, versucht sie daran zu hindern, den Alm-Öhi-Lookalike und gefeuerten NCSC-Whistleblower Pev (David Threlfall) an der Zugrettungsaktion zu beteiligen. Vergeblich.

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Während an Bord des Zuges die Lage eskaliert, versuchen Joe und Abby Kontrolle zurückzugewinnen. Die Handlungstwists sind zahlreich, Spannungszuspitzung folgt auf Spannungszuspitzung. Leider dichtet das Drehbuch beiden Protagonisten in dieser Situation auch die Entwicklung einer romantischen Story an. Bald geht es im Abteil der Logik extrem unplausibel zu, und im Großraumwagen der Gefühle werden alle Sitze doppelt und dreifach belegt.

Zu den Passagieren an Bord gehört ein von seiner Mutter getrennter pfiffiger Junge, genannt „Mouse“ (Adam Mitchell), Chrissy Doolan (Ruth Madeley), eine im Rollstuhl sitzende Menschenrechtsanwältin, Arran Moy (Alex Ferns), ein vierschrötiger Buchhalter, der gleich die Zugbar belagert und Stoff verlangt, und Fraser (James Cosmo), ein herzkranker Ex-Lokführer, der früher auf exakt gleicher Strecke unterwegs war, mit seiner unglücklichen Schwiegertochter Sophie (Leah MacRae). Ferner Rachel (Katie Leung), eine Lifestyle-Bloggerin, die versucht, möglichst spektakuläre Szenen vom Unglück zu posten. An Bord ist weiter der Mitarbeiter einer Bohrinsel auf dem Weg zur Frau, die in der Klinik gerade eine komplizierte Geburt durchlebt. Jener Danny (Daniel Cahill) hat glücklicherweise ein Satellitentelefon, die einzige Verbindung zur Außenwelt.

Es könnte sein, dass weitere Personen an Bord sind. Definitiv präsent ist mit Liz Draycott MP (Sharon Small) außerdem die Verkehrsministerin. Sie unternimmt die Fahrt aus Publicityzwecken. Und die Zugbegleiter Billy (Scott Reid) und Yasmin (Sharon Rooney), denen schon zu Beginn etwas geschwant haben könnte, als sich in Glasgow auf dem Bahnsteig ein aufsehenerregender Taschendiebstahl ereignet hat.

Spätestens als die Täter ohne Beute entkommen sind und das vermeintliche Opfer in einer Seitengasse des Bahnhofs nicht nur die geraubte Tasche, sondern auch den mitgeführten Kinderwagen entsorgt, dann zu den Räubern ins Auto steigt, sind zumindest die Zuschauer schon eingestimmt auf den Ritt durch die Nacht, zumal im Dienstabteil des Zugs ein kleines elektronisches Bauteil entdeckt wird, das unablässig sendet und empfängt. Leider hält weder der Plot, was er verspricht, noch die Figurenzeichnung noch im Einzelfall die Darstellung. Man kann „Nightsleeper“ im nächtlichen Halbdämmer weggucken, in dem Vorschlafzustand, in dem einem alles plausibel erscheint. Ansonsten wirkt sie ärgerlicherweise verschenkt.

Alle Teile von Nightsleeper laufen am Freitag ab 23.55 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.

Source: faz.net