Niederlande | Niederlande: Stadtpräsident nötig haben Polizeischutz, weil sie Migration begrüßen
Eine Parole schallt durch das winterliche Land. „AZC, weg ermee!“, skandieren aufgebrachte Menschen von Het Hogeland an der Nordseeküste bis Venlo an der Grenze zu Deutschland im Südosten der Niederlande. AZC ist die Abkürzung für „Asielzoekerscentrum“ – Unterkunft für Asylsuchende. „Weg damit!“ ist die Antwort weiter Teile der Bevölkerung, wenn eine solche in ihrer Ortschaft entstehen soll. Meist hört man die Parole vor Rathäusern, wo über derartige Pläne diskutiert wird.
Begleitet wird das in der Regel von wehenden Fahnen, gezündeten Böllern oder Rauchbomben. Häufig fliegen Eier und anderes auf Sicherheitskräfte und Gegendemonstranten – manchmal greift die Polizei ein. In den vergangenen Wochen sah man dies in Houten bei Utrecht, im von Blumenfeldern umgebenen Lisse oder in Amersfoort. In Uitgeest zerstörte ein Feuerwerkskörper ein Rathausfenster, in Utrecht blieb die Kundgebung Mitte Dezember zwar friedlich, doch trat als Veranstalterin die neonazistische „Nederlandse Volks-Unie“ (NVU) in Erscheinung.
Wilders gibt den Ton an
Die Zahl der Asylanträge in den Niederlanden nahm 2025 im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel ab. Auf die geschilderten Proteste hatte das jedoch keinen Einfluss. Im Gegenteil: Sie wurden immer wütender und bedrohlicher. Zugleich wussten sich die Demonstrierenden von einer Mehrheit der Bevölkerung in der Sache unterstützt. Schon 2022 sprachen sich 69 Prozent einer Umfrage zufolge für einen vorübergehenden „Asielstop“ – eine Sperre für Neuanträge – aus. Eine Forderung, die weit über die Wählerschaft der Freiheitspartei von Geert Wilders hinaus geteilt wird. Die PVV, bei den Wahlen Ende Oktober trotz starker Verluste der liberalen D66 nur knapp unterlegen, will einen vollkommenen Stopp – vorübergehend oder permanent. Der Punkt ist so allgegenwärtig im niederländischen Diskurs wie Krankenkassenbeiträge oder die Mehrwertsteuer. Warum steht ein Land derart im Bann der drei Buchstaben AZC?
Für Koen Vossen, Dozent für Politologie an der Radboud-Universität Nijmegen und Spezialist für den landesüblichen Rechtspopulismus, spielt das Verteilungsgesetz eine sehr große Rolle. Seit Anfang 2024 gültig, ermächtigt es die Regierung, Asylbewerber, die sich bis dato in vielfach überfüllten Heimen stauten, über das Land zu verteilen. Die jeweiligen Kommunen müssen dann neue Unterkünfte einrichten. Ein Konzept, das an den gescheiterten Versuch der EU erinnert, eine solidarische Verteilung Geflüchteter zu erreichen.
„Uns wird das von der Regierung aufgezwungen“, sagt Ramon van Dungen mit einiger Empörung. Deshalb steht er Mitte Dezember auf dem Marktplatz des Städtchens Papendrecht bei Rotterdam. In wenigen Minuten soll Geert Wilders eintreffen. Angekündigt ist der Besuch als erste Station seiner „AZC-Tour“. In Papendrecht, so van Dungen, werde im April 2026 ein Wohnheim für minderjährige Geflüchtete eröffnet, im Einkaufszentrum gleich hinter dem Markt. „Die werden dann hier herumstreifen, das wird sich auf die Sicherheit auswirken. Viele Ladenbesitzer werden Diebstähle befürchten und schließen.“
Van Dungen, der wie viele früher einmal sozialdemokratisch gewählt hat und über die PVV inzwischen beim alt-rechtslastigen „Forum voor Democratie“ gelandet ist, liefert noch einen weiteren Grund für die Dauerbrisanz des Themas. „Der Staat versucht, dein Leben immer mehr zu beeinflussen. Hinzu kommt die EU mit allerlei Regeln, etwa für die Umwelt.“ Die AZC-Debatte ist demnach nicht nur das Ergebnis von Überfremdungsangst und eines Kulturkampfes, der in den Niederlanden heftig geführt wird. Sie zeugt auch vom Streben nach nationalstaatlicher Selbstbestimmung. Überdies lassen sich Verteilungskämpfe damit verschränken.
Gérard Le Trébuchet, ein rüstiger Rentner in schwarzer Bomberjacke, dessen Vorfahren einst aus Luxemburg einwanderten, ist zum Markt gekommen, weil er es „vollkommen satt“ hat, wenn „alle anderen Vorrang vor der eigenen Bevölkerung genießen“. Saskia Alberts, die der PVV-Fraktion eines Provinzparlaments im Süden der Niederlande angehört, betont: „Die Leute haben genug davon, dass Junge keine Wohnung mehr finden. Und Alte ebenso wenig.“ Ein Verweis auf eines der schmerzhaftesten sozialen Probleme in einer Gesellschaft, der gut 400.000 Wohneinheiten fehlen.
Geert Wilders genießt das Bad in der Menge
Alberts reiht sich ein in den Pulk um Geert Wilders, der inzwischen angekommen ist und sich durch eine riesige Menge ins Einkaufszentrum schiebt. Es werden Flugblätter verteilt, auf denen neben einem Asyl-Stopp auch „Häuser für die Niederländer“ gefordert werden. Im Wahlkampf hat Wilders versprochen, nicht zu ruhen, bis alle AZC geschlossen sind. Ist das überhaupt möglich? „Wenn man es nicht versucht, ist es sicher nicht möglich“, sagt die Abgeordnete Saskia Alberts knapp.
Wilders selbst verzichtet an diesem Tag auf markige Ansagen. Offenbar reicht ihm das Bad in der Menge. Er strahlt in Kameras, die pausenlos auf ihn gerichtet sind. Ältere mit Rollatoren wie Jugendliche mit Fat Bikes, alle suchen seine Nähe. Kaum jemand, der kein Foto mit ihm will. „Geertje“, rufen ihn die Leute, und „Geertje“ gibt zwischen Käseladen und Obststand den Volkstribun zum Anfassen. Dass er anders kann, gerade wenn es um AZC und ihre Bewohner geht, ist bekannt. Man denke an Tiraden gegen „Asylbewerber in Luxusunterkünften“, die sich „vollfressen“, während Niederländer den Altenheim-Lebensabend bei kargen Mahlzeiten fristeten.
„Die PVV facht die Wut der Eingesessenen rhetorisch an“, urteilt Cas Mudde, niederländischer Rechtsextremismus-Experte und Professor an der University of Georgia. Er findet, dass es schon zu Zeiten „der sogenannten Asyl-Krise 2015/16 sehr viele Proteste gegen AZC gab, häufig begleitet von Gewalt oder deren Androhung“.
Für Koen Vossen aus Nijmegen sind die Proteste ein Punkt, an dem eine rechtsextreme Agenda und die Sorgen von Bürgern in oft kleinen Kommunen zusammentreffen. Tatsächlich rief Geert Wilders schon 2015 zum „Widerstand“ gegen die Asylpolitik der Regierung auf. Inzwischen sei dieser Widerstand, der einst als rechtsextrem galt, Teil des Mainstreams. Wie sehr, das zeigte sich im November, als das KI-generierte, mit billigsten Kirmes-Beats ausgestattete Lied Wij zeggen Nee, Nee, Nee, tegen een AZC die niederländischen Streaminglisten anführte. „Sie überspülen uns mit Menschen, die hier nicht hinpassen“, hieß es da. „Genug ist genug, voll ist voll, weg damit, für unsere Kinder, für unsere Existenz!“
Militante Xenophobie ist sicht- und hörbar zum Pop geworden. Mit diesem Soundtrack tritt bei den Protesten auch die identitäre Gruppe „Defend Netherlands“ regelmäßig in Erscheinung. Nicht eben selten geraten dann die Bürgermeister einzelner Orte in den Fokus. So wird in Venlo mittlerweile die Wohnung von Antoin Scholtens bewacht, der mehrfach bedroht und beleidigt wurde. In Terneuzen hat AZC-Befürworter Erik van Merrienboer seinen Rücktritt angekündigt, nachdem Mitglieder des Stadtrats gegen die Unterkunft stimmten. Es heißt, sie seien unter Druck gesetzt worden.
In Lisse schließlich, nahe der tulpentouristischen Mega-Attraktion Keukenhof, erstattete Jasper Nieuwenhuizen Anzeige, nachdem er über soziale Medien gefragt worden war: „Brauchst du eine Kugel in deinen Scheiß-Kopf?“ Auf den Straßen Lisses ist kurz darauf der Tenor deutlich: eine Morddrohung geht zu weit. Ein AZC aber will aber so gut wie niemand.