Nick Fuentes schockt MAGA: Das neue Idol dieser weißen, männlichen Rassisten
Der 27 Jahre alte Amerikaner Nick Fuentes ist vieles. Ein glühender Antisemit und Holocaustleugner. Ein Rassist und Verfechter der Vorherrschaft der Weißen, ein Frauenhasser. Das war er schon, als Donald Trump ihn 2022 zum Abendessen nach Mar-a-Lago einlud und später behauptete, er habe Fuentes gar nicht gekannt.
Doch inzwischen ist der junge Mann einer der ganz Großen in der ultrarechten Bewegung in den Vereinigten Staaten. „Juden beherrschen die Gesellschaft, Frauen müssen die Klappe halten“ und die meisten Schwarzen gehörten ins Gefängnis, sagte Fuentes in diesem Frühjahr.
Sein Rassismus und sein Frauenhass sind in Trumps Anhängerschaft kein Aufreger. Aber sein offener Judenhass hat jüngst eine breite Debatte in der Bewegung darüber losgetreten, wie Trumps „Make America Great Again“ mit Antisemitismus in den eigenen Reihen umgeht. Fuentes sagte 2023 über Adolf Hitler, der sei „richtig fucking cool“ gewesen. Das wisse jeder, „der die Videos schaut, in denen er durch die Straßen fährt und so. Der Typ ist großartig.“
Jahre vorher, also vor dem Abendessen mit Trump, hatte Fuentes in seiner Show das Ausmaß des Holocaust geleugnet. Damals rätselte er darüber, wie lange das „Cookie-Monster“ wohl brauche, um in fünf Jahren „sechs Millionen Cookies“ zu backen. Dann behauptete er, die Rechnung gehe nicht auf. „Sechs Millionen Cookies? Nee, nee. Das kaufe ich ihnen nicht ab.“ An einer Stelle wich er von seiner Analogie ab. Es seien provisorische Öfen verwendet worden, obwohl man für andere Zwecke perfekt funktionierende Öfen gebaut habe – „zum Entlausen“.
Keine Restaurants mit Verbindung zu Schwarzen
In einer Onlinedebattenshow weigerte Fuentes sich, die Frage zu beantworten, ob Hitler gut oder böse gewesen sei. Er sei zwar kein „Super-Fan“, aber bleibe da neutral. Man müsse Hitler als „Produkt seiner Zeit“ beurteilen. Das Narrativ über den Zweiten Weltkrieg werde heutzutage dafür hergenommen, „alle wichtigen Dinge in der Gesellschaft zu dekonstruieren“. Weil es danach geheißen habe „Nie wieder“, könne man heute „keine starken Haushalte, keine starken Nationen, keine starken Religionen“ haben. Fuentes sieht die Nazis als Ursache dafür, dass Amerika heute eine „Politik der offenen Grenzen“ habe. Er spricht regelmäßig von einer „organisierten Judenheit“ im Land.
Fuentes, der zu einem Viertel mexikanischer Abstammung ist, beschreibt seine politische Wandlung immer wieder wie ein Erwachen. Er wuchs im 13.000-Einwohner-Ort La Grange Park auf, nicht weit von Chicago. „Isoliert vom Thema Einwanderung“, wie er es einmal formulierte. Sein Rassismus, scherzte er, komme von seinen Eltern. So seien sie zum Beispiel nie in Restaurants gegangen, die der Vater mit Schwarzen in Verbindung gebracht habe.
Später wurde er zu einem großen Fan Trumps. In seinem ersten Jahr an der Universität Boston lief er demnach nur mit roter „Make-America-Great-Again“-Kappe durch die Gegend. Er sei „extrem politisch“ gewesen, aber „wie viele“ ziemlich Mainstream. Damit meint Fuentes: pro-Israel, ein libertärer Konservativer. Schließlich habe es vor zehn Jahren nichts anderes gegeben. Eine der bekanntesten konservativen Stimmen in der Onlinewelt war damals Ben Shapiro, orthodoxer Jude, Zionist, nach eigenen Angaben Verteidiger der freien Meinungsäußerung, Gegner von Abtreibungen und gleichgeschlechtlicher Ehe.
Alt-Right und „König“ Trump
Doch das Jahr 2016 habe „alles verändert“, sagt Fuentes. Mit der Anti-Establishment-Stimmung kam der Aufstieg der ultrarechten Alt-Right-Bewegung und deren „König“ Trump. Fuentes begann, diese „interessanteren Ideen“ zu verfolgen. Er änderte seine Ideologie, geriet nach eigener Aussage in einen Konflikt mit dem Establishment. Im Jahr 2017, da war er 19 Jahre alt, erregte er zum ersten Mal nationale Aufmerksamkeit, als er am Rechtsextremen-Marsch in Charlottesville teilnahm und wenig später wegen angeblicher Todesdrohungen die Universität in Boston verließ.

Heute sagt Fuentes: „Ich wurde sehr rassistisch, sehr pro-Weiße, sehr kritisch gegenüber Israel, sehr aufmerksam gegenüber dem jüdischen Phänomen, das in diesem Land stattfindet.“ Konservative Figuren wie Shapiro, die ihn erst für hoffnungsvollen Nachwuchs hielten, rückten unter Verweis auf seinen Antisemitismus von ihm ab. Doch Fuentes’ Aufstieg unter jungen Männern in der Onlinewelt begann. Zu seiner ersten öffentlichen Debatte kamen 300 Leute. Fuentes hatte zu diesem Zeitpunkt 200 Follower auf Twitter. Aus dem Keller seiner Eltern ging er im August 2017 mit der „America First“- Show live. Heute folgen Fuentes 1,1 Millionen Menschen auf der Plattform X und 506.000 auf der Videoplattform Rumble. Hunderttausende schauen seine Clips.
Groyper gegen MAGA
Fuentes’ Anhänger nennen sich „Groypers“. Sie sind eine Onlinebewegung vornehmlich junger weißer Männer, Rassisten und Antisemiten, die unter Berufung auf „America First“ eine weiße, christliche Nation anstreben. Sie lehnen den klassischen Konservatismus als zu liberal oder zu pro-Israel ab. In sogenannten Groyper-Kriegen haben sie in der Vergangenheit Veranstaltungen von MAGA-Figuren gestört, die ihnen nicht radikal genug sind – Auftritte des ermordeten rechtspopulistischen Aktivisten Charlie Kirk und seiner Organisation etwa. Fuentes verachtete Kirk für seine proisraelische Einstellung, nannte ihn einen „Fake-Konservativen“ und hatte Hausverbot bei seinen Veranstaltungen. Kirk wiederum verweigerte sich einer öffentlichen Debatte mit Fuentes. Nach seiner Ermordung gab es Falschmeldungen, wonach ein „Groyper“ den tödlichen Schuss abgegeben habe.

Die interne Debatte über Fuentes eskalierte jedoch erst, als der frühere Fox-News-Moderator Tucker Carlson, ein hochgeschätzter Mann in der MAGA-Bewegung, ihn Ende Oktober in seine eigene Show einlud. Carlson war bis vor zwei Jahren die Stimme Trumps bei Fox News gewesen, ein mächtiger Verstärker. Drei Millionen Amerikaner schauten seine Sendung im Durchschnitt. Und nun saß bei Carlson, wenn auch in einer unabhängig produzierten Show, ein Mann, der seinen Judenhass offen zur Schau trägt.
Mit Trumps Aufstieg hat sich der Maßstab dafür, was laut gesagt werden darf, weit verschoben. Er selbst beleidigt, verhöhnt, wertet herab. Doch Fuentes’ Bemerkungen überschreiten für viele MAGA-Anhänger eine rote Linie. Das liegt auch daran, dass die wichtige Wählerbasis der evangelikalen Christen Israel wegen ihres Glaubens eine biblische Sonderrolle zuschreibt. In ihrer Endzeit-Theologie gilt der Staat als notwendige Voraussetzung für die Wiederkehr Christi.
Ted Cruz gegen Fuentes‘ „Gift“
Einer der lautesten Kritiker des Interviews, das inzwischen sechs Millionen Leute gesehen haben, war der texanische Senator Ted Cruz, nach eigenen Angaben „christlicher Zionist“. Er warf den Republikanern vor, sie stellten sich nicht entschlossen genug gegen Fuentes „Gift“, und zwar aus Furcht davor, von ihm an den Pranger gestellt zu werden. Cruz ging es dabei ausdrücklich nicht um die Tatsache, dass das Gespräch zustande kam – nur dass Carlson Fuentes nicht Paroli geboten habe. Auch der Sprecher des Repräsentantenhauses, der Republikaner Mike Johnson, hob hervor, es gebe ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Doch man dürfe Fuentes mit seinen Inhalten nicht noch eine Bühne bieten.
Tucker Carlson begann das Interview mit den Worten: „Ich wollte dich wirklich gern kennenlernen.“ Er wolle verstehen, woran Fuentes „wirklich“ glaube. Dann folgen knapp zweieinhalb Stunden, in denen Carlson so gut wie kein Widerwort gibt. Fuentes sagt zum Beispiel: „Ich war kein Skinhead oder so. Ich war ein normaler Typ, der gesagt hat, unser Land ist zu divers. Wir sind zu pro-Israel. Das ist ein vernünftiger Gedanke. Und ich wurde dafür einfach runtergemacht und auf die schwarze Liste gesetzt.“ Carlson erwidert, es sei ihm mit bestimmten Themen ähnlich gegangen. Gleichermaßen unwidersprochen bleibt die Bemerkung, Juden seien ein „staatenloses Volk“, das sich der Assimilation „seit Tausenden von Jahren“ widersetze.
Erzfeind Charlie Kirk
Fuentes nennt diejenigen Republikaner, die er für nicht konservativ genug hält, „Zensoren“. Ob demokratisch oder republikanisch, das sei am Ende alles dasselbe. Es gebe keine „echte Opposition“, sagt er auch im Gespräch mit Carlson. Es müsse erst einen internen Kampf geben, bevor man den Kampf gegen die Linke beginnen könne. Carlson fragt, wer dafür „zur Seite gedrängt“ werden müsse. Fuentes gibt zurück, „zionistische Juden wie Dave Rubin, Ben Shapiro und Dennis Prager“, allesamt konservative Medienfiguren. Sie hätten früher „den Medienapparat kontrolliert“ und das „größte Hindernis“ dargestellt. Carlson geht nicht darauf ein. Am Ende sagt er, diese Männer seien ja alle in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, „also hast du vielleicht gewonnen“. Fuentes gibt zurück: „Oh, das habe ich ganz sicher.“
Auch diese Bemerkung dürfte ein Grund für die jüngst aufgeflammte Diskussion sein. Fuentes Positionen sind auf dem Weg dahin, normal zu werden. Er selbst sagte in einem Podcast, Amerika akzeptiere die Groyper jetzt schon mehr als noch vor zehn Jahren. Wenn sie sich mal ganz durchgesetzt hätten, werde es „ganz schnell gehen“.
Vor vier Jahren noch war Fuentes in vielem eine unerwünschte Person: wegen Hassrede und der Anstachelung zum Sturm auf das Kapitol ausgeschlossen von den meisten Onlineplattformen und sogar von Bezahldiensten. Im März 2023 wurde er von der CPAC-Konferenz entfernt, auf der Trumps MAGA-Flügel zweimal im Jahr über Gedanken und Pläne philosophiert. Der Grund: Hasserfüllte rassistische Rhetorik und Handlungen würden nicht geduldet.
Trump schweigt zu Fuentes
Trumps inzwischen aus Washington weitergezogener Vertrauter Elon Musk ließ Fuentes erst im vergangenen Jahr wieder für X zu. Seine Followerschaft wuchs rapide. In den vergangenen Monaten dann profitierte Fuentes von zwei Dingen: der Frustration vieler junger Republikaner über Israels Vorgehen in Gaza, die sie zugänglicher für seine Israelkritik machte. Und dem Tod seines Erzfeinds Charlie Kirk, über den er in mehreren Videos sprach. Nun ist der junge Mann, der in seinen Videos immer Anzug und häufig Krawatte trägt, Auslöser eines Grundsatzstreits innerhalb der „Make-America-Great-Again“-Bewegung, der noch lange brodeln dürfte.

Das dürfte manchen besonders schmerzen, weil Fuentes Trump zwar immer wieder als symbolische Figur hervorhebt, der es zu folgen gelte. Doch er kritisiert den Präsidenten und seine Regierung gleichzeitig heftig: für die Israelpolitik, die Nichtveröffentlichung der Epstein-Akten und die Visapolitik für Ausländer etwa.
Über Vizepräsident J. D. Vance sagte Fuentes im Sommer, der könne nicht die Zukunft der republikanischen Partei sein, weil er „nie ein Rassist sein wird“. Er selbst werde außerdem nicht für einen „Fettarsch“ stimmen, in dessen Familie nicht alle Weiße seien. Im September schrieb er in den sozialen Medien: „Trump 2.0. ist eine Enttäuschung in buchstäblich jeder Hinsicht, aber niemand will es zugeben.“
Der Präsident hält sich mit öffentlichen Erwiderungen auf Kritik selten zurück. Doch in der Causa Fuentes ist er bislang still geblieben. Schon nach dem Abendessen in Mar-a-Lago sagte er nur, es sei „schnell und ruhig“ gewesen. Aus dem Weißen Haus hieß es zu dem jüngsten Tweet laut amerikanischen Medien, man wolle nicht den Zorn der Groyper im Netz auf sich ziehen. Die hatten Trumps Wahlkampfteam im vergangenen Jahr schon den Krieg erklärt, weil das Team ihrer Meinung nach von Beratern, Lobbyisten und Spendern gekapert worden sei, die es „versauten“. Zu den größten Spenderinnen Trumps gehörte damals auch die amerikanisch-israelische Ärztin und Philantropin Miriam Adelson, die ihn mit mehr als 100 Millionen Dollar unterstützte.
MAGA spalten – oder übernehmen
Trump wäre der Einzige, der die jüngste Debatte sofort beenden könnte. Zumal seine Regierung dem Antisemitismus in den USA und vor allem an amerikanischen Universitäten entschieden den Kampf angesagt hat. Dass er es nicht tut, ist kein Zufall: Fuentes hat nicht nur eine gehorsame Trollarmee hinter sich. Sie macht auch einen wichtigen Teil des MAGA-Nachwuchses aus. Der rechtsextreme Aktivist hat schon angedroht, sollten die Republikaner 2028 Vance als Kandidaten nominieren, würden seine Anhänger nicht wählen gehen. Beobachter witzeln, künftig werde es zwei Lager geben: „America First“ von Fuentes und „Make America Great Again“.
Die Fassungslosigkeit einiger Republikaner über Carlsons Plattform für Fuentes wurde noch befeuert, als Kevin Roberts, der Präsident der alteingesessenen konservativen „Heritage Foundation“ in Washington, Carlson beisprang. In einem Video sagte Roberts, Konservative sollten sich nicht automatisch verpflichtet fühlen, ausländische Regierungen zu unterstützen, „egal wie groß der Druck von der globalistischen Elite ist“. Eine „bösartige Allianz“ greife Carlson an.
Seine Aussagen wurden von vielen als antisemitische Stereotype wahrgenommen. Eine Antisemitismus-Taskforce stellte die Arbeit mit der Stiftung ein, es hagelte Kritik aus den eigenen Reihen, es gab eine Mitgliederversammlung, und Roberts entschuldigte sich schließlich. Er habe eine „schreckliche Wortwahl“ getroffen, die berechtigte Sorge hervorgerufen habe, sagte er in einem Video auf X. Führung erfordere, dass man Fehler anerkenne und nutze, „um uns neu auszurichten, neu zu fokussieren und uns abermals zu engagieren“.
Über Fuentes selbst sagte Roberts, der sei eine „böse Person“ mit einer Millionengefolgschaft. Doch vielleicht könne man wenigstens unter ihnen noch einige bekehren. Fuentes selbst reagierte auf die Debatte um seine Person genervt und mit Hohn. In einem Video von Dienstag sagte der rechtsextreme Aktivist, er sei kein Nationalsozialist. Der Holocaust sei aber „eine jüdische Gutenachtgeschichte“. Keine Gutenachtgeschichte „für uns“.
Source: faz.net