Nicht leer sehen aus wie George Clooney: Die fünf besten Serien-Docs

In der Realität ist er eher selten, aber in Krankenhausserien gehört er fast immer dazu: der Hotshot-Doktor mit einem Faible für Techtelmechtel und Drogen. Unter den 5 Lieblingsdocs unserer Autorin finden sich aber noch ganz andere


Sie urteilt nicht, sie diagnostiziert, hilft und fühlt mit: Fiona Dourif als Dr. McKay

Foto: Warrick Page/Max


Dr. Cassie McKay (Fiona Dourif), „The Pitt“

Ob Schusswunden verarzten, Genderungerechtigkeit bekämpfen oder Pferdestehlen: McKay ist dabei. Ihre Energie ist ebenso grenzenlos wie ihr Humor und ihre Ehrlichkeit, und das mit der elektronischen Fußfessel hat mit einer einstweiligen Verfügung zu tun und ist anscheinend halb so schlimm (zumal McKay das Ding irgendwann eigenmächtig mit einem chirurgischen Instrument außer Kraft setzt, weil es nicht aufhört zu fiepen).

Dass die unprätentiöse und resiliente Alleinerziehende in der Vergangenheit drogenabhängig war, macht sie nur zugänglicher: Dr. McKay kann man wirklich alles erzählen. Sie urteilt nicht, sie diagnostiziert, hilft, fühlt und lacht mit. In den Augen der Schauspielerin Fiona Dourif erkennt man zudem ganz leicht den leisen, aber fesselnden Spleen ihres Vaters Brad.

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Dr. Richard Kimble (David Janssen), „The Fugitive“

Ein Traum von einem Arzt: sympathisch, empathisch, erfahren, dennoch zurückhaltend. Im Anzug mit schmaler Krawatte bewegt er sich ebenso elegant wie im Kittel, die Frisur sitzt wie eine Eins. Ach ja, klitzekleines Handicap: Dr. Kimble befindet sich auf der Flucht. Miese Menschen wollen ihm den Mord an seiner Frau anheften. Natürlich ist er unschuldig, schon aus obigen Gründen.

Doch die Idee des mobilen, flüchtenden und damit gewissermaßen flüchtigen Arztes, der in jeder Folge der 1963 entstandenen Fernsehserie einen neuen, zufälligen Fall am Wegesrand findet, bereicherte das Arzt-Narrativ um eine zwingende Dramaturgie: Während in üblichen Krankenhausserien meist nur die Patient:innenschicksale etwas am festen Gefüge verändern, ändern sich hier Orte und Situationen permanent. Der jazzig-betörende Score von Pete Rugolo, Janssens leicht schwermütiger Blick, dazu etwa Beau Bridges, Bruce Dern oder Sandy Dennis, die den wackeren Mediziner unter der Regie von u. a. Ida Lupino und Sydney Pollack unterstützen: David Janssens uneitler Dr. Kimble ist im Gegensatz zum Remake von 1993, in dem sich Harrison Ford in gewohnter Fordigkeit ausbreitet, tatsächlich heilsam.

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Dr. Kerry Weaver (Laura Innes), „Emergency Room“

So (und nicht wie George Clooney) sehen Ärzt:innen aus. Während die zwischen Lebenretten und Flirten oszillierenden Kolleg:innen sich an Menschlichem und Emotionalem reiben, bleibt Dr. Weavers Krücke fest am Boden. Was Dr. Ross (Clooney) weglächelt, Dr. Greene (Anthony Edwards) mit Integrität und Humor verarztet, und Dr. Carter (Noah Wyle) mit jugendlichem Leichtsinn vergisst, dafür steht Dr. Weaver verlässlich ein.

Sie mag keine Partylöwin sein, aber von wem würde man nach einer Aneurysma-Ruptur im Zweifelsfall lieber notoperiert werden: Mit einem Korkenzieher von der halbbetrunkenen Stations-Flirtkanone, oder von Dr. Weaver mit ihrem sauber desinfizierten Trepanationsbohrer? Eben. Auch ansonsten wirkt die nicht nur hüftsteife Dr. Weaver realistisch: Ihr Coming-Out kommt zögerlich, aber nachhaltig.

Ihre Zielstrebigkeit führte zu einer beeindruckenden Karriere, falls das mit den „Chief“ und „Senior“ und sonstigen „Residents“ stimmt, gehört ihr am Ende quasi der ganze Laden: In Staffel 15 der von 1995 bis 2008 laufenden, bis heute bahnbrechenden Serie ist sie „Chief of Staff“. Das eine oder andere Leben wird weiterhin gerettet.

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Dr. Algernon Edwards (André Holland), „The Knick“

Er ist der Begabteste am New Yorker „The Knickerbocker“-Krankenhaus, kurz „The Knick“, das im Jahr 1900 einigen Herausforderungen ausgesetzt ist: Neuerdings gibt es diese merkwürdige „Elektrizität“, von der man noch nicht weiß, ob sie sich für Krankenhäuser eignet; die Leichen, an denen man experimentieren und üben muss und möchte, sind dagegen immer schwerer zu beschaffen. Und Dr. Edwards Vorgesetzter, der Chefchirurg Dr. John W. Thackery (Clive Owen), ist laudanumabhängig.

Noch mehr hat Edwards, der vom Moonlight-Darsteller Holland mit einem Höchstmaß an Nonchalance, Körperbeherrschung und unterdrückter Wut gegeben wird, jedoch mit der Verachtung und Ignoranz seiner zutiefst rassistischen Umgebung zu kämpfen. Die Showrunner ließen den Charakter auf zwei historischen, Schwarzen Ärzten basieren – Daniel Hale Williams und Louis T. Wright gehörten zu den ersten Schwarzen Chirurgen des Landes, die an nicht-segregierten Krankenhäusern praktizieren (durften). Unter der Regie von Steven Soderbergh entwickelt sich Dr. Edwards zum klassisch-untervorteilten Arzt – und zum Serienliebling.

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Dr. Ben Weber (Slavko Popadic), „KRANK Berlin

Diesen Arzttypus gibt es in Filmen und – hoffentlich – der Realität nur selten. Doch in Krankenhausserien tummelt sich fast immer ein unkonventioneller Hotshot-Doktor mit einem Faible für Techtelmechtel und Drogen, dem weiße oder grüne Kittel dennoch derartig gut stehen, dass man die akuten Schmerzen fast vergisst (siehe Dr. Thackery/The Knick, Dr. Langdon/The Pitt, Dr. Ross/ER).

Bislang dürfen diese ambivalente und spannende Figur zwar nur männliche (Hetero-)Charaktere bekleiden, vielleicht weil das für Frauen und Queers zu viele Probleme auf einmal wären, aber das ändert sich bestimmt irgendwann. Im realistisch-schmuddeligen Berlin rettet die Hotshot-Variante Dr. Weber einstweilen das Leben der anderen, auch noch nachdem er selbst fast an Feierfreude draufgegangen ist, und macht seine Sache hervorragend. Und dass man bei einer Konsultation quasi the best of both worlds bekommt, Gesundheit und Aufregung, kann ja nicht schaden.