Nicht einmal Høibys Anwälte sprachen sich z. Hd. eine Bewährungsstrafe aus
Am Ende des Strafprozesses gegen den Sohn von Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit scheint sicher zu sein, dass der Angeklagte ins Gefängnis gehen muss. Zum Schluss entwickelte sich eine hitzige Diskussion im Saal.
Er spricht ganz ruhig, sehr langsam und deutlich. Da schwingt keine Aufregung, kein Tremolo mit in der Stimme von Petar Sekulic, dem Verteidiger von Marius Borg Høiby. Aber was er sagt, hört sich schneidend an. „Es gibt keinerlei Beweise für die vorgeworfenen Vergewaltigungen“, so Sekulic. Die Frauen hätten in ihren Aussagen „gelogen“, sich aufgespielt, wichtig gemacht und es genossen, die Nacht mit einem „Prominenten“ verbracht zu haben. Geschlafen hätten sie nicht, als Høiby in sie eindrang, und wenn doch, dann habe er es nicht bemerkt. Vielleicht wirkt Sekulics Vortrag umso brutaler, weil ihm jeder theatralische Donner fehlt. Ihm gegenüber sitzen drei der betroffenen Frauen und zeigen keine Reaktion, die Nebenklage-Anwältin Mette Larsen verdreht derweilen die Augen und schüttelt mit dem Kopf.
Haben an den 27 vorangegangenen Verhandlungstagen nicht genug Zeugen ausgesagt, die die Vorwürfe der Anklage stützen würden? War es nicht so, dass drei der Frauen nichts von der Vergewaltigung wussten und erst davon erfuhren, als die Polizei Videos auswertete, die Høiby von ihnen heimlich angefertigt hatte, und die Zeuginnen vorlud? Und gab es nicht die tagelangen Vorträge der Kriminalbeamten, die auf einem Zeitstrahl die Zeitstempel der Videos mit den Puls-Daten der Smartwatches der Frauen abglichen, sodass zu sehen war, dass diese schliefen, während Høiby sich an ihnen verging?
Am letzten Verhandlungstag setzten die beiden Verteidiger Sekulic und Ellen Holager Andenæs alles daran, ihren Job zu machen, also Zweifel an den Ergebnissen der Beweisaufnahme zu säen. „Wenn es möglich ist, die Beweise so zu verstehen, dass der Beschuldigte unschuldig sein könnte, muss er frei gesprochen werden“, so Sekulic – und benannte im selben Atemzug andere Schuldige. Vor allem die Medien, die Høiby „gejagt und verfolgt“ hätten, wie Sekulic meinte.
Es ging um Sex, Drogen und Videos
„Zehntausende Artikel wurden über ihn veröffentlicht, es gab illegale Durchstechereien bei der Polizei an Journalisten und es plagt ihn Mandanten, dass seine Familie da hineingezogen wurde.“ Ja, und der Fall selbst sei natürlich aufgrund der „intimen Details“ selbst sehr herausfordernd für Høiby. Schließlich ging es um Sex, Drogen und Videos; alles Dinge, die nicht für Öffentlichkeit bestimmt gewesen sind. Saßen in den vergangenen sieben Wochen also nur Opfer im Saal 250 des Osloer Bezirksgerichts?
Ein Urteil soll Anfang Juni verkündet werden, sagte Richter John Efjestad. Doch ein gänzlich zu Unrecht Verfolgter ist Høiby auch in den Augen seiner Rechtsbeistände nicht. Andenæs beantragte zwar, ihn wegen der angeblichen Vergewaltigungen freizusprechen, hält aber wegen der Körperverletzungen und weiterer Gewalthandlungen, die ihr Mandant gleich zu Beginn gestanden hatte, eine Mindeststrafe von anderthalb bis zwei Jahren für gerechtfertigt. Sollte das Gericht die Sexualstraftaten ebenfalls für bewiesen halten, wären fünf bis sechs Jahre Haft schuldangemessen, so Andenæs.
Das wäre dann schon verhältnismäßig nah am geforderten Strafmaß der Staatsanwaltschaft dran; der Vertreter der Anklagebehörde Sturla Henriksbø forderte am Mittwoch in seinem Plädoyer sieben Jahren und sieben Monate Haft. Sekulic mahnte an, dass ein Urteil nicht „aus einem Bauchgefühl heraus“ gefällt werden dürfe, sondern aufgrund einer gründlichen Beweiswürdigung.
Der Verteidiger gab zwar zu, dass Høiby ein „Wut-Problem“ habe, dass zu Ausrastern und Gewalttätigkeiten führe. Das habe sein Mandant selbst zugegeben. Aber die schwerwiegenden Misshandlungen, die laut Anklage in der Beziehung zu Nora Haukland geschahen, seien anders zu gewichten. „Beide haben geschrien, beide haben geschlagen“, sagte Sekulic.
Und zu den Aussagem der anderen Frauen hatte der Anwalt im Vergleich zur Staatsanwaltschaft ebenfalls eine abweichende Meinung. Die „Skaugum-Frau“? Habe eine „bewusst falsche Erklärung abgegeben, da sie mit seinem Mandanten schon früher Sex hatte. Das hat sie in ihrer ersten Aussage verneint. Als er mit ihr in der betreffenden Nacht schlief, war sie wach.“
Die „Lofoten-Frau“? Habe sich an ihn via Tinder herangemacht, weil er prominent sei, wie sie selbst gesagt habe. Sie sei wach gewesen, als er in sie eindrang und habe keinen Widerstand geleistet. „Sie ist eine starke Frau“, so Sekulic.
Ebenso habe es sich mit der „Oslo-Frau“ verhalten, die es „cool“ fand, dass sie mit Marius im Bett gewesen sei. Mit der sogenannten „Hotel-Frau“ schickte sich Høiby Nacktbilder hin und her, nichts habe darauf hingedeutet, dass er sie bedrängte. Die Stimmung sei gut gewesen und „sie war interessiert an ihm“, so Sekulic. Auf den Aufnahmen sei ein Stöhnen zu hören, als er mit dem Finger in sie eindrang, sie habe also „nicht geschlafen“.
Und die „Frogner-Frau“, mit der 2022 und 2023 zusammen lebte, die von einem „Gewalt-Regime“ berichtete und Angst vor ihm gehabt habe? Sie habe ihn als „Verlierer“ bezeichnet, der ein „low life“ lebte und nur Motorradmechaniker sei. Høiby antwortete auf solche Vorhalte mit der Faust.
Alles weniger als halb so schlimm, so klang das, alles aufgebauscht und fehlinterpretiert. Doch auch die Frauen berichteten von dem Mediendruck, dem sie ausgesetzt seien, von der Angst vor der Identifizierung, von der Scham über das Ausbreiten ihrer Intimsphäre. Sie hätten dies alles am liebsten nicht erlebt, berichteten sie unisono.
Es ist viel Politik im Spiel. Das Königshaus hängt mit drin, da Høiby als Sohn von Mette-Marit Teil der royalen Familie ist, aber nicht Teil des Hofes. Es geht um das Verhältnis von Männern und Frauen generell, um die Frage, wann oder ob ein Mann mit einer Frau Sex haben kann und wie intensiv über solche Verfahren berichtet werden soll. Es geht, auch, um Macht, wie sie ausgeübt wird und wie sie sie wirkt. Wäre es wirklich besser, ein solcher Prozess fände hinter geschlossenen Türen statt?
Am Ende des letzten Tages kam es noch zu einem Wortgefecht zwischen der Verteidigung auf der einen Seite und der Staatsanwaltschaft und den Nebenklagevertretern auf der anderen Seite. Denn die norwegische Strafprozessordnung lässt zu, dass sich die Parteien über ihre jeweiligen Schlussvorträge noch einmal austauschen dürfen.
Dampf ablassen träfe es wohl eher: „Es ist nicht so, dass man auf Beleidigungen mit Gewalt antworten darf“, sagt Henriksbø. Nebenklage-Anwältin Heidi Reisvang verteidigte ihre Mandantin Nora Haukland gegen den Vorwurf, sie sei eine geldgierige Influencerin, die nur auf Aufmerksamkeit aus sei und daher ein „Opfer“ von Gewalt sein könne.
So gerieten die letzten Diskussionen im Saal 250 auch zu einer politischen Diskussion. Was auch immer Richter Efjestad daraus machen wird, eines scheint sicher: Marius Borg Høiby wird am Ende für wenigstens anderthalb Jahre ins Gefängnis gehen, nicht einmal seine Anwälte haben sich für eine Bewährungsstrafe ausgesprochen. Er wird sich damit abgefunden haben. Zeichnend verbrachte er auch diesen Tag im Gericht, wenn er auch öfter aufschaute und dem Vortrag seiner Verteidiger erkennbar interessiert zuhörte.
Das Bild, das er heute malte, zeigte einen Totenkopf. Darunter stand in Großbuchstaben das Wort: „MONSTER“.
Source: welt.de