„Nicht die Kanonenkugel fügt den größten Schaden zu, sondern die Holzsplitter“

Der britische Admiral Horatio Nelson griff im April 1801 Kopenhagen an und versenkte das Flaggschiff der Dänen. Archäologen haben jetzt das Wrack der „Dannebroge“ entdeckt. Es vermittelt eine Vorstellung von der Härte der Schlacht.

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Als der britische Admiral Horatio Nelson am Morgen des 2. April 1801 seinen Schiffen den Befehl zum Angriff auf den Hafen von Kopenhagen gab, war er bereits ein berühmter Seeheld. Denn sein Sieg über die französische Flotte in der Bucht von Abukir 1798 hatte das Expeditionskorps Napoleon Bonapartes in Ägypten seiner Logistik beraubt.

Seitdem galt Nelson als Draufgänger, der trotzdem nichts dem Zufall überließ. Bereits in den Tagen zuvor hatte er die Fahrrinnen vor der dänischen Hauptstadt gelotet und einen Plan entworfen, um den schweren Geschützen des Trekroner Forts zu entgehen. Ziel waren die dänischen Linienschiffe, die als schwimmende Batterien vor dem Eingang des Hafens postiert waren. Im Zentrum der Schlachtordnung stand die „Dannebroge“, die dem dänischen Befehlshaber als Flaggschiff diente. Sie wurde ein Opfer der überlegenen britischen Kanonen.

Dass es dänischen Archäologen 225 Jahre danach gelungen ist, das Wrack des Kriegsschiffs zu identifizieren, darf durchaus als Sensation gelten. Denn in den dichten Sedimentablagerungen vor Kopenhagen geht die Sicht gegen null. Zudem werden die Arbeiten in 15 Meter Tiefe durch Wrackteile behindert. „Manchmal kann man nichts sehen, und dann muss man sich einfach vortasten und mit den Fingern suchen, anstatt mit den Augen“, sagt die Meeresarchäologin Marie Jonsson.

Sie gehört zu einem Team des dänischen Wikingerschiffsmuseums in Roskilde, das sich 2025 auf die Suche nach dem Wrack der „Dannebroge“ gemacht hat. Dafür wurde das Gebiet, auf dem die Schlacht im April 1801 geschlagen wurde, detailliert vermessen. Bekannt war, welche Position das gesunkene Schiff in der dänischen Linie eingenommen hatte. Experten zufolge stimmen die Größen der gefundenen Holzteile mit alten Zeichnungen überein. Anhand der Baumringe im Holz stellten sie zudem fest, dass das gesunkene Schiff Anfang der 1770er-Jahre gebaut wurde.

1770 bis 1773 wurde auch die „Dannebroge“ als eines von drei 60-Kanonen-Linienschiffen der dänischen Marine fertiggestellt. Der Dreimaster war knapp 50 Meter lang und verfügte über rund 560 Mann Besatzung. Die Meeresarchäologen entdeckten den Angaben zufolge bislang zwei Kanonen, Uniformen, Abzeichen, Schuhe und Flaschen. Außerdem fanden sie einen Teil des Unterkiefers eines Matrosen, der möglicherweise zu den Besatzungsmitgliedern gehörte, die während der Kämpfe getötet wurden.

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Die Schlacht war eine Konsequenz der britischen Strategie während des Zweiten Koalitionskrieges gegen das revolutionäre Frankreich (1798–1802). Weil die Royal Navy die französischen und spanischen Häfen blockierte, verloren die Länder an der Ostsee wichtige Handelspartner. Russland drohte, die Koalition zu verlassen und sich zusammen mit Dänemark, Schweden und Preußen gegen Großbritannien zu wenden.

Um das zu verhindern, sollte eine britische Flotte in die dänischen Meerengen einfahren, Dänemark ausschalten und anschließend Kurs auf St. Petersburg nehmen. Das Kommando erhielt der erfahrene Admiral Hyde Parker, der nicht nur im Rang über Nelson stand, sondern dem auch mehr diplomatisches Fingerspitzengefühl zugetraut wurde als dem 20 Jahre jüngeren Nelson, der für einen Präventivschlag gegen die russische Flotte in Kronstadt plädierte. Als Parkers Stellvertreter übernahm er das Kommando über die zwölf Linienschiffe, die die dänische Linie durchbrechen sollten.

Sein Gegner war Commodore Johan Olfert Fischer, der seine Flagge auf der „Dannebroge“ führte. Obwohl es einigen britischen Schiffen nicht gelang, ihre Positionen einzunehmen, entspann sich am Vormittag des 2. Aprils über wenige hundert Meter Entfernung ein Artillerieduell, in dem Ausbildung und Erfahrung der Briten den Ausschlag gaben. Schließlich musste Fischer auf der „Dannebroge“ die Flagge streichen.

Nelson ignorierte den Befehl Parkers, sich zurückzuziehen, sondern machte den Dänen das Angebot, im gegenseitigen Einvernehmen das Feuer einzustellen. Bei Ablehnung drohte er mit der Zerstörung der bereits eroberten Schiffe samt ihrer Besatzungen. Zähneknirschend akzeptierten die Dänen die Offerte.

Obwohl Nelson unautorisiert gehandelt hatte, akzeptierte die Führung der Navy den pragmatisch errungenen Sieg. Mehr noch: Weil Parker in den folgenden Wochen nur zögerlich in der Ostsee vorrückte, erhielt Nelson den Oberbefehl über die Flotte. Ihm blieb nur, sich zurückzuziehen, da der neue Zar Alexander I. nach seiner Machtübernahme wieder in die antifranzösische Koalition einschwenkte.

Die in Büchern beschriebene und auf Gemälden festgehaltene Schlacht von Kopenhagen ist ein fester Bestandteil der dänischen Nationalgeschichte. Die Berichte stammten jedoch von „sehr enthusiastischen Zuschauern“, sagt der Leiter der Meeresarchäologie des Wikingerschiffsmuseums, Morten Johansen: „Aber wir wissen eigentlich nicht, wie es war, an Bord eines Schiffes zu sein, das von englischen Kriegsschiffen in Stücke geschossen wurde. Wenn eine Kanonenkugel ein Schiff trifft, ist es nicht die Kanonenkugel, die der Besatzung den größten Schaden zufügt, sondern es sind die Holzsplitter, die überall herumfliegen, ähnlich wie Granatsplitter.“

Die Archäologen hoffen, dass ihre Entdeckungen dazu beitragen, vielleicht persönliche Geschichten der Beteiligten aufzudecken. „Es gibt Flaschen, Keramik und sogar Stücke von Korbwaren“, sagt Marie Jonsson. „Man kommt den Menschen an Bord näher.“

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass ihre Untersuchungen am Wrack der „Dannebroge“ noch einige Monate in Anspruch nehmen. Die Zeit drängt. Denn an der Fundstelle soll in den kommenden Jahrzehnten ein neues Wohngebiet entstehen.

Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.

mit AP

Source: welt.de