Neustart am Hamburg Ballett: Tänze zur Musik welcher Zeit
Was ist eine Ballettcompany im 21. Jahrhundert? In Hamburg kann man gerade dabei zusehen, wie Lloyd Riggins diese Frage an der Staatsoper nach 51 Jahren unter der Leitung von John Neumeier und einem kurzen unglücklichen Zwischenspiel nun neu zu beantworten versucht. Zur Hälfte ist Riggins’ Aufgabe bereits klar definiert, da gilt, dass die Ballette Neumeiers weiterhin großen Raum im Hamburger Repertoire einnehmen sollen. Das Proben und Einstudieren dieser Werke ist bei Riggins in besten Händen; als Künstlerischer Leiter ist ihm nun auch die Auswahl übertragen. Bei der anderen Hälfte seiner Arbeit kommt es auf sein Auge an, seine Phantasie, seine Kenntnisse und seine Vorlieben. Denn jetzt ist er es, der die Türen beim Hamburg Ballett aufstößt und den Tänzern Geschenke macht: neue Rollen, neue Ballette, neue Autoren, andere, in Hamburg vermisste Klassiker des 19. bis 21. Jahrhunderts.
Zu vielfältigen künstlerischen Überlegungen – ist es Musik für Orchester, welche Rollen gibt es, was ist das Thema, wie steht es um die tanzhistorische Bedeutung – kommt für Riggins ein erheblicher Zeitdruck bei der Planung hinzu. Denn er ist in die Bresche gesprungen, um eine Saison zu gestalten, die bei vergleichbaren Ensembles längst feststand. Zwei bis fünf Jahre im Voraus füllen Choreographen sonst ihre Kalender. Frank Andersen dachte, die Anfrage, August Bournonvilles „La Sylphide“ von 1836 in Hamburg einzustudieren, beziehe sich auf 2027. Dann aber wurde dieses magische Ballett im vergangenen Dezember in der Gegenüberstellung mit der Uraufführung von „Äther“ von Aleix Martínez der erste Abend und der erste Erfolg für Riggins und das Ensemble. Bevor die Spielzeit weitergeht mit neuen Choreographien aus dem Ensemble und Alexei Ratmanskys Uraufführung „Wunderland“ im Juni, präsentierte Riggins jetzt den vierteiligen Abend „Fast Forward“.

Damit katapultiert er die Company ins 21. Jahrhundert, wie der Titel andeutet, aber man kann ihn auch so verstehen, dass man am Abend von Choreographie zu Choreographie Zeitsprünge überbrückt, also in der Chronologie der Tanzentwicklung jedes Mal vorspult.
Am Beginn des Abends stand George Balanchines Tschaikowsky-Ballett „Serenade“, uraufgeführt 1935. Sein Tanz im Mondlicht, denn das bedeutet das Wort Serenade, gilt manchen als schönste Choreographie Balanchines. Das wäre traurig für den Choreographen gewesen, knapp 50 Jahre vor seinem Tod sein bestes Werk geschaffen zu haben, und es stimmt auch nicht. Großartig ist es aber, mit seinen zugleich leichtfüßig, sehnsuchtsvoll, aber auch sehr unabhängig erscheinenden jungen Frauen, die immer wieder in weit ausholendem Port de bras ihre Rücken nach hinten biegen und die langen Arme wie Flügel strecken. Es ist ein Klassiker: abstrakt wie seine Musik, voller ungewöhnlicher Konstellationen der Tänzerinnen miteinander, in seinem interessanten Einsatz der wenigen Männer weit über die gewagten Hebungen hinaus. Damals gab es noch kein New York City Ballet, und Balanchine schuf „Serenade“ mit den Schülerinnen, die bei ihm lernten. Auch er war jung und mutig im grundsätzlichen Denken in unkomplizierten Bewegungen, in seinen überlegten, klaren Arrangements, im entromantisierten, nonnarrativen Vorausgriff auf die Zukunft. Der Einstieg in den Abend mit diesem ältesten, zugleich zarten wie radikalen Stück ist auch der musikalischen Dramaturgie des Abends geschuldet. Danach geht das Philharmonische Staatsorchester, das „Serenade“ unter der Leitung von Katharina Müllner wunderschön glasklar spielt, nach Hause. Die Musik zu den anderen Stücken kommt vom Band.
Das Wunder eines Jean-Luc-Godard-Moments
Am interessantesten ist die zweitälteste Arbeit, Angelin Preljocajs „Annonciation“ von 1995, ein Duett für zwei barfüßige Frauen in kurzen Kleidern, Maria und der Engel der Verkündigung. Hier sieht man zwar auch die Schwächen des französischen zeitgenössischen Tanzes der Neunzigerjahre, seinen Eklektizismus und seine unglückliche Liebe zu elektronischer Überschreibung in Kompositionen. Der rote Boden, die schwarze Eckbank, sie sind so prätentiös in ihrer rigorosen Modernität wie die Musik, wie ein Einrichtungsstil, den man jetzt ungemütlich und übertheatralisch fände. Aber die Choreographie ist in ihrer klaren Anlehnung an Merce Cunningham phantastisch und abstrakt und schafft es zugleich, das Irreale, das Außerweltliche, das Religiöse der Verkündigung in den Tanz der beiden sehr irdischen Körper zu legen.
Man kann es zunächst kaum glauben, aber Charlotte Kragh als Engel und Selina Appenzeller als Maria gelingt das Wunder, dass man einen Jean-Luc-Godard-Moment im Theater erlebt. Preljocaj transzendiert nicht seine beste Zeit, aber er ist mehr als das Ballett „Le Parc“, das man sonst von ihm auf europäischen Bühnen ab und an noch sieht.
Wie sorgfältig „Annonciation“ gearbeitet ist, wie viele Stunden im Ballettsaal in dieser Konzentration und diesem geordneten Detailreichtum stecken, sieht man in Hamburg besonders genau, da das Stück auf Marcos Moraus kurzen, videocliphaften „Totentanz“ folgt, der in der Pathologie zu spielen scheint und einen schwarz gekleideten Tänzer abwechselnd vom Seziertisch herunterholt und ihn wieder aufbahrt. Wenn man Marcos Morau nachholen möchte, der seine körpertheaterhaften Inszenierungen seit 2015 zunehmend erfolgreich international einstudiert, dann ist dieses kammerspielhafte, okkulte Splatter-Trio in trübem Licht und ganz in Schwarz sicher eine gute Wahl. Das Arrangement, die Gruselmusik, die Düsternis, das spielt alles eine größere Rolle als die Tänzer. Zu sagen, ihn beim Hamburg Ballett arbeiten zu lassen, sei ein wenig eine Verschwendung von Ressourcen, von Können, von Raum, von allem, klingt vielleicht hart, ist aber ein bisschen wahr.
Die Uraufführung des Abends beansprucht viel mehr Tänzer und viel mehr von ihrer handwerklichen Kraft. Die junge Chinesin Xie Xin, die sich selbst zur zweiten Generation moderner, zeitgenössischer Choreographen und Tänzer ihrer Heimat rechnet, hat mit „The Moon in the Ocean“ einen dahinfließenden Tanz geschaffen, dessen stilles Zentrum ein meditierender Mann bildet, der immer wieder im Lotussitz versinkt, als wäre das keine Bühne, sondern ein Tempel in der Natur. Die Wellen aus Tänzern um ihn herum arrangieren sich am Boden. Immer wieder werden, vielleicht zu Stürmen, Tänzerinnen hoch über die Köpfe der Männer gehoben. Das Stück hat seine Schönheiten, aber es setzt an bestimmten Stellen, an denen es enden könnte, dramaturgisch nicht ganz schlüssig neu an. Und das verleiht ihm stellenweise einen Show-Charakter, den es seiner Ernsthaftigkeit nach eigentlich nicht ausstrahlen müsste. Es schließt aber natürlich mit seiner Mondscheinstimmung an Balanchines „Serenade“ in Bezug auf die Zusammenstellung des Programms dramaturgisch an.

Auf die Frage „Was ist eine Ballettcompany im 21. Jahrhundert?“ könnte man antworten, eine, die wie Hamburg solche unterschiedlichen Sprachen perfekt spricht, ihrem Publikum zeigt, welche Verbindungslinien zwischen Werken unterschiedlicher Epochen gezogen werden können. Einfacher zu beantworten wäre, was sie nicht mehr ist: ein Ausdruck ihrer jeweiligen Schule, ein Instrument in der Hand eines Starchoreographen, ein Vehikel für nationale Stile wie noch bis weit ins 20. Jahrhundert. Statt Choreographen oder Gründern wie George Balanchine oder Ninette de Valois leiten wie in Hamburg ehemalige Tänzer große Companien: Tamas Detrich in Stuttgart, Laurent Hilaire in München, José Martinez in Paris, Kevin O’Hare in London. Diese Ensembles haben beträchtliche gemeinsame Schnittmengen, was die Namen zeitgenössischer Choreographen angeht. Das Repertoire des zwanzigsten Jahrhunderts hingegen ruft in den Ballettdirektionen seltsame Unsicherheiten hervor. Was ist klassisch für eine Ballettcompany? Diese Frage müssten die Spielpläne beantworten. In dreihundert Jahren ist so viel Bedeutsames entstanden, dass die Frage eigentlich klingt wie „Was ist klassische Musik?“, nämlich als ob man sich für die Antwort viel Zeit nehmen muss, so viel Verschiedenes fällt darunter.
Und doch scheint einiges, was zu zeigen schön und wichtig wäre, im Moment von den Spielplänen verschwunden zu sein. Viele gemischte Programme aus kürzeren Balletten wirken uninspiriert oder kompromissgeprägt zusammengestellt, werfen die Frage auf, wie derart qualitativ unterschiedliche Choreographien gemeinsam an einem Abend gezeigt werden können.
Tänzerisch hingegen sind viele Companien wundervoll. Das Können der Tänzer, ihr Ausdrucksvermögen und ihre Wandlungsfähigkeit, ihre Einsatzbereitschaft, ihr Charisma und ihre Athletik sind staunenswert, auch und besonders in Hamburg.
Source: faz.net