Neues von Judith Hermann: Der SS-Großvater und die fehlende Frage

Wenn Judith Hermann, eine große literarische Stimme ihrer Generation, in einem Augenblick, an dem sich die deutsche Gesellschaft darauf vorbereiten muss, dass bald keine Zeitzeugen mehr am Leben sind, die noch aus eigenem Erleben von Holocaust und Nationalsozialismus erzählen können, als Täter wie Opfer, in einem neuen Buch über ihren Großvater schreibt, der in der Waffen-SS war, an einem Ort, wo die jüdische Bevölkerung ermordet wurde: Dann will man das sofort lesen.

Nicht allein, weil es Judith Hermann schreibt, die in ihrer Prosa (und in Büchern wie „Sommerhaus, später“ oder „Lettipark“) zu großer Subtilität gefunden hat, wenn es darum ging, vom Nachleben von Erinnerungen, lebensprägenden Momenten, Verlusten und Aufbrüchen zu erzählen. Man will es auch und vor allem lesen, weil Recherchebücher, Familiengeschichten aus dem und über den Nationalsozialismus unverzichtbar sind: Sie halten die Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen dieser Zeit am Leben, auf einem mikrohistorischen Level, eine individuelle Geschichte nach der anderen. Das Gesamtbild wird sich vermutlich nie vervollständigen, dafür aber die Kenntnis über individuelle Verantwortung anreichern. Es führt kein Weg daran vorbei.

Durchbuchstabieren, was zwischen 1933 und 1945 passierte

Achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellt sich angesichts des Aufstiegs der Rechtsextremen in der Bundesrepublik aber auch ganz akut die Aufgabe, möglichst genau durchzubuchstabieren, was zwischen 1933 und 1945 passiert. Es steht viel auf dem Spiel, die Verharmlosung nationalsozialistischer Verbrechen ist mit der AfD im Bundestag angekommen.

In der Geschichtsdidaktik werden die „Zweitzeugen“ wichtiger, Menschen, meist aus den jüngeren Generationen, die sich intensiv mit den Geschichten von Holocaustüberlebenden beschäftigen, um sie weiterzugeben. Und auch die Geschichten der Täter werden von ihren Enkelinnen und Enkeln erforscht, erzählt und so für die Nachwelt festgehalten. Oft beginnt es damit, das Schweigen brechen zu wollen, das in deutschen Familien herrscht, zum Teil noch immer.

Judith Hermann versucht das in ihrem neuen Buch auch. „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ heißt es. Das möchte man jedenfalls sagen, aber es ist nur eine Formel, denn was sie da versucht, bleibt verschwommen. Und das wird, über die 150 Seiten des Buchs hinweg, irgendwann zum Problem.

Judith Hermann, „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. Verlag S. Fischer, 160 Seiten, 23 Euro
Judith Hermann, „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. Verlag S. Fischer, 160 Seiten, 23 EuroS. Fischer Verlag

Judith Hermanns Großvater war im Zweiten Weltkrieg in der polnischen Stadt Radom stationiert, südlich von Warschau. Seine Enkelin, die ihn nie kennengelernt hat, hat ein Foto aus dieser Zeit, „auf dessen Rückseite“, schreibt sie, „jemand in unklarer Absicht und unbekanntem Bezug das Wort Radom geschrieben hatte und das Jahr 1941. Mein Großvater auf einem Motorrad der SS am Rand eines weiten Platzes.“ Judith Hermann wird für einige Zeit nach Radom reisen und nach diesem weiten Platz suchen und ihn auch finden.

In Radom richteten die deutschen Besatzer ab März 1941 zwei Ghettos für die Jüdinnen und Juden der Gegend ein, ein größeres, ein kleineres. Beide wurden im August 1942 liquidiert, Teil der „Aktion Reinhardt“, der systematischen Ermordung der Jüdinnen und Juden und Roma im besetzten Polen, angeführt von der SS. Kinder und Ältere brachten die Deutschen bei der Räumung sofort um, Hunderte waren es, 24.000 Jüdinnen und Juden kamen in Vernichtungslager, Tausende wurden in die Zwangsarbeit geschickt.

Das sind Fakten. Die Geschichte von Radom ist erforscht, man findet sie schnell, wenn man danach sucht, Judith Hermann berichtet sie so in ihrem Buch. Welche Rolle ihr Großvater dabei gespielt hat, der wie viele Männer darüber geschwiegen hat, was er im Zweiten Weltkrieg an der Front gesehen, erlebt und getan hat, warum er schwieg und was er mit dem Schweigen angerichtet hat, das ist die Frage, die über „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ steht.

Auch das denkt man wie automatisch, warum sonst dieses Buch. Nur stellt Judith Hermann die Frage nicht, jedenfalls nicht so. Sie schreibt vielmehr: „Was hat er da gemacht, in Osteuropa, in Polen, im Sommer 1941, in der zentralen Zone des Schreckens.“

Das kleinste Detail und die Wahrheitsfindung

Judith Hermann hat in ihren Romanen und Erzählungen seit bald dreißig Jahren vorgemacht, welchen Wert ein einzelnes Wort, eine Geste, das kleinste Detail bei der Wahrheitsfindung menschlicher Beziehungen haben können. Ihre Beobachtungsgabe, ihre Erlebnisfähigkeit heben sie als Erzählerin heraus. Und in diesem Satz, er fällt auf der dreizehnten Seite ihres neuen Buchs über ihren Großvater und seine Familie – fehlt das Fragezeichen.

Es gibt Menschen, die beim Sprechen am Ende eines Satzes nicht mit der Stimme rauf- oder runtergehen, sondern sie in der Luft hängen lassen. Als wäre der Gedanke noch nicht zu Ende, als könne man diesen Menschen deswegen noch nicht antworten und sie auch nicht unterbrechen, weil sie ja noch nicht fertig gesprochen haben – aber es kann auch den Effekt einer gewollten Unklarheit haben. Schutz vor der Endgültigkeit einer Aussage. Risikokontrolle.

Das Buch einer Suchbewegung

Vagheit und Verhaltenheit, auch Prätention (denn so ein entscheidendes Satzzeichen wegzulassen, kann ja auch ein stilistisches Bedürfnis stillen) kennzeichnen das gesamte Projekt, das dieses neue Buch von Judith Hermann ist. Ein Buch, das selbst eine Suchbewegung beschreibt: Von Deutschland reist die Autorin nach Radom und von dort weiter über den Brenner zu ihrer Schwester und deren Familie nach Neapel und zuletzt, für einen Epilog, noch einmal kurz in der Zeit zurück und nach Dänemark.

Und der Text selbst sucht auch, und zwar nach seinem Format: Die Gattungsbezeichnung fehlt. Der Klappentext benennt die Autorin als Erzählerin ihrer eigenen Geschichte, Judith Hermann selbst spricht in einem Interview, das sie ihrem Verlag zum Erscheinen über das Buch gegeben hat und auf dessen Website nachzulesen ist, davon, dass es „zwischen Roman und Recherche“ changiert, „aus der SS Vergangenheit des Vaters meiner Mutter ließ sich kein Roman machen“.

Hermann malt sich aus, warum die Leute nicht mit ihr reden

Aber aus der SS-Vergangenheit des Großvaters macht Judith Hermann dann auch keine Recherche, und sie forciert auch keine Entscheidung, wer oder was dieser Mann gewesen ist. Sie schreibt Briefe an Archive in Radom und vermutet eine Verschwörung, als sie lange keine Antwort erhält (aber dann doch), sie formuliert Gedanken aus und nimmt sie wieder zurück, sie tastet sich voran, sie zieht sich zurück, sie malt sich Gründe aus, warum die Leute nicht mit ihr reden wollen.

Aber sie kann auch Aussagesätze formulieren, mit Punkt am Ende. Der Großvater, schreibt sie, „verließ die Familie, als meine Mutter jung war, er starb, bevor ich geboren wurde. Es ist nicht so, dass sie über ihren Vater nicht sprechen will, sie weiß aber nicht, was sie sagen soll, und was sie denkt, behält sie für sich. Sie zensiert sich selbst, ihre Brüder machen es genauso. Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet. Mein Großvater war ein überzeugter Nationalsozialist, darüber hinaus Mitglied der Waffen-SS, die Tätowierung ist Kennzeichen der Zugehörigkeit und Hinweis auf die Blutgruppe, und offenbar hatte er nach dem Krieg keinen Anlass, sich von dieser Tätowierung zu trennen, sie entfernen zu lassen.“

Judith Hermann wurde mit ihrem Debüt „Sommerhaus, später“ im Jahr 1998 berühmt.
Judith Hermann wurde mit ihrem Debüt „Sommerhaus, später“ im Jahr 1998 berühmt.Picture Alliance

Und doch – und trotz der gesicherten historischen Erkenntnis, was in Radom geschah, wer daran beteiligt war, trotz des Fotos vom Großvater in Uniform, datiert und verortet, scheut sie, es in Worte zu fassen, was sie vor sich sieht, selbst wenn Alltagswissen es erklären kann. „In unklarer Absicht und unbekanntem Bezug“ habe „jemand“ einen Ort und ein Datum auf die Rückseite des Fotos geschrieben, so schreibt sie es also, aber was genau ist daran unklar, wo fehlt der Bezug, wenn hinten auf einem Foto Ort und Datum stehen?

Einmal beschreibt Judith Hermann eine Nacht in ihrer Wohnung in Radom: „Ich wachte schlagartig wieder auf und erkannte, was für eine fürchterliche Erscheinung mein Großvater in dieser Stadt gewesen sein musste. Sein großes, glattrasiertes Gesicht, seine ungewöhnlich großen, abstehenden Ohren, seine hünenhafte Gestalt, der auf allen Fotos selbstbewusste, dreiste Blick, ein unverschämter Blick im Wortsinn. Die Größe seiner Hände. Seine riesigen Füße in den riesigen Stiefeln der Waffen-SS. Es kann alles ganz anders gewesen sein, aber in dieser Nacht war ich mir sicher, dass mein Großvater in Radom ein, mir fehlte das Wort, dann fiel es mir ein, ein Täter gewesen ist.“

Der Großvater ist eine „Leerstelle“

Aber was soll er denn sonst, an dem Ort, zu der Zeit, in dieser Uniform, gewesen sein? „Er ist Leerstelle, zugleich ist er das Gegenteil, er ist ein schrecklich blinder Fleck, es will mir nicht gelingen, ihn zu stellen“, schreibt Judith Hermann. Es geht auf ihren 150 Seiten viel um familiäre Konflikte, die Autorin beschreibt das Verhältnis zu ihrer Mutter, ihrer Schwester, einer Archäologin, ausgerechnet, sie beschreibt, wie diese Schwester nicht so richtig zu wissen wollen scheint, was die Geschichte des gemeinsamen Großvaters gewesen sein könnte, wie entnervt sie von Judiths „Befindlichkeiten“ ist, davon, wie die immer alles „traurig“ findet.

Aber worauf sich der Text dann letztlich konzentriert, ist: die Leerstelle. Was einem Eltern und Großeltern nicht erzählen, was Familien nicht wissen und nicht bereden. Auch die Eltern ihres Mannes Cees waren einmal zwei Tage verschwunden, kamen zurück und redeten nie mehr darüber, „eine, wie ich finde, beeindruckende Leerstelle, die bis heute Leerstelle geblieben ist“.

Eine Prosa, die den Widerspruch kultiviert

Judith Hermanns Schwester dagegen legt beruflich Dinge aus der Geschichte frei, die Pointe ist schon fast zu gut, und sie entgeht natürlich auch nicht der Erzählerin, die sie hier vorbereitet und durchgespielt hat. Aber die eigentliche Pointe liegt im Kontrast der Methoden. Da ist die Nüchternheit und Präzision der Archäologie, Steine und Scherben zum Sprechen zu bringen – und die Prosa der Judith Hermann, die, immer schon, das Ungefähre in Worte fasste, den Widerspruch kultivierte.

Wenn es um Lebensweisen des 21. Jahrhunderts geht, kann diese skrupulöse Prosa ungeheuer produktiv und fair sein: Aber dass ein SS-Mann in Polen zur Zeit des Holocaust gewesen und ohne Schuld geblieben sein sollte – ist nicht vorstellbar. Judith Hermann will darauf auch nicht hinaus. Aber sie verhindert auch nicht, dass dieser Eindruck entsteht. Was bei ihrem Buch herauskommt, ist die Fetischisierung einer Leerstelle und die Scheu einer Enkelin vor einem Urteil, das sich aufdrängt. Aber nicht alle Leerstellen sind gleich.

„Ich machte“, schreibt Judith Hermann, als sie einmal die Straßen von Radom abläuft, „mich auf die Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war.“ Die Präzision des Ungefähren, der kultivierte leise Selbstwiderspruch: Das ist Judith Hermanns Sound, das ist ihre Prosa, seit so vielen Romanen und Erzählungen. Diese Prosa, diese skrupulöse Art des Schreibens zielt, könnte man sagen, gar nicht auf eine Erkenntnis, sie ersetzt die Erkenntnis – und das taugt für alle möglichen denkbaren Konflikte und menschlichen Tragödien. Aber bei der Geschichte eines überzeugten SS-Manns an einem Tatort des Holocausts ist sie unangemessen.

Judith Hermann, „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. Verlag S. Fischer, 160 Seiten, 23 Euro

Source: faz.net