Neues von Dorota Masłowska: Das Paradies ist eine Haltung

Die Verletzung ist harmlos, aber sie brennt. Man sollte sie reinigen und eincremen. Pflaster drauf, fertig. Doch dann hockt man im Büro in einem drögen Termin und zupft an den Hautfetzen, bis es wieder blutet. Es juckt, also kratzt man. Obwohl die Wunde dann langsamer heilt, sich entzünden und vernarben könnte. Aber was, wenn sie geheime Kräfte entwickelt, so wie in Dorota Masłowskas neuem Buch?

Da hält die Angestellte eines Internetcafés einer Kundin ihr Handgelenk hin. Es ist von Schnitten übersät, sie sagt: „Bitte ekeln Sie sich nicht, das ist eine magische Wunde. Sie wächst niemals zu, sie verheilt nicht. Das in ihr gebannte Leid erneuert sich in einem fort, es weckt und bringt nicht enden wollende Vorteile. Egal, worum Sie sie bitten, es geht in Erfüllung.“ Ein Mann habe durch die Verletzung sogar schon den Eurojackpot geknackt. Was also tun? Einen Wunsch ins Gewebe absetzen? Oder endlich einen Drucker kaufen und nie wieder ein Internet-Café betreten? Denn da hinten, zwischen Computern und Champagnerflaschen, liegt ein lebloser Lottogewinner.

Tränen im Brotteig und eine Aura wie Meerschaum

Es ist nicht leicht, sich in Dorota Masłowskas grotesker Welt zurechtzufinden. Eigentlich sollte es ein Roman ohne übernatürliche Elemente werden, aber: „Die Gegenwart passt nicht in den Realismus“, so erzählte sie es vor Kurzem auf der Berliner Premiere im Polnischen Institut. Immerhin genügen 176 Seiten, um die Figuren auf Irrfahrten durch anonyme Mittelstädte, Postkartenidyllen und via Kanalisation ins Jenseits zu schicken. Da ist zum Beispiel der Taugenichts und Barkeeper, der mit seiner Cousine anbandelt. Zum Glück trennen sie mehrere Verwandtschaftsgrade. Oder die Inhaberin der schicken Bäckerei, mit einer Aura „bisschen wie aus Meerschaum“. Sie backt zwar das beste Brot der Stadt, scheint dabei aber regelmäßig in den Sauerteig zu flennen.

Der wilde Inhalt spiegelt sich in der Form. Denn nur, weil „Roman“ auf dem Umschlag steht, steckt nicht unbedingt ein Roman drin. Die neun Kapitel sind lose miteinander verbunden, immer wieder tauchen Hauptfiguren aus einer Geschichte als Nebenfiguren in der nächsten auf. Masłowska sieht den Text als Hybrid, der auch als Erzählband funktionieren soll, erklärt sie im Gespräch. Ein neuer Vorstoß in ihrer nun schon 200 Jahre andauernden Karriere.

Ein Raptext als Roman und Bowie in Warschau

So zumindest sagt es die Moderatorin bei der Premierenlesung. Ein putziger, aber gar nicht so abwegiger Fehler, denn Masłowska, heute 42, veröffentlicht schon seit Jahrzehnten. Oft geht es um hemdsärmelige Normalos, um Loser, um Männer in der Krise. Noch vor ihrem Abitur schrieb sie „Schneeweiß und Russenrot“, einen Roman, in dem angelegt ist, was ihr Schreiben bis heute ausmacht: wie private Nichtigkeiten und große Umwälzungen zusammengehören. Im Debüt suhlt sich ein junger Held im Herzschmerz, während Warschau sich für einen erneuten Krieg gegen Moskau rüstet. Masłowska wurde damit zum Star. Es folgten weitere Romane, Kolumnenbände, Theaterstücke, Preise, sogar zwei weitgehend fremdschamfreie Hip-Hop-Alben. Ihr Roman „Andere Leute“ ist als Raptext formuliert. Ihr Stil ist voller Neologismen, Anglizismen, Slang. Er geht direkt auf die zwölf, unterläuft Erwartungen.

Dorota Masłowskas Tempo und Humor sind großartig, ihre Gastrosoziologie schmeckt eher lasch.
Dorota Masłowskas Tempo und Humor sind großartig, ihre Gastrosoziologie schmeckt eher lasch.Paweł Kocan

Man nehme etwa ihren vorherigen Roman, „Bowie in Warschau“. Eine Mogelpackung, schließlich blitzt der Popstar nur zweimal kurz auf. Dazwischen zeichnet die Autorin ein Sittenbild der sozialistischen Siebzigerjahre, Serienmörder, Noir-Anleihen und lesbisches Begehren inklusive. Das fordert Publikum und Übersetzer. Ihr deutscher Übersetzer Olaf Kühl lese sich seine Versionen am Stück laut vor, erzählt Masłowska. Denn der Sound muss stimmen. Diesmal sei es schwer gewesen, habe er der Autorin am Telefon gesagt. Irgendwann passte er dann, dieser treibende, schrille Text voller Wörter wie „Restkörper“, „Privatboa“ und „Käsebrotrezensent“. „Im Paradies“ heißt der Band, wie auch die einzige Geschichte, die nicht in Polen spielt.

Darin reist die Schriftstellerin Zoldana für ein Schreibstipendium ins Ausland. Ihre Heimat wird nicht genannt, doch es zieht sie wohl aus Südosteuropa, vielleicht Kroatien oder Bosnien, in die Schweiz. Da tauscht sie das arme, mit Süßkram vollgestopfte Elternhaus gegen den Goretex-Luxus der Alpenrepublik. Ein fast perfekter Ort, der mit postkommunistischen Ländern kaum etwas gemeinsam hat. Das weiß Masłowska aus eigener Erfahrung. Sie hat dieses neue Buch geschrieben, als sie selbst für ein Schreibstipendium ein halbes Jahr nahe Zürich verbracht hat. Ein „psychologischer Horror“ sei das gewesen. Einerseits sei es der Traum aller Autoren, sich in so einer Kulisse nur dem Schreiben widmen zu können. Gleichzeitig sei man allein mit seinem Innenleben, ohne Ablenkung auf sich zurückgeworfen. „Es ist luxuriös, aber schwer“, sagt sie und muss selbst ein wenig lachen.

Eine Ambivalenz, die sich auch durch die Lektüre zieht. Mag der Titel „Im Paradies“ zunächst klingen wie Zynismus, entfaltet sich bald eine neue Bedeutung. Zoldanas Entfremdung und Einsamkeit wiegen gerade deshalb so schwer, weil sie sich am Ort ihrer Träume wähnt. Wenn sie hier nicht glücklich sein kann, wo dann? Darin besteht die Tragik, die allen Geschichten innewohnt: Das Paradies ist kein Ort, sondern eine Haltung. Und die Haltung der meisten Figuren ist schlecht.

Dabei sind ihre Voraussetzungen günstig. Ein Paar schmeißt eine Einweihungsparty für die neue Wohnung, eine Mittelstadt gönnt sich ein Einkaufszen­trum mit Multiparking, eine liebestolle Frau flüchtet aus „dem leblosen Nacheinander aus Tisch und Toilette“. Und worüber sollten sich die Menschen auch beschweren? Wer in den vergangenen Jahren nach Polen gereist ist, musste staunen. Das Land hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem aufstrebenden Zukunftslabor entwickelt.

Marienfiguren und andere religiösen Referenzen

Während Deutschlands Wirtschaft ächzt, wächst die polnische um circa drei Prozent pro Jahr. Alles erscheint neu, bargeld- und reibungslos. Paradiesische Zustände. Als Kolumnistin streunte Masłowska durch Warschau und stellte fest, „dass ich trotz immer noch bestehender Armut zum ersten Mal in meinem Leben sehe, wie Wolkenkratzer in den Himmel schießen, wie gut die Leute angezogen sind, wie das Geld auf den Straßen manchmal nur so sprudelt“.

Und doch durchzieht das neue Buch ein Unbehagen. Weil Geld und Fortschritt allein nicht ersetzen, was das kollektive Gedächtnis Polens lange geprägt hat: Mangel, Krieg, Unterdrückung. Bezeichneten sich bei der Volkszählung im Jahr 2011 88 Prozent aller Polen als gläubige Katholiken, waren es bei der letzten Erhebung 2021 nur noch rund 71 Prozent. Das Resultat? „Ein Fehlen von Identität“, so die Autorin. Sie ist Atheistin. Trotzdem ist ihr Buch voll von Marienfiguren und religiösen Referenzen. Auch die magische Wunde erinnert nicht zufällig an die christlichen Stigmata. Selbst wenn man nicht gläubig ist, so Masłowska, könnte man dem kulturellen Einfluss des Christentums nicht entkommen – und ihn somit gleich als Inspiration für surreale Szenen nutzen. Egal, ob eine Figur in einer Zwischenwelt feststeckt oder auf einem enttäuschenden Sushi-Date: Der Wertewandel trifft alle.

Dorota Masłowska, „Im Paradies“. Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin, 160 Seiten, 24 Euro
Dorota Masłowska, „Im Paradies“. Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin, 160 Seiten, 24 EuroRowohlt Berlin

Den Hunger nach Bedeutung und Halt stillen sie mit Essen. Permanent wird in diesem Buch gesnackt, geschlungen, aufgetischt. Speisen sind Statussymbol und Projektionsfläche. Für den guten Fonduekäse fährt die Gastgeberin durch die ganze Stadt, nur, um ihn am Ende doch online zu bestellen. Rabenmütter verfüttern weißes Mehl an ihre Kinder. Dass die Affäre eines Paares dem Untergang geweiht ist, wird am Hotelbuffet offenbar: „‚Jetzt, wo wir zusammen sind, muss ich nicht mehr arbeiten‘, erklärte ich sexy und schmierte Margarine auf den alten, zerschlissenen, feuchten Toast.“

Flat-White, Macha Latte, Latte Macchiato

Das erinnert an ermüdende Lebensmitteldiskurse hierzulande: Unionspolitiker schimpfen auf Veggie-Würste und vermissen im Ausland bodenständiges Brot. Cafés versammeln mittlerweile ein Menü großstädtischer Stereotype: Prenzlauer-Berg-Mütter trinken seit 20 Jahren Latte Macchiato, App-Erfinder schlürfen Flat-White und scheuen echte Arbeit, während anorektische Pilates-Mädchen sich an ihren Matcha Latte klammern. Anhand weniger Lebensmittel wird ein Gegensatz suggeriert: zwischen hart arbeitenden, unprätentiösen Machern und abgehobenen Kosmopoliten, die sich vom Hipsterbäcker um die Ecke ausrauben lassen. Und auf letztere hat Masłowska es abgesehen: „Diese Gruppe hält sich für toll, vernünftig, differenziert, sie sind die idealen Konsumenten. Auch wenn ich ihr wahrscheinlich selbst angehöre, ich muss diese Gruppe einfach verspotten.“

Muss sie das? Nur selten durchbricht sie damit Klischees. Zwar futtern die Miso-Yuppies permanent, doch man erfährt dadurch wenig Neues über sie, ebenso wenig über die Ärmeren oder die Reicheren. Natürlich serviert eine Absteige schlimmes Frühstück. Selbstverständlich lachen die Großstadt-Mitbewohnerinnen über das Landei, das nicht weiß, was Tom Kha ist. So originell Masłowskas Sprachspielereien, ihr Tempo und ihr Humor sind, ihre Gastrosoziologie schmeckt eher lasch.

Am überzeugendsten ist der Text, wenn er seine Figuren nicht zu diskursiven Platzhaltern macht, sondern wenn er ihnen höchstpersönlich auf die Pelle rückt. Wenn er viel zu nah auf ihre Selbstsabotage, ihre Kratzer und angestoßenen Ellbogen zoomt. Denn bis auf wenige Ausnahmen ist nichts, was den Figuren passiert, wirklich ungeheuerlich. Sie sehen es bloß nicht und tappen in die nächste Falle. Das ist vor allem dann unangenehm zu lesen, wenn man sich selbst in den Charakteren erkennt. Ein Weltuntergang ist es nicht. Die Autorin verweist auf den Krieg gegen die Ukraine und anderswo, auf „die Psychopathen an der Macht“ und sagt: „In diesem Kontext sind unsere Identitätskonflikte und das, was der Kapitalismus mit uns macht, nicht allzu dramatisch.“

„Im Paradies“ ist ein sperriges Buch. Es bleibt Antworten schuldig und tröstet nicht. Es umreißt die Leere zwischen Geld und Glaube, Wunsch und Enttäuschung und suggeriert: Hier gibt es kein Paradies. Aber wenn du aufhörst, in deinen Wunden zu stochern, könnte eines entstehen.

Source: faz.net