Neuer Acatech-Chef Russwurm: Bindeglied zwischen Wirtschaft und Wissenschaft

In den Krisenjahren war Siegfried Russwurm das Gesicht der deutschen Indus­trie. Seine Amtszeit als Präsident des Bundesverbands der Deutschen Indus­trie, die vom Jahr 2020 an vier Jahre währte, war geprägt vom Einsatz gegen Corona und von der geopolitischen Zeitenwende. Er trat für moderate Maßnahmen gegen die Pandemie ein und setzte sich für einen transatlantischen Schulterschluss nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ein.

Trotz dieser dominanten Themen sieht der ehemalige Siemens-Manager eine thematische Kontinuität zwischen der damaligen Tätigkeit und der Aufgabe, die er an diesem Mittwoch antritt: „Der verbindende Begriff ist Innovation“, sagt der neue Präsident der Akademie für Technikwissenschaften (Acatech). Schon als BDI-Präsident habe er diese als Hebel für den Erfolg des Landes gesehen. Das neue Amt, in dem er die Bedingungen zu verbessern helfen will, wie Ideen aus der Wissenschaft umgesetzt werden, passe in seinen Lebenslauf. „Die vergangenen dreißig Jahre habe ich mich immer wieder an der Grenzfläche zwischen Unternehmen und Wissenschaft bewegt.“

„Deutschland muss Innovationsland sein“

Die sechs Schwerpunkte der Hightech-Agenda von Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) hält er für gut gewählt. Im Fokus sollen die Künstliche Intelligenz, Bio- und Quantentechnologien,   Mikroelektronik, Fusion und klimaneutrale Energieerzeugung sowie klimaneutrale Mobilität stehen. „Deutschland muss Innovationsland sein“, sagt Russwurm. Die Biotechnologie etwa müsse von der Grundlagenforschung bis zu medizinischen Behandlungsmöglichkeiten nahtlos verknüpft werden.

Aus Russwurms Sicht stehen zwei Aspekte für die anwendungsorientierte Forschungslandschaft im Zentrum: Die Geschwindigkeit habe stark zugenommen. Im Feld der KI zeige sich am Beispiel von ChatGPT, wie kurz der Weg von der Veröffentlichung einer neuen Technik und ihrer breiten Anwendung sei. „Die Innovationsgeschwindigkeit hat in einem Maß zugenommen, das wir früher nicht geglaubt hätten“, sagt er. Zudem müsse ein erfolgreiches Industrieland durch gute Finanzierungsbedingungen dafür sorgen, dass Innovationen skaliert würden.

Breite in der Forschung

Die Acatech habe schon in den vergangenen Jahren deutlich mehr Wert auf eine Integration aller Stufen der Ideenentwicklung von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung im Unternehmen gelegt. „Wir hören nicht mit der Veröffentlichung auf“, sagt Russwurm, der früher Arbeitsdirektor von Siemens war und die Industriesparte leitete. Forschungsstarke Unternehmen seien kein Sponsoring-Club, sondern arbeiteten konkret an Projekten mit.

Auch wenn Spitzenforschungsinstitute wie die RWTH in Aachen, das KIT in Karlsruhe oder die Fraunhofer-Gesellschaft besonderes Renommee hätten, brauche Deutschland neben der Spitze in der Forschung auch die Breite. „So können wir viele kreative Geister einfangen. Wir brauchen exzellente Forschung, aber es gibt auch tolle Ideen an den Hochschulen, die nicht zur Top 10 gehören“, sagt er. Die Schwäche des Forschungsstandorts sieht er so auch nicht darin, neue gute Ideen zu entwickeln, sondern diese wirtschaftlich verwertbar zu machen.

„Man kann Voraussetzungen dafür, dass die Hochskalierung hier klappt, auch dadurch verbessern, indem man die richtigen Leute zusammenbringt“, sagt Russwurm, der mit 62 Jahren in einem Alter ist, in dem er noch operative Verantwortung tragen könnte. Zwei erwachsene Kinder stehen selbst schon im Berufsleben. Für die ersten Jahre, in denen Start-ups aus der Universität heraus ein Unternehmen gegründet haben, gebe es eine gute Wagniskapitalstruktur. Besser müsse das Land auf die Phase danach vorbereitet sein, wenn es darum geht, Innovationen zu industrialisieren – entweder durch potente Finanzierungspartner außerhalb der Wagniskapitalszene oder durch industrielle Kooperationspartner.

„Acatech ist keine Lobbyorganisation“

Dazu müssten Altersvorsorgeeinrichtungen durch passende Regeln in die Lage versetzt werden, ihren Anteil risiko­reicher Investitionen zu erhöhen. „Pensionskassen und Versicherer können das in anderen Ländern eher“, sagt er. Es sei befremdlich, wenn Pensionseinrichtungen aus einem Land wie Kanada eher bereit seien, in deutsche Innovationen zu investieren, als solche von hier.

Russwurm weiß, dass seine neue Rolle anders sein wird als beim BDI. „Acatech ist keine Lobbyorganisation. Ich bin Teil einer Arbeitsakademie und kein Interessenvertreter. Die Akademie versucht, objektive Tatbestände herauszuarbeiten und in Politik und Gesellschaft zu tragen. Dabei hilft mir hoffentlich, dass ich mit einer ganzen Reihe von Ansprechpartnern schon als BDI-Präsident gearbeitet habe. Das kann Türen öffnen“, sagt er. Die Akademie wurde 2002 gegründet und anfangs durch die langjährige Doppelpräsidentschaft des Forstwissenschaftlers Reinhard Hüttl und des früheren SAP-Vorstands Henning Kagermann geprägt. Ihre Nachfolger hatten kürzere Amtszeiten.

Zwar lasse sich die Zahl der Patente quantitativ messen, doch die Zahl allein sage nicht viel. Genauso schwer werde es sein, den Erfolg seiner Präsidentschaft zu messen. Deutschland müsse in vielerlei Hinsicht aufpassen, seine führende Rolle nicht aufzugeben. Daran müsse auch die Industrie mitwirken. „Wir dürfen uns aus dem Thema Standardsetzung nicht zurückziehen. Ich werde heftig dafür werben, es weiter zu tun“, sagt er. Ein Engagement in einem Gremium zur Standardsetzung werde sich nicht unmittelbar auf den Geschäftserfolg auswirken. Aber Fachleute müssten Zeit und Budget haben, sich in Gremienarbeit einzubringen. Das sei die Voraussetzung für den deutschen Erfolg der vergangenen Jahrzehnte gewesen.