Neue Rüstungsaktie: Plus 60 Prozent – TKMS startet fulminant an welcher Umschlagplatz

Serhat Gündogan hat mehrmals um etwas Geduld bitten müssen. Der Händler der Baader Bank durfte am Montag den ersten Kurs der TKMS-Aktie in Frankfurt verkünden. Doch die Nachfrage nach den Papieren war derart hoch, dass die Eröffnungsaktion nicht planmäßig um 9 Uhr endete, sondern mehrmals in die Verlängerung ging. „Es sieht sehr, sehr gut aus“, sagte Gündogan um kurz nach 9 Uhr. „Es sieht noch besser aus“, dann wenige Minuten später. Um 9.11 Uhr der erste Kurs: 60 Euro je Aktie. Wenige Minuten später waren es dann schon 65 Euro. Nach einer halben Stunde schoss der Kurs auf 97 Euro.

Umgerechnet auf die gut 63 Millionen Aktien ergibt dies einen Börsenwert für TKMS von gut 6 Milliarden Euro. 51 Prozent der Papiere bleiben bei der Muttergesellschaft Thyssenkrupp, zehn Prozent gehen an die Krupp-Stiftung und 39 Prozent an die bisherigen Thyssen-Aktionäre. Sie erhalten für je 20 Thyssen-Aktien eine TKMS-Aktie. Entsprechend sackte der Kurs der Thyssen-Aktie um gut 20 Prozent ab. Es kommt durch einen Spin-Off nicht zu einer wundersamen Geldvermehrung. Mit dem Listing der Papiere fließt weder Thyssen noch TKMS Geld zu. 

In den Ansprachen zum Börsengang betonte Oliver Burkhard, Vorstandsvorsitzender von TKMS den Wert der Eigenständigkeit für sein Unternehmen mit Sitz in Kiel. Wer in Marine investieren will, kann dies nun tun, ohne dafür die Thyssen-Aktie kaufen zu müssen und mit ihr eben nicht nur in die Marine zu investieren, sondern vor allem auch in Stahl. Dass viele Anleger sich nach einer reinen Rüstungsaktie sehnen, zeigte sich in der Kursentwicklung. Davon profitieren auch die bisherigen Thyssen-Aktionäre: Der Zugewinn der TKMS-Aktie übertraf durch den Kurssprung das Minus ihrer Thyssen-Krupp-Aktien.

Hoffnung auf Großauftrag aus Kanada

Burkhard machte am Montag deutlich, wie gefragt sein Unternehmen derzeit sei: „Gleich nach dem Glockenläuten und einigen Interviews reise ich mit Verteidigungsminister Pistorius nach Kanada zu Gesprächen mit Norwegen und Kanada für ein neues U-Boot-Programm. Kanadas Premierminister Carney hat unsere Werft in Kiel schon besichtigt und wir sind unter den letzten zwei Anbietern für diese Kooperation.“

Neben der Werft in Kiel baut TKMS die im Jahr 2022 erworbene Werft in Wismar aus. 200 Millionen Euro sollen dort investiert werden. TKMS gilt als führender europäischer U-Boot-Hersteller und beliefert nahezu alle NATO-Staaten.

Der Hersteller von Kriegsschiffen mit Sitz in Kiel hatte bis vor einigen Jahren noch unter der schwachen Nachfrage gelitten und war eines der Sorgenkinder des strauchelnden Industriekonzerns Thyssenkrupp. Diese Rolle hat sich fundamental gewandelt: Mit einem Ordervolumen von 18,6 Milliarden Euro sind die Auftragsbücher so voll wie nie. Die 9100 Mitarbeiter haben in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2024/2025 einen Nettogewinn von 75,2 Millionen Euro bei einem Umsatz von 1,59 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Rechtliche Struktur schützt vor feindlichen Übernahmen

Vom laufenden Geschäftsjahr 2025/2026 an, das am 1. Oktober begonnen hat, soll eine Dividende ausgeschüttet werden, die zwischen 30 und 50 Prozent des Nettogewinns ausmacht. Das geht aus dem Börsenprospekt hervor. Bisher hatte es einen Gewinnabführungsvertrag mit der Konzernmutter gegeben.

Die rechtliche Struktur einer AG & Co. KGaA mit Thyssenkrupp als Mehrheitsaktionär soll den deutschen Einfluss auf diese kritische Infrastruktur und das Know-How sichern. Thyssenkrupp-Vorstandsvorsitzender Miguel Lopez betonte am Frankfurt zudem, dass mit der Bundesrepublik Deutschland eine Eckpunkte-Vereinbarung bestehe, die Konsultationen der Bundesregierung in wichtigen Fragen vorsehe, ebenso Vorkaufsrechte für Deutschland und Standortzusagen für die Fertigungsstandorte.

Für Thyssenkrupp bedeutet der Börsengang des profitablen U-Boot-Geschäfts, eine der zahlreichen Baustellen im Konzern erst einmal schließen zu können. Unterdessen geht die Suche der Essener Industrie-Ikone weiter einem Partner für die Not leidende Stahlsparte zu finden. Der indische Stahlkonzern Jindal Steel International hat ein unverbindliches Angebot für Thyssenkrupp Steel Europe vorgelegt. Ob das zu einem Abschluss führt, ist aber noch völlig unklar, auch weil das Unternehmen milliardenschwere Pensionslasten in der Bilanz stehen hat. Zudem muss die ebenfalls teure Transformation zu einer grünen Stahlindustrie finanziert werden. Dabei hat Thyssenkrupp in den vergangenen Jahren schon viel Geld aus dem lukrativen Verkauf der Aufzugssparte in das verlustreiche Stahlgeschäft gesteckt. Thyssenkrupp Elevator ging vor fünf Jahren für mehr als 17 Milliarden Euro an Finanzinvestoren.

Source: faz.net