Neue Fenster pro Notre-Dame: Eine bedauerliche, ja groteske Fehlentscheidung
Die umstrittenen Entwürfe der sechs geplanten neuen Fenster für Notre-Dame von der französischen Künstlerin Claire Tabouret sind nun im Pariser Glaspalast des Grand Palais zu sehen. Je sieben Meter hoch ersetzt die zeitgenössische Kunst der 1981 in Pertuis geborenen Tabouret bis Ende 2026 die „originalen“ historistischen Fenster des französischen Architekten Eugène Viollet-le-Duc der Restaurierungskampagne Notre-Dames Mitte des 19. Jahrhunderts im südlichen Seitenschiff, gegen die sich Macron und der Erzbischof von Paris entschieden hatten. Um es vorwegzunehmen: Es handelt sich um eine bedauerliche, ja groteske Fehlentscheidung.

Unter einem mit pseudohistorisierendem „Um 1900“-Ornament gefülltem Sechspass in der Spitze und zwei Vierpässen in den Zwickeln sind auf den Fenstern jeweils figürlich-gegenständliche Szenerien wie dräuende Gewitterhimmel oder ein Apostel-Ringelreihen zu sehen. Das zentrale Fenster ist der Schilderung des Pfingstwunders gewidmet. Mit weit nach oben gestreckten Armen empfängt Maria in hellblauem Gewand und tiefblauem Mantel mit wild bewegtem offenen Haar unter einem Schleiertuch die Feuerzungen des Heiligen Geistes. Ihr nackter Körper drückt sich unter dem Gewand im Bereich der Waden und Oberschenkel durch den dünnen Stoff. Aus der in den vier Lanzettfensterbahnen ebenfalls noch ornamentierten Himmelszone in einem absurd scheußlichen Hustensaftrosé ergießen sich die Flammen des Heiligen Geists auf die je im Halbkreis um Maria versammelten Jünger. In ihrem Schoß buchtet eine markante, in der Sprache der Tücher und Gewänder so genannte Schüsselfalte ein, die den Goldregen wie in Darstellungen von Danae und Jupiter aufzunehmen vermag.
Alles schläft, eine wach
Der Apostel in Grün neben Maria hingegen sieht mit seinen kaum geöffneten Lidern unausgeschlafen aus, wie übrigens alle anderen zu sehenden männlichen Beistehenden auch, die zusätzlich mit geknicktem Haupt wie betreten zu Boden blicken. Ob hier von der Künstlerin der maximale Kontrast zwischen dem „unerweckten“ Moment kurz vor Aufprall der Flammen und dem folgenden Sprechen in Zungen thematisiert werden sollte? Warum wirkt dann aber nur Maria a priori aufgeweckt, die übrigen Jünger jedoch geradezu bedröhnt? Vulgärtheologisch mag das in Ordnung gehen – Maria als Patronin von Notre-Dame darf natürlich agiler und größer als der dröge Apostel-Rest dargestellt werden; künstlerisch aber funktioniert auf den Fenstern gar nichts.
Der wie mit buntem Konfetti beim Kölner Karneval bestreute Boden darunter, der genauso gut aus einem geschmacklosen Hotel der Neunzigerjahre stammen könnte, wie auch das schiefe Himbeerrosa zusammen mit den lieblos gestalteten Gewandfalten wird nicht nur für große Freude bei der handwerklichen Umsetzung in viele kleine Glaskompartimente sorgen. Er wird vor allem das von Viollet-le-Duc fein austarierte Lichtspiel in der Kirche brachial stören.

Tatsächlich widerspricht die Entfernung der alten denkmalgeschützten Fenster Viollet-le-Ducs zugunsten der sündteuren modernen jeder Maxime heutiger Denkmalpflege. Eine französische Petition zur Bewahrung der historischen Kirchenfenster hat auch schon beinahe 300.000 Unterschriften gesammelt. Nur von den UNESCO-Denkmalpflegern des ICOMOS mit Sitz in Paris hat man noch keinen lauten Protest gegen die Raumverfälschung (die im Falle des am historisch verbürgten Ort zeitgenössisch ergänzten Altars im Naumburger Dom bekanntlich das Totschlagargument war) oder Störung der subtilen Lichtbalance vernommen – obwohl die Kathedrale Notre-Dame natürlich Weltkulturerbe ist.
Claire Tabourets Entwürfe jedenfalls sind unter dem Titel „D’un seul souffle“ („In einem einzigen Atemzug“) bis zum 15. März des nächsten Jahres im Grand Palais zu sehen – ob man von den Entwürfen nicht eher „A bout de souffle“ gerät, davon möge sich jeder selbst vor Ort seine Meinung bilden.
Source: faz.net