Neue Assistenzfunktion: Die KI, die sich ins Telefonat einklinkt

Die Frage kommt harmlos daher, aber das ist sie nicht, denn sie wird mitten in einem Telefonat gestellt: „Hey Magenta, kannst Du uns sagen, wo in Bonn wir das beste Sushi essen können?“, fragt Lena Drubel, die bei der Deutschen Telekom den Bereich Konsumenten-KI leitet. Am anderen Ende der Leitung ist ein Kollege von ihr, gemeinsam wollen sie zeigen, wie ein KI-Agent direkt in einer Mobilfunkverbindung im Netz eingebaut ist.

Es ertönt das Telekom-Jingle, und prompt meldet sich eine menschlich klingende Frauenstimme. Sie nennt gleich drei Sushi-Restaurants, die viele Gäste mit sehr gut bewertet hätten. „Guten Appetit.“ Dann geht das Telefonat weiter. Drubel und ihr Kollege testen noch weitere Assistenzfunktionen wie Hotelempfehlungen in der Nähe des Restaurants oder eine Erinnerungsfunktion, damit sie rechtzeitig aufbrechen.

Funktion befindet sich gerade im Aufbau

Zwar passiert es in dem Test in der Deutschlandzentrale der Telekom noch ab und an, dass die KI-Stimme auf Englisch antwortet oder etwas nicht richtig versteht, doch fühlt sich der Bonner Dax-Konzern mit seiner Entwicklung reif genug, sie in der kommenden Woche auf dem Mobile World Congress vorzustellen, der größten Mobilfunkmesse der Welt in Barcelona. „Wir sind global der erste Netzbetreiber, der das anbietet“, sagt Abdu Mudesir, der im Vorstand der Deutschen Telekom für Innovation und Technik zuständig ist. Man sei gerade im Aufbau der Funktion, und es könne sein, dass nicht alles hundertprozentig funktioniere. Aber Künstliche Intelligenz, die ins Netz integriert ist und mit jedem Telefon funktionieren soll – das ist etwas grundsätzlich Neues, das noch kein Konkurrent so im Angebot hat.

Ein „KI-Optimist“: Abdu Mudesir, Vorstand für Produkt und Technologie in der Deutschlandzentrale der Telekom in Bonn
Ein „KI-Optimist“: Abdu Mudesir, Vorstand für Produkt und Technologie in der Deutschlandzentrale der Telekom in BonnMarcus Simaitis

Damit greift die Telekom sogar die amerikanischen Technologiekonzerne an, die ihre KI-Agenten bislang auf Basis von Apps an Kunden bringen und damit enormen Erfolg hatten: Sowohl was die Zahl der Nutzer angeht als auch die Investorengelder, die Unternehmen wie Open AI , Anthropic oder Perplexity eingesammelt haben. Und es ändert auch die Spielregeln, welche Rolle die Telekom für sich selbst sieht. Denn Netze sind das, was Telekommunikationsunternehmen definiert – und in dieser Hinsicht hinkt die Branche den eigentlichen Techunternehmen seit Jahr und Tag hinterher.

Ein „Partner“ für die Kunden

Denn die nutzen die Mobilfunknetze, um ihre Inhalte und Services zu transportieren, zahlen aber nach Einschätzung der Netzbetreiber zu wenig dafür. Darüber klagt die Branche schon lange. Jetzt versucht die Telekom etwas, wozu auch Analysten raten: nämlich den Technologieunternehmen auf ihrem eigenen Feld Wettbewerb zu machen. Und so zeigt sich Mudesir selbstbewusst: „Wir sind nicht mehr nur ein Telekommunikationsunternehmen, sondern eine Techfirma. Wir haben das klare Ziel, auch im Feld rund um KI eine führende Rolle zu spielen als deutsches Unternehmen.“

Das neue Angebot soll bald nicht nur einfache Fragen beantworten, sondern viel mehr erledigen können, von Protokollieren bis Kalenderführen. „Unser KI-Assistent agiert als vertrauensvoller Partner für alle Kunden“, sagt Mudesir. Und dazu gehört dann auch ein Liveübersetzer. Mudesir, dessen Eltern aus Äthiopien stammen, freut sich schon darauf, wenn seine Kinder, die alle in Deutschland geboren sind, endlich besser mit ihren Großeltern direkt am Telefon kommunizieren können.

Sprachtelefonie hat wieder Konjunktur

Ganz ohne die KI-Platzhirsche geht es freilich nicht. Auch die Telekom hat die Künstliche Intelligenz für ihr Kernnetz nicht allein entwickelt. Ihre Partner für den „Magenta AI Call Assistant“ im Kernnetz will Mudesir noch nicht verraten. Nur so viel: „Wir arbeiten mit den besten in der Industrie.“ Europä­ische Unternehmen sollen sich ebenso darunter befinden wie amerikanische.

Die Idee hinter der Netzintegration von Künstlicher Intelligenz ist rund 18 Monate alt. Damals hatte Mudesir ein internes Papier verfasst mit dem Titel „Voice comes back from the Ashes“ – was sich in etwa mit „Sprachtelefonie steigt aus der Asche empor“ übersetzen lässt. Damit zielte er auf die Tatsache, dass Sprachtelefonie mit Blick auf App-Boom und Displaybedienung keine richtige Konjunktur mehr hatte.

Die Telekom will KI „demokratisieren“

Chatbots jedoch könnten der einst allgegenwärtigen fern-mündlichen Kommunikation wieder einen kräftigen Schub verleihen. Tatsächlich ist die menschliche Stimme im Austausch mit der KI das schnellste und einfachste Instrument. Auch ChatGPT von Open AI hatte schnell eine Sprachfunktion zum reinen Text ergänzt, was rege genutzt wird.

Die Telekom wolle „KI demokratisieren“, das hatte schon Mudesirs Vorgängerin Claudia Nemat vollmundig versprochen. Auch der neue Vorstand hält sich an diese Sprachregelung. Um den Zugang für Technologie für alle einfach zu machen, hatte der Telekommunikationskonzern zuerst auf ein eigenes Handy gesetzt, das „KI-Phone“. Das vergleichsweise billige Smartphone war seinem hochtrabenden Namen zum Trotz kein „Gamechanger“, wie Technikprofis gern formulieren.

Ein ganz anderes Kaliber

Es bot letztlich nichts anderes als eine einfache Oberfläche für das Betriebssystem Android mit direktem Zugang unter anderem zu einem KI-Angebot wie Perplexity, ohne auf den ersten Blick mit Apps überfrachtet zu sein. Mit den Verkaufszahlen ist die Telekom laut eigener Aussage trotzdem zufrieden, sollte das doch vor allem ein Experiment sein, um aus Technik und Nutzerverhalten zu lernen – und kein ernsthafter Versuch, großen Smartphoneherstellern wie Samsung oder Apple jetzt ernsthaft Konkurrenz zu machen.

Doch die jetzt ins Netz eingebaute KI ist ein anderes Kaliber. Grundsätzlich benötigt sie nicht einmal ein Smartphone. Selbst ein einfaches Tastenhandy ermöglicht den Zugang zum Magenta-Chatbot. Dafür muss die grundsätzliche Funktion einmal aktiviert werden, das geht zum einen über die Magenta-App oder später auch für Kunden ohne Smartphones über ein Formular im Browser. Um den Assistenten im Gespräch aufrufen zu können, muss das Telefonat aus dem Netz der Telekom begonnen werden, der Angerufene kann aber theoretisch auch im Netz der Wettbewerber wie Vodafone oder Telefónica unterwegs sein.

Die Technik „anfassbar“ machen

Die neue Technologie ist ein Schritt auf einem Weg, den Mudesir so beschreibt: „KI als App auf dem Handy alleine wird nicht reichen, KI muss überall integriert sein.“ Die Entwicklung sei zudem rasant, weshalb Technologieunternehmen zwangsläufig daran arbeiten müssten. Früher wurden KI-Modelle an der Universität entwickelt, danach lange im Labor gefeilt. Bis die Arbeit in ein Produkt mündete, dauerte es viele Jahre. „Heute sprechen wir von Monaten“, sagt Mudesir. Auch deshalb ist er optimistisch, dass der Assistent schnell besser wird.

Eigentlich ist der Vierundvierzigjährige ein Technikfreak, der auch zu Hause gern alle möglichen neuen Funktionen testet. Er sagt aber auch: „Es kann sein, dass KI für einige Menschen überfordernd wirkt. Auch deshalb wollen wir neue Technik anfassbar machen. Wir setzen KI nur dort ein, wo wir sie kontrollieren und verstehen können.“

Trotz aller zur Schau gestellten Euphorie weiß auch die Telekom, dass ein Angebot, das in Telefongesprächen zuhört, gerade in Deutschland Kritiker auf den Plan rufen dürfte. „Ich bin KI-Optimist, aber das darf man nicht mit Naivität verwechseln“, sagt Mudesir. Es gehe darum, einen tatsächlichen Mehrwert für Kunden zu schaffen. Die KI-Funktion springe nur über das Stichwort „Hey Magenta“ an. Ohne den aktiven Aufruf im Gespräch würden keinerlei gesprochene Worte gespeichert oder ausgewertet.

Solche Aktivierungsworte wie „Hey Magenta“ kennen Nutzer von anderen Angeboten wie etwa dem Sprachmodell Alexa des amerikanischen Onlinehändlers Amazon . Auch der versichert seit Jahren, dass die Endgeräte nur auf Zuruf zuhören; solche Sprachassistenten sind gleichwohl unter Datenschützern wenig gelitten. Aber gerade diese skeptische Einstellung der Deutschen sieht Mudesir als sportliche Herausforderung: „Unser Plan ist, in Deutschland damit zu starten, das wäre auch mir persönlich am liebsten, denn hier sind die Auflagen für solche Anwendungen am höchsten.“ Ganz nach dem Motto: Wer es hier schafft, schafft es überall.