Netflix-Doku jenseits Schach-Skandal: Ging es am Brett mit rechten Dingen zu?

Sein Bauchgefühl für alles, was am Schachbrett passiert, hat Magnus Carlsen weit gebracht. Am 4. September 2022 hat es ihn getrogen. Der damalige Weltmeister war überzeugt, dass ein junger Emporkömmling, der ihn beim Sinquefield Cup in St. Louis ohne sichtbare Anstrengung schlug, Computerzüge zugespielt bekam. Bevor Carlsen am folgenden Tag das Turnier abbrach und mit einer Twitter-Botschaft seinen Betrugsvorwurf in die Welt setzte, telefonierte sein Vater mit Chess.com. Er fragte nach Beweisen, ob Hans Niemann betrogen habe.

Chees.com zahlte 73,2 Millionen Euro

Carlsens Familie und die Plattform hatten kurz zuvor ihre Partnerschaft bekannt gegeben. Chess.com zahlte für die um den norwegischen Schachstar aufgebaute Play Magnus Gruppe umgerechnet 76,2 Millionen Euro, obwohl fast alle dazugehörenden Firmen Verluste schrieben. Das Hauptmotiv der Übernahme war weniger, einen strauchelnden Konkurrenten auszuschalten, als den dominierenden Spieler für die eigene Vermarktung zu gewinnen. Chess.com-Schachchef Danny Rensch wollte seinen neuen Partner nicht enttäuschen. Henrik Carlsen antwortete er, Niemann sei als Jugendlicher gesperrt worden, weil er bei der Zuhilfenahme einer Schachsoftware im Onlinespiel erwischt worden war, und dass seine am Brett gespielten Partien genau überprüft würden. Bei Magnus Carlsen kam an, ein Beweis sei eine Frage von Tagen oder Wochen. Er glaubte, ein Ass im Ärmel zu haben.

Zunächst schien er recht zu bekommen. Wenn Niemann beim Sinquefield Cup nach seinen Zügen gefragt wurde, gab er wirres Zeug von sich und etablierte sein Mantra „Schach spricht für sich selbst“. Youtuber zerpflückten Partien, in denen er verdächtig wie ein Computer gespielt hatte. Chess.com sperrte den US-Großmeister erneut und spielte dem „Wall Street Journal“ eine Auswertung zu, der zufolge er in über 100 Onlinepartien betrogen habe. Auf einem kanadischen Schachstream scherzte ein User, er bekomme Signale über „Analperlen“. Die schlüpfrige Theorie wurde von Boulevard, Musk und Komikern gierig aufgegriffen. Schach war medial so präsent wie vielleicht nie zuvor, und die Anmeldungen beim Onlineschach explodierten. Nur der erwartete, quasi versprochene Beweis für einen Betrug am Brett kam nicht.

Die „Schachmafia“ habe seine Karriere zerstört

„Untold: Chess Mates“ schildert die Eskalation. Niemann darf ausführen, wie er unter den unziemlichen Vorwürfen gelitten und die „Schachmafia“ in einer konzertierten Aktion seine Karriere zerstört habe, was man ihm wegen seines zur Schau gestellten Selbstbewusstseins nicht abnimmt. Dabei gewährt er Einblick ins einsame Leben eines mit 16 Jahren allein nach New York gezogenen Schachprofis, der zeitweise monatelang kein persönliches Gespräch führte. Sein zerwühltes Bett und sein von Junkfood gesäumter Arbeitstisch kommen ins Bild, immer wieder sieht man ihn durch nächtliche Straßen spazieren. Im Wesentlichen erzählt er die gleiche Opfergeschichte wie in seiner Rufmordklage gegen Chess.com und Carlsen auf jeweils 100 Millionen Schadenersatz. Einsilbig gibt sich die Dokumentation beim geschlossenen Vergleich, der nur von Magnus Carlsen kurz erwähnt wird. Er sei dagegen gewesen, doch das US-Rechtssystem sei schlecht und teuer.

DSGVO Platzhalter

Rensch zufolge ist Niemann durch die Affäre ein anderer Mensch geworden, inwiefern, führt er nicht näher aus. Der Angesprochene bezeichnet wiederum Rensch als „Mentor im schlechtesten Sinne“, weil der Onlineunternehmer die aggressiven Selbstschutzreflexe in ihm geweckt habe. Wie sich sein Leben wirklich umgekrempelt hat, zeigt die Dokumentation nicht. Seine unveröffentlichte Abfindung investierte Niemann, der inzwischen in Hotels lebt, in Schaukämpfe, Training mit Exweltmeister Wladimir Kramnik, einem weiteren erklärten Chess.com-Feind, und eine Schachfirma, die dem Marktführer Konkurrenz machen soll.

Während der Covid-Lockdowns begann Onlineschach zu boomen. Der nächste Schub kam im Oktober 2020 durch die Literaturverfilmung „Damengambit“. Die Netflix-Serie vom märchenhaften Aufstieg einer Schachspielerin an die Weltspitze der Sechzigerjahre, als die Schachszene noch auf Frauen herabblickte, wurde von über 200 Millionen Menschen gesehen. Daran anknüpfen sollte „Königin des Schachs“ über die ungarische Spielerin Judit Polgár. Doch die seit 6. Februar auf Netflix verfügbare Dokumentation der Amerikanerin Rory Kennedy verkürzt ihre Geschichte auf ihre Begegnungen mit Garri Kasparow und endet mit Polgárs Sieg gegen den Russen in einer nicht so signifikanten Schnellschachpartie 2002. Dass sie kurz danach als erste Frau in die Top Ten des Schachs aufstieg und an einem WM-Finale teilnahm, kommt schon nicht mehr vor, geschweige denn, dass sie inzwischen nicht mehr Profi ist, sondern Schach in Schulen promotet.

„Chess Mates“ ist runder geworden. Im auf den US-Markt ausgerichteten „Untold“-Format kann die in der sechsten Staffel laufende Episode am ehesten auch außerhalb Amerikas Resonanz finden. Chess.com schürt den Hype und wird dazu beitragen, dass Millionen Onlinespieler „Chess Mates“ ansehen. Die Plattform setzt auf „Storytelling“ und hat eigene Filmproduzenten eingestellt. Noch ausführlicher vom Carlsen-Niemann-Skandal erzählt Ben Mezrich, der bereits die Vorlage für „The Social Network“ verfasste. Die Filmrechte für sein im Juni erscheinendes Buch „Checkmate“ sind längst an den kanadischen Komiker und Regisseur Nathan Fielder und die amerikanische Schauspielerin Emma Stone verkauft. Laut Mezrich beginnen die Dreharbeiten noch dieses Jahr.

Chess Mates startet am Dienstag bei Netflix.

Source: faz.net