Netflix: Der Kampf um Hollywood beginnt erst
„And the winner is …„, heißt
es bei der Oscar-Verleihung, bevor der jeweilige Name oder Titel des Siegers
verlesen wird. Fünf sind in den meisten
Kategorien nominiert, nur einer kann gewinnen, der Sieger muss dann wenigstens
überrascht tun. Beim monatelangen, hitzig geführten Bieterwettbewerb um einen
der bedeutendsten Entertainment-Konzerne der Welt, zu dem eines der
traditionsreichsten Filmstudios Hollywoods gehört, gab es drei Kandidaten. Der
Gewinnername ist seit Freitag bekannt, und er war eine echte Überraschung:
Netflix.
Der weltweit
abonnentenstärkste Streamingdienst will Warner Bros. Discovery kaufen, für 72
Milliarden US-Dollar (mit übernommenen Schulden knapp 83 Milliarden Dollar).
Netflix möchte aber nur das Filmgeschäft und das Konkurrenzstreamingangebot HBO
Max von Warner Bros. Discovery übernehmen, nicht die Fernsehsparte, zu der
unter anderem der Nachrichtensender CNN gehört und die in ein separates
Unternehmen ausgegliedert werden soll.
Branchenkenner hatten lange
vermutet, Netflix biete nur mit, um einen Blick in die Bücher von Warner Bros.
Discovery werfen zu können. Oder gar bloß, um den Preis für die beiden
Konkurrenten im Bietergefecht in die Höhe zu treiben: Comcast und Paramount
Skydance. Als fragwürdig hatte anfangs bereits die Idee gegolten, dass Netflix
überhaupt ernsthaft über einen Kauf von Warner nachdenken könnte. Bisher hatte der Streamingdienst weitgehend vermieden, durch Zukäufe zu expandieren.
Comcast und Paramount Skydance
haben nun also verloren, letzterer Konzern galt allgemein als
aussichtsreichster Kandidat. Auf jeden Fall fuhr er die aggressivste
Übernahmestrategie. Aufgegeben jedoch hat Paramount Skydance, das insgesamt
drei Gebote für Warner abgab, noch nicht. Von dort wurden bereits Vorwürfe
laut, die Entscheidung des Warner-Managements für Netflix sei nach einem
unfairen Prozess erfolgt.
Nun geht es um mehr als eine
Übernahme, es geht um nichts Geringeres als die Zukunft der
Entertainmentbranche. Denn sollte sich Netflix am Ende durchsetzen – eine
Finalisierung des Deals könnte bis zu zwei Jahre dauern –, dann würde mit dem
algorithmisch feinjustierten Streamingdienst das Silicon Valley endgültig über
das traditionelle Hollywood triumphieren.
Kaum ein Unternehmen verkörpert
die goldene Zeit des kalifornischen Filmgeschäfts dabei so wie Warner. Das
Studio wurde 1923 von den vier Brüdern Harry, Albert, Sam und Jack gegründet.
Ihm verdankt die Welt den Filmklassiker Casablanca, das
Cartoon-Kaninchen Bugs Bunny, später das Batman-Franchise, die Harry-Potter-Verfilmungen,
zuletzt den Blockbuster Barbie. Auch das aktuelle Kinojahr läuft gut für
Warner, Paul Thomas Andersons Kinohit One Battle After Another etwa gilt
als aussichtsreicher Oscar-Kandidat.
Warner, das ewige Objekt der Begierde
Es ist nun nicht das erste
Mal, dass sich Medienunternehmen und solche, die es werden wollen, um Warner
reißen. 1990 fusionierte der Konzern mit dem Time-Verlag, 1996 kam CNN dazu.
Vier Jahre später meldete erstmals das Silicon Valley Interesse an: AOL übernahm
Time Warner für 182 Milliarden Dollar, die Manager priesen das als
einen Jahrhundertdeal, der 2001 den damals größten Medienkonzern der Welt schuf: AOL Time Warner. Tatsächlich ging die Transaktion als eines der größten Fiaskos
in die Wirtschaftsgeschichte ein. AOL versank in der Bedeutungslosigkeit, wenige
Jahre später wurde die Verlagsseite abgestoßen. 2018 sah der Telefonkonzern
AT&T eine Gelegenheit, Warner-Inhalte für seine Mobilfunk- und
Internetkunden einzukaufen; nun war der Preis 108 Milliarden Dollar, es entstand
WarnerMedia. Doch auch die Idee erwies sich als desaströs. Warner erlebte eine
Flucht der Kreativen. So ging etwa der Regisseur Christopher Nolan,
der für das Studio die erfolgreichsten Batman-Filme gedreht hatte, mit
seinem Kino- und Oscar-Erfolg Oppenheimer zur Konkurrenz bei Universal.
Bereits drei Jahre nach der Fusion verkauften die Telefonmanager die
WarnerMedia-Sparte weiter an Discovery – ein Unternehmen, das bis dahin
vor allem für Tierfilme und Kochsendungen bekannt war. Im Jahr 2022 wurde
daraus dann auch offiziell die bisher letzte Warner-Inkarnation: Warner Bros.
Discovery.
CEO dieses Sammelsuriums wurde der vormalige Discovery-Chef David Zaslav, der seine Karriere bis dahin
vorwiegend auf der Vertriebsseite des Kabelfernsehgeschäfts gemacht hatte. Den
entnervten Filmschaffenden erschien er zunächst als Retter, die New York
Times pries ihn als „neuen Titan der Medien“. In diese Rolle fand Zaslav
sich schnell ein. Er zog nicht nur von New York nach Los Angeles, sondern
auch gleich in das einstige Büro von Jack Warner auf dem Studiogelände in
Burbank. Und er verpasste dem Konzern ein neues Motto: „The stuff that
dreams are made of“ („Der Stoff, aus dem die Träume sind“). Das ist ein
Zitat aus Zaslavs Lieblingsfilm Die Spur des Falken. Humphrey
Bogart sagte den Satz in der Rolle des Privatdetektivs Sam Spade und beschrieb
damit einen unbezahlbaren Schatz, den alle haben wollen – der aber nur Chaos
und Vernichtung bringt und am Schluss niemandem nutzt.
Ungefähr so entwickelte sich
unter Zaslav nun auch Warner Bros. Discovery. Radikale Sparmaßnahmen sollten
helfen, die „Synergien“ zu erzeugen, die Zaslav den Aktionären versprochen
hatte. Nicht nur, dass er gleich nach der Fusion Hunderte Mitarbeiter kündigte
und Stellen strich. Er ließ die beliebte HBO-Serie Westworld
einstampfen, genauso wie den Streamingkanal CNN+, mit dem sein Vorgänger
den Nachrichtensender in die digitale Zukunft hatte transportieren wollen.
Nicht einmal die Sesamstraße war sicher: 200 Folgen ließ Zaslav von
seinen Buchhaltern abschreiben.
Innerhalb kürzester Zeit
wurde aus dem Hoffnungsträger Zaslav der meist verachtete Mann Hollywoods. Dabei
war auch nicht hilfreich, dass er 2021 mit 246 Millionen Dollar Jahreseinkommen
der bestbezahlte CEO der USA war – 216 Millionen davon waren allerdings die
Aktienoptionen wert, die Zaslav für die Fusion mit Warner eingestrichen hatte
(im Jahr 2024 verdiente er „nur“ noch 51 Millionen Dollar brutto). Beim monatelangen
Streik der Schauspieler und Drehbuchautoren im Sommer 2023 wurde er zur
Zielscheibe des Zorns. „Alles, was wir fordern, sind zwei Jahresgehälter
von Zaslav für 11.500 Mitglieder der WGA“, schrieb damals bissig die
Drehbuchautorin Annie Stamell auf X.