Nathalie Klüver oberhalb Erschöpfung: „Selfcare-Ratschläge setzen nur noch mehr unter Druck“

Immer mehr Eltern gehen auf dem Zahnfleisch. Mit einer dauerhaften Erschöpfung, die ihnen tief in den Knochen steckt, schleppen sich viele durch ihren hektischen Alltag von Termin zu Termin und stoßen dabei auf strukturelle Barrieren, die ihnen ein Durchatmen schier unmöglich machen. Alles für die Kinder, sie selbst bleiben dabei aber häufig auf der Strecke. Bloß nicht zusammenbrechen.

Nathalie Klüver bewegt sich als Autorin und Journalistin rund um das Thema Familie und erfährt als dreifache Mutter täglich selbst am eigenen Leib, was es bedeutet, in Deutschland Kinder zu haben. Der Freitag hat mit Klüver über ihr neues Buch Deutschland, ein kinderfeindliches Land? gesprochen.Darinzeigt sie auf, was wir rund um die Familienpolitik von anderen Ländern, allen voran den skandinavischen, lernen können.

der Freitag: Frau Klüver, immer mehr Eltern berichten von einer dauerhaften Erschöpfung. Sollten diese sich einfach besser organisieren oder Selfcare betreiben, wie es in Ratgebern oft heißt?

Nathalie Klüver: Wenn ich so etwas lese, rege ich mich jedes Mal über das Zurückspielen der Verantwortung an die Eltern auf. Auch wenn Ratschläge, wie „Man solle den Haushalt auch mal liegen lassen“ vielleicht gut gemeint sind, sind sie viel zu kurz gegriffen. Die meisten machen schon bloß das Nötigste, um ein halbwegs sauberes und hygienisches Zuhause zu haben, in dem man Kinder großziehen kann. Einfach, weil sie es nicht anders schaffen.

Also keine Zeit für Selfcare und Me-time?

An sich ist das vielleicht eine schöne Sache, leider ist so etwas in einem Haushalt mit Kindern aber kaum unterzubringen. Und wenn man es doch schafft, können sich die wenigsten wirklich entspannen. Viele Eltern geraten oft in diesen ewigen Kreislauf des schlechten Gewissens und der Gedanken, nicht gut genug zu sein, nicht genug für das Kind zu tun, nicht genug zu leisten und sich dann auch noch nicht einmal gut genug entspannen zu können. Solche Ratschläge setzen nur noch mehr unter Druck.

Ist es also vor allem der gesellschaftliche Druck, der den Eltern zu schaffen macht?

Absolut. Einmal soll aus den Kindern ja etwas werden. Man investiert also unheimlich viel Zeit und Energie in die Bildung der Kinder und gibt diesen Druck ungewollt an sie weiter.

Zum Kindergartenfest sollte man besser einen selbstgebackenen Kuchen mitbringen, der mehr ist als ein schnöder Marmorkuchen. Sonst steht man schnell als Rabenmutter da, die keine Zeit in ihre Kinder investiert. Diese ganzen gesellschaftlichen Ansprüche an die eigene Leistung und die der Kinder tragen also unheimlich zur momentanen Erschöpfung der Eltern bei. Das hat in den letzten Jahren zugenommen.

Dieser Anspruch, alles perfekt machen zu müssen, klingt ziemlich belastend.

Ja, und eine dauerhafte Belastung treibt viele Eltern sogar ins Burn-out. Die Nachfragen nach Kuren sind in den letzten Jahren nicht ohne Grund enorm gestiegen. Außerdem werden nur die Eltern eine Kur beantragen, die organisatorisch stemmen können, sich Hilfe zu suchen. Wir können also davon ausgehen, dass eine große Dunkelziffer der Eltern trotz Burn-out versucht, alles zusammenzuhalten. Darum brauchen wir dringend strukturelle Veränderungen.

Welche strukturellen Probleme machen Eltern momentan am meisten zu schaffen?

Seit der Coronakrise befinden wir uns zum Beispiel in einer Kitakrise, die Eltern mit kleinen Kindern massiv belastet, denn der Personalnotstand in den Kitas sorgt für eine absolut unzuverlässige Kinderbetreuung. Ein Elternteil muss also jeden Morgen damit rechnen, dass das Kind nicht in die Kita kann oder früher abgeholt werden muss. Das führt natürlich zu massivem Stress.

Und die Schulen?

Auch in der Schule ist der Ausbau der Ganztagsbetreuung noch nicht so weit vorangeschritten, wie es gesetzlich vorgesehen ist. Wenn das Kind in die erste Klasse kommt, müssen viele der Mütter – und es sind einfach immer noch vorwiegend die Mütter – ihre Stunden reduzieren, um das Kind um zwölf Uhr von der Schule abholen zu können. Es gibt so viele strukturelle Benachteiligungen, die einem als Elternteil das Leben erschweren.

Was meinen Sie mit strukturellen Benachteiligungen?

Das fängt schon bei den Arbeitsbedingungen an. Einerseits wird Müttern durch die geringe Kitakapazität erschwert, Vollzeit zu arbeiten, andererseits werden ihnen dadurch die Aufstiegschancen versagt. Wenn Meetings auf fünfzehn Uhr gelegt werden, können die Mütter nicht teilnehmen, weil sie ihre Kinder aus der Kita einsammeln müssen.

Ein anderer Punkt ist die finanzielle Benachteiligung von Familien und die wahnsinnig hohen Kosten, die sie treffen. Die Inflation der Lebensmittelpreise macht Familien weit mehr zu schaffen, denn Kinder essen unheimlich viel, vor allem, wenn sie ins Teenageralter kommen. (Lacht) Ich musste beispielsweise gerade sechshundert Euro on top in diesem Monat für die Kursfahrten meiner Kinder aufbringen. Dazu kommt das Ehegattensplitting, das eine strukturelle Benachteiligung Frauen gegenüber ist, die sie klein und finanziell abhängig hält.

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Das Ehegattensplitting soll Familien doch eigentlich entlasten.

Durch die steuerliche Zusammenrechnung beider Einkommen lohnt es sich nicht, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten gehen, auch wenn es zeitlich vielleicht machbar wäre. Meist ist es noch immer die Frau, die in die Teilzeit geht. Wenn man Familien aber wirklich entlasten wollen würde, wäre ein Familiensplitting wie in Frankreich sinnvoll.

Wie funktioniert das?

Das bedeutet, dass man je nach Anzahl der Kinder eine Steuervergünstigung bekommt. So würde man Familien tatsächlich fördern.

Bundeskanzler Friedrich Merz wetterte kürzlich gegen die telefonische Krankschreibung. Was würde es für Eltern bedeuten, wenn diese wegfällt?

Durch die telefonische Krankschreibung müssen wir nicht jedes Mal mit unseren kranken Kindern in eine Kinderarztpraxis fahren, in der andere kranke Kinder sitzen, die sich alle untereinander und im Zweifel gleich die Eltern mit anstecken. Die Krankschreibung für das Kind brauchen wir aber, um das Kinderkrankenpflegeld und unsere Kinderkrankentage beim Arbeitgeber zu bekommen.

Der Wegfall der telefonischen Krankschreibung würde also eine riesige organisatorische Zusatzbelastung für die Eltern bedeuten, die sicherlich auch an einigen Stellen dazu führen würde, dass Eltern ihre Kinder mit Ibuprofen gedopt in die Kita bringen, weil sie es anders nicht schaffen würden.

Gäbe es konkrete politische Hebel, die die Eltern deutlich entlasten würden?

Es gibt mehrere politische Stellschrauben, an denen man nachjustieren könnte. Eine wäre, den finanziellen Druck, als einen der größten Stressfaktoren herauszunehmen, indem man die Mehrwertsteuer auf alle Produkte, die mit Kindern zu tun haben, senkt. Wie Autositze und Kinderwagen, oder Windeln und Babybrei, die nebenbei beide mit neunzehn Prozent besteuert werden. Das wäre eine unkomplizierte Möglichkeit, Familien große Ersparnisse zu ermöglichen.

Außerdem könnte man größere Kinderfreibeträge einräumen und für eine verlässliche Kinderbetreuung sorgen, die auch bei Ausfällen dafür sorgt, dass genügend Personal mit Springern zur Verfügung steht, damit Eltern sich wirklich auf die Betreuung ihrer Kinder verlassen können.

In Skandinavien funktioniert das auch. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, sollten aber offen für andere Modelle sein und uns diese gegebenenfalls abschauen, wenn sie sich bewähren.

Was läuft dort anders?

In Finnland oder auch in Island zum Beispiel ist die Elternzeit verpflichtend für beide Elternteile. Das würde den Familien enorm helfen! Das bedeutet, dass beide Elternteile die Hälfte der Elternzeit nehmen müssen, und zwar nacheinander und nicht gleichzeitig, sodass sich endlich auch die Väter mehr als nur zwei Monate nehmen.

Viele Väter in Deutschland nehmen noch nicht einmal diese Zeit. Wenn sie aber gesetzlich dazu verpflichtet werden würden, ein halbes Jahr Elternzeit zu nehmen, dann kann keiner der Arbeitgeber sie deswegen benachteiligen. Außerdem wissen wir aus Studien, dass die Väter sich dadurch im späteren Verlauf sehr viel mehr in die Care-Arbeit einbringen. Dabei ist das erste Jahr ausschlaggebend.

Und die staatlich organisierte Betreuung der Kinder läuft dort auch besser?

Ja, die Schulen in Skandinavien lagern beispielsweise sehr viel weniger an die Eltern aus. Schulkinder sind durch den Lehrermangel und die fehlenden Ressourcen in Deutschland ein zusätzlicher Stressfaktor. Wenn die Kinder beispielsweise in die erste Klasse kommen, soll man täglich mit ihnen lesen üben, danach müssen Referate und Hausaufgaben betreut werden. Wenn Deutsch aber nicht die eigene Muttersprache ist, wird das für die Eltern, abgesehen vom zeitlichen Faktor, zu einer enormen Belastung. Da beginnen bereits Ungleichbehandlung und Chancenungerechtigkeit.

In skandinavischen Ländern wird all das in die Schule verlagert. Dort sind Schulen vielmehr ein Begegnungsraum, in dem sich die Kinder nachmittags aufhalten können und eine umfassende, qualitativ hochwertige Betreuung bekommen. Bei uns ist das in der Ganztagsbetreuung trotz engagierter Kräfte leider keineswegs der Fall.

Deutschland müsste also deutlich mehr Geld ins Schulsystem stecken.

Ja, genau. Da sind wir auch im OECD-Vergleich ziemlich weit hinten. Das müsste tatsächlich sehr viel mehr passieren. In Norwegen beispielsweise werden einem die Lehrmittel von der Schule selbst gestellt. Vom Blatt, über das Geodreieck bis zum Tuschkasten. Dadurch entfällt eine riesige finanzielle Belastung für die Eltern und auch eine Ungleichbehandlung der Kinder.

So hat keiner einen tollen Marken-Tuschkasten, ein anderer dafür den No-Name-Kasten, der vielleicht nicht so tolle Farben hat. Für die Eltern sind es ja vor allem diese kleinen Besorgungen, die das Elternleben so unglaublich stressig machen. Was Eltern aber wirklich brauchen, ist Zeit.

Wie meinen Sie das?

Wir brauchen Zeit, uns mal zu erholen. Außerdem sollte es gesellschaftlich akzeptiert sein, wenn ein Elternteil merkt, dass es Hilfe braucht. Darum sollten sich die Eltern untereinander solidarisieren, sich gegenseitig helfen und sich die Kinder mal abnehmen. Niemand sollte dafür verurteilt werden, wenn das Kind nicht zu Hause betreut wird oder ein Babysitter engagiert wurde. Dieser Druck, der da von allen Seiten auf die Eltern einwirkt, muss aufhören.

Könnte da die 4-Tage-Woche helfen?

Ich denke tatsächlich, dass das Eltern sehr entlasten würde! An einem freien Vormittag, an dem die Kinder in Kita oder Schule sind, hätte man als Elternteil Zeit für Dinge wie Arzttermine, Großeinkauf, Büchereibesuch, Hausarbeit – also all das, was sonst in den vollgepackten Alltag gequetscht wird und das Leben stressig macht.

Außerdem gäbe es dann Zeit für Sport oder Hobbys, also Dinge, die die Akkus wieder auffüllen. Davon profitieren auch die Kinder: Man gewinnt Zeit für echte Quality Time. Dadurch, und da bin ich mir sicher, würde auch die Produktivität bei der Arbeit steigen. Denn mit vollen Akkus, geht einem alles leichter von der Hand!

Braucht es ein gesellschaftliches Umdenken in Bezug auf Sorgearbeit?

Dass wir füreinander sorgen müssen, sollte viel höher angerechnet werden. Wenn die Gesellschaft kinderfreundlicher werden würde, würde auch der Stellenwert der Sorgearbeit steigen. Denn Kinder brauchen Fürsorge, Aufmerksamkeit und viel Platz, um sich zu entfalten.

Wenn gesellschaftlich akzeptiert wird, dass es okay ist, sich für eine gewisse Zeit seines Lebens um jemanden zu kümmern, würden wir letztlich alle davon profitieren. Denn jeder von uns kann jederzeit in eine Situation kommen, in der man auf die Pflege eines anderen angewiesen ist. Darum ist der Wert der Sorgearbeit eigentlich gar nicht richtig zu beziffern.

Welche Verantwortung trägt die Familienpolitik bei all dem?

Die Familienpolitik ist unglaublich wichtig, um die Basis für eine Chancengerechtigkeit zu legen, die im Vergleich zu anderen europäischen Ländern bei uns weniger vorhanden ist. Herkunft und Einkommen spielen noch immer eine unheimlich große Rolle, indem sie über die Zukunft eines Menschen entscheiden. Für eine breit gefächerte Chancengleichheit kann die Familienpolitik einen Grundstein legen, von dem Eltern und Kinder gleichermaßen profitieren könnten.

Nathalie Klüver ist Journalistin und Sachbuchautorin, die sich besonders mit Familienpolitik und Kinderrechten befasst. 2022 erschien ihr Sachbuch Deutschland, ein kinderfeindliches Land? im Kösel Verlag.