Nassehi gut Antisemitismus: Es braucht den Feind, um sich nicht selbst in den Blick nehmen zu zu tun sein

Lange war es einfacher, Antisemitismus als Einstellungsproblem Einzelner zu behandeln. Schwer vorstellbar, dass Friedrich Merz wie damals Konrad Adenauer, als 1959/60 mit über 685 Straftaten eine der ersten großen antisemitischen Wellen durch Westdeutschland ging, antisemitische Gewalttaten als „Flegeleien von Lümmeln“ abtun könnte. Heute zieht sich die politische Rede dafür auf leere Postulate zurück. Antisemitismus dürfe „nicht sein“, habe „keinen Platz in unserer Gesellschaft“ und müsse „entschieden bekämpft“ werden. Wie genau Derartiges verhindert werden kann, bleibt meist unbeantwortet. Immer deutlicher wird jedoch: Antisemitismus ist vielgestaltig, und diese Vielgestaltigkeit wirft immer häufiger die Frage auf, inwieweit gewisse Äußerungsformen überhaupt als antisemitisch gelten sollten.

Armin Nassehi: „Anmerkungen zum Antisemitismus“
Armin Nassehi: „Anmerkungen zum Antisemitismus“C.H. Beck

Zu begrüßen ist es daher, dass sich Armin Nassehi dieser Vielgestaltigkeit aus soziologischer Sicht widmet. In seinem Essay hat er einiges zur Frage der Persistenz von Antisemitismus beizutragen, analysiert die Logik gesellschaftlicher Veränderungen und nicht zuletzt deren Bedeutung für das Selbstverständnis moderner Gesellschaften.

Nassehi fragt nach den Bedingungen, „unter denen Rekurse auf antisemitische Figuren – mit und ohne die Intension des jeweiligen Sprechers – wahrscheinlicher werden“. Er ist vorsichtig, achtet darauf, keine Motivlagen zu suggerieren, und erachtet die Überlagerung vieler politischer „Kontextfragen“ als eines der Hauptprobleme der Analyse. Auch vermeidet er, sich zwischen die Fronten zu begeben, die durch die Jerusalem Declaration on Antisemitism gegenüber der bis dahin als gültig anerkannten Definition der International Holocaust Remembrance Alliance entstanden sind. Nassehi interessiert sich weniger für Definitionen, tritt „einen Schritt hinter die Aktualität zurück“, „um das Phänomen besser zu verstehen“. Der Schritt ist ein großer, und so tut Nassehi, was ein Systemtheoretiker tun muss, er fragt nach seiner gesellschaftlichen Funktion: „Für welches Problem ist der Antisemitismus eine Lösung?“

Auch Carl Schmitt kommt ins Spiel

Er nähert sich der Antwort durch Kanonlektüre. Nicht überraschend, dass er dabei die Auslassungen von Richard Wagner und Karl Marx in den Blick nimmt. Wagner und Marx eint ihre Ansicht, „der Jude“ tauge als Indikator für den Zustand der Gesellschaft: für Wagner in dessen Diagnose des Kulturverfalls durch die Veränderungen der Moderne, die die Juden repräsentierten; für Marx in dessen Diagnose der Entfremdungsdynamik der Moderne, in der „der Jude“ beispielhaft für die Notwendigkeit zu ihrer Überwindung stehe. Marx taugt da als Stichwortgeber des linken Antisemitismus, der sich durch die Emphase des Antikapitalismus Bahn bricht (und unter dem Begriff des Antizionismus auch den islamischen Antisemitismus anschlussfähig macht). Der glühende Antisemit Wagner gilt auch heute als Repräsentant des rechten Antisemitismus, der „das Eigene“ durch „das Fremde“ bedroht sieht.

Überraschend ist, dass Nassehi als dritte Lektürefolie Carl Schmitt heranzieht; hinsichtlich des Zusammenhangs von Selbstverhältnis und Antisemitismus hätte Nietzsche viel geboten, dessen Ressentimenttheorie eine für eine Antisemitismusanalyse interessante Wendung vollzieht. Vielleicht ist ihm Herfried Münkler zuvorgekommen, der die drei bereits als Kronzeugen einer „Welt im Umbruch“ herangezogen hat. So leuchtet Schmitts „Freund-Feind-Schema“ nur ein, um Nassehis zentrale These plakativ zu machen: dass die Funktion des Antisemitismus darin bestehe, durch die Konstruktion eines Feindes eigene Probleme nicht analysieren zu müssen. Denn, so Nassehi, der Antisemitismus sei die Lösung für „das Problem ungeklärter Selbstverhältnisse“ des Westens.

Das paradoxale „westliche Selbstverhältnis“

Ein Anfang jenseits der Moral ist gemacht. Nun wäre zu erläutern, worin die gesellschaftlichen Motivlagen und Risse des westlichen Selbstverhältnisses zu finden wären. Wir erfahren nur verweisweise (ausgerechnet Kierkegaard, auch Habermas, selbstverständlich Sartre und Adorno), worin das paradoxale „westliche Selbstverhältnis“ der Moderne besteht, warum es paradox strukturiert ist, also auf sich selbst verweist, und in „Selbstbeschreibungskrisen“ zu einem Gegensatz gemacht wird, der nicht sein soll: „das eigene Fremde“. Leider erfahren wir nicht, warum es ein soziologisches und nicht nur ein (sozial-)psychologisches ist. Es beinhaltete die Chance einer modernen Soziologie von Freiheit als Selbstbestimmung mit Verantwortung.

Ist es, wie Jan-Philipp Reemtsma in Paraphrase Adornos im Nachwort zu dessen 2024 neu aufgelegtem Vortrag „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“ schreibt? Dass Antisemitismus eine Parallele zur Astrologie darin aufweise, dass beide – hier ließe sich Nassehis Schemas des eigenen Fremden eintragen – dem Horoskopleser wie dem Judenhasser die Illusion böten, „er könne sich mit ihr in einer Welt zurechtfinden, die ihn im Grunde überfordere“? Der Antisemitismus wäre damit weiterhin keine Lösung, sondern nur ein Ventil. Und das Problem, so Nassehi, „unheilbar“.

Armin Nassehi: „Anmerkungen zum Antisemitismus“. Die Funktion der Judenfeindschaft und das westliche Selbstverständnis. C. H. Beck Verlag, München 2026. 237 S., br., 22,– €.

Source: faz.net