Nagelsmann verteidigt Nominierung von Rüdiger

Nach harter Kritik wegen eines Foulspiels spricht Bundestrainer Julian Nagelsmann über Rüdigers Rolle im DFB-Team. Er preist dessen besonderen Einsatz auf und abseits des Platzes. Einen WM-Konflikt soll es nicht geben.

Es gab eine etwas heikle Personalie bei der Nominierung der Nationalmannschaft. Julian Nagelsmann ist ein Fan der bedingungslosen Abwehrkünste und der zwischenmenschlichen Wirkung, die Real Madrids Verteidiger Antonio Rüdiger im Team entfaltet. Weil Rüdiger aber nun mal auch für rüde steht, zumindest auf dem Platz, war der 33-Jährige zuletzt wieder in die Schlagzeilen geraten – und damit auch in die Diskussion, ob der Bundestrainer nicht besser auf ihn verzichten solle.

Als Nagelsmann nun an diesem Donnerstagnachmittag das Team für die Testspiele am 27. März (20.45 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) in Basel gegen die Schweiz und am 30. März (20.45 Uhr, ebenfalls im Sport-Ticker der WELT) in Stuttgart gegen Ghana bekannt gab, wollte er nicht auf Rüdiger verzichten. Rückkehr nach Verletzungspause für den ersten sportlichen Gradmesser im WM-Jahr in den insgesamt 26 Spieler umfassenden Kader, ohne mit der Wimper zu zucken.

Nagelsmann verteidigte Rüdiger nach dem jüngsten Sturm der Empörung, der nach dessen hartem Foulspiel in der Ligapartie gegen Getafe hereingebrochen war. Zugleich unterstrich der Bundestrainer den großen Stellenwert des Abwehrspielers für die DFB-Elf auch bei der WM im Sommer.

Nagelsmann wertet Antonio Rüdigers Foul als „fußballspezifisch“

„Was ich sagen kann, ist, dass Antonio sich unglaublich committet, was die Nationalmannschaft angeht. Dass er einer ist, der die Familie Nationalmannschaft auch extrem schützt und alles dafür tut, dass wir erfolgreich sind“, sagte Nagelsmann.

Rüdiger war zuletzt nach einem harten Einsteigen im Ligaspiel von Real gegen den FC Getafe massiv kritisiert worden, Gegenspieler Diego Rico warf ihm vor, er habe ihn verletzen wollen. Rüdiger hätte ihm „das Gesicht zertrümmern“ wollen, so der Getafe-Spieler. Das hatte Rüdiger vehement zurückgewiesen. „Wenn ich ihn mit Absicht gefoult hätte, wäre er nicht wieder aufgestanden“, hatte er am Montag gesagt.

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Nagelsmann sprach nun von einem harten, aber „fußballspezifischen“ Foul des 81-maligen Nationalspielers: „Ich glaube, man muss schon groß unterscheiden zwischen einem Vergehen, das außerhalb eines Platzes stattfindet, und fußballspezifischem Foulspielen. Das war sicherlich dann auch ein hartes Foul. Aber dafür gibt es Regeln und dann auch Regelhüter, Spielleiter, Schiedsrichter, die diese Regeln dann auch umsetzen müssen und dementsprechend Spieler auch bestrafen oder nicht.“

Der Schiedsrichter hatte damals nicht mal die Gelbe Karte gezeigt. Rüdiger sei ein Typ, der „polarisiere“, bei dem „mehr daraus gemacht wird, als bei anderen“, sagte Nagelsmann jetzt.

Er selbst indes hatte Rüdiger im vergangenen Jahr kritisiert, nachdem der Profi von Real Madrid im spanischen Clásico gegen den FC Barcelona von der Bank aus ein Kühlpad in Richtung des Schiedsrichters geworfen hatte. „Toni ist ein klasse Spieler – aber Klasse muss er als Nationalspieler auch bei seinem Verhalten zeigen. Er fordert zu Recht Respekt für sich ein, diesen Respekt muss er ohne Ausnahme auch anderen entgegenbringen“, sagte damals DFB-Sportdirektor Rudi Völler.

Nagelsmann sieht nun keine Kritikpunkte mehr. „Die Entwicklung der letzten Monate und Jahre bei uns ist bei der Nationalmannschaft, seitdem ich im Amt bin, durchweg positiv, was auch sein Commitment außerhalb des Platzes angeht“, sagte er. Rüdiger muss jedoch um seinen Stammplatz kämpfen. Jonathan Tah vom FC Bayern und der Dortmunder Nico Schlotterbeck bildeten zuletzt das Innenverteidiger-Duo. Der Bundestrainer sieht aktuell offenbar keine Probleme bei Rüdiger, die Rolle als Herausforderer zu akzeptieren.

Nagelsmann setzt auf großen Block des FC Bayern und aus der Premier League

„Was ich da sagen kann, ist, dass ich einen super engen Draht zu Antonio habe, der geprägt ist von einer großen Ehrlichkeit in beide Richtungen. Wir gehen dahingehend sehr gut miteinander um, dass wir uns die Meinungen in allen Fällen sagen, was seine Rolle angeht, was Situationen angeht“, sagte Nagelsmann. Rüdiger sei ein „richtiger Typ, der es auch verkörpert, einen maximalen Siegeswillen hat und alles auch außen herum tun will“.

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Neben Rüdiger setzt Nagelsmann bei der Auswahl seiner WM-Kandidaten insbesondere auf einen großen Block des FC Bayern und eine überraschend starke England-Fraktion. Der Bundestrainer nominierte um die Neulinge Lennart Karl und Jonas Urbig sowie seinen Kapitän und Anführer Joshua Kimmich insgesamt sieben Akteure aus München.

Damit stellt der deutsche Rekordmeister auch ohne den weiter schmerzlich vermissten Jamal Musiala fast ein Drittel des Aufgebots für die Testspiele. Ebenfalls gleich sieben Akteure holt Nagelsmann von Klubs aus der englischen Premier League. Nach mehr als einem Jahr zurück im DFB-Aufgebot ist nach langer Verletzungsauszeit Arsenal-Angreifer Kai Havertz.

Ein überraschendes DFB-Comeback feiern Pascal Groß (Brighton & Hove Albion) und nach fast vier Jahren Anton Stach (Leeds United). Komplettiert wird das England-Septett von Liverpool-Star Florian Wirtz, Kevin Schade vom FC Brentford sowie Nick Woltemade und Malick Thiaw von Newcastle United.

Zudem ist Deniz Undav als deutscher Top-Torschütze erstmals in der WM-Saison wieder dabei. Sein Stuttgarter Klub-Kollege Josha Vagnoman darf als möglicher Kimmich-Backup als rechter Verteidiger vorspielen.

Gesunken sind die Chancen auf ein WM-Ticket für die nicht nominierten Stuttgarter Maximilian Mittelstädt und Angelo Stiller, Robert Andrich von Bayer Leverkusen und auch Niclas Füllkrug, von dem der Bundestrainer zuletzt eine bessere Torquote bei AC Mailand gefordert hatte. Aussortiert wurde vorerst auch der Dortmunder Karim Adeyemi, der im November mit privatem, juristischem Ärger für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Nicht dabei ist der neben Karl als mögliche WM-Überraschung gehandelte Angreifer Said El Mala (19) vom 1. FC Köln, der im November einige Tage mit der A-Auswahl trainiert hatte. Mit der Nominierung von Jungstar Karl (18) und Torwart Urbig (22) als Backup für Oliver Baumann als WM-Nummer-Eins bewies Nagelsmann aber, dass er für sein WM-Aufgebot noch Akzente setzen will.

pk

Source: welt.de