Nachruf uff Alexander Kluge: Die Instabilität welcher Welt

Jetzt ist der Dritte gestorben. Nach dem Tod Hans Magnus Enzensbergers vor vier Jahren und dem von Jürgen Habermas, dem Alexander Kluge vor anderthalb Wochen noch nachrief, beklagen wir nun das Ableben des dritten großen Intellektuellen der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Er starb gestern in München im Alter von 94 Jahren.

In gewissem Sinne ist die Seele alles, steht bei Aristoteles. In gewissem Sinne war Alexander Kluge alles. Er war Jurist und beriet die Kritischen Theoretiker des Frankfurter Instituts für Sozialforschung in den Fünfzigerjahren. Er war, von Theodor W. Adorno in der Überzeugung, die Literaturgeschichte sei abgeschlossen, an den Regisseur Fritz Lang vermittelt, ein Drehbuchautor und Filmemacher. Manche seiner Titel wurden zu Redewendungen: „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ (in Venedig mit einem Goldenen Löwen prämiert), „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ oder „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“. Kluge war Autor von zahllosen Büchern, die wie Sachbücher wirkten, aber voller erfundener Anekdoten steckten, die mit Augenzeugenberichten (von Kriegen, Unfällen, Forschungsreisen, dem Einsatz von technischem Gerät und Liebesverhältnissen) vermischt waren und mit kleinen und mittleren Theorien über dies und das.

Sein großes Thema waren Lebenläufe

Er war nicht zuletzt ein Fernsehmann, der sich der kurzen Sendezeiten für Kultur bemächtigte, die dem Privatfernsehen bei seiner Einführung abverlangt worden waren. Für diese kleinen Unterbrechungen des Remmidemmiprogramms von Sat.1, RTL und Vox produzierte er stark quotenabsenkende Expeditionen in die Welt der Oper, der napoleonischen Feldzüge, der Soziologie passionierter Liebe und der Parodie von Peter Handke. Er war durch all das auch ein sehr vermögender Mann.

Aber nein, er war nicht alles. Alexander Kluge war kein Lyriker, kein Romancier, kein Philosoph und kein Historiker, kein Wissenschaftler. Doch er konnte mit allem aus diesen Bereichen etwas anfangen. Wahrheitssuche war eine Variable seines Erzählens, das sich der Unterscheidung von Fakten und Fiktionen entzog. „Berichte von dem, was war, hätte sein können, sein sollen, sein dürfen“ wäre ein guter Untertitel für viele seiner Bücher. Besondere Aufmerksamkeit richtete er von Beginn an auf Lebensläufe – „Deutsche Lebensläufe“ 1962, „Neue Lebensläufe – 402 Geschichten“ 2012 –, weil in ihnen Zufälle von Entscheidungen verarbeitet werden, aus denen sich Wegrichtungen ergeben, die wiederum zufallsempfindlich sind.

Beobachter und Analytiker der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft: Alexander Kluge im Jahr 1984
Beobachter und Analytiker der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft: Alexander Kluge im Jahr 1984bpk

Als wir ihn einmal trafen und er die Geschichte erzählte, dass Niklas Luhmann als Lehrstuhlvertreter Adornos um 1967 ein Seminar zur Soziologie der Liebe abgehalten und den von Liebeskummer heimgesuchten Philosophen in einer Rieslingwirtschaft beraten habe, erwiderte er auf die Frage, woher er das denn wisse: Es muss sich so zugetragen haben. Als wir später über Max Weber sprachen, fragte Kluge bei laufender Kamera, welche Bedeutung das Wort eines französischen Generals über den Krieg für Weber gehabt habe. Das Wort kam weder bei Weber noch in seiner Biographie vor, und doch war Schuldbewusstsein die spontane Reaktion: Es hätte vorkommen sollen.

Katastrophen als Obsession

Die Form, die er für diesen Slalom zwischen kontingenten Tatsachen und notwendigen Erfindungen verwendete, erinnert an die Chronik, an Moritaten und Hauskalender sowie an die Wendung aus den Kriegsgebieten, dass sich die Nachrichten nicht unabhängig überprüfen lassen. 1932 in Halberstadt geboren, hat Kluge unter dem Titel „Schlachtbeschreibung“ früh den Tag des alliierten Bombenangriffs auf die Stadt rekonstruiert und in die Lücken dessen, was die Chronik hergab, Geschichten eingefügt. Er interpolierte ständig im Text der Geschichte.

Stalingrad war eine andere seiner Obsessionen. Überhaupt Katastrophen. Er schaute dem Negativen – „größter Not“ – ins Antlitz, weil ihm die Versuche, es zu überleben, ein Maximum an verdichteter List, Kontingenzbewusstsein und Ingenieurskunst hervorzubringen schienen. Was der Mensch ist, zeigt sich in seinen Versuchen, dem Extremen Normalität abzutrotzen. Darin lag Kluges Art, die Einsicht festzuhalten, nicht den Herren, sondern den Knechten und den Sklavinnen gehöre die Geschichte.

Folgerichtig schrieb er keine Heldensagen, sondern Novellen, waren seine Formvorbilder nicht Thomas Mann oder Flaubert, sondern Kleist, Hebel und Ovid, Experten für die Instabilität der Welt. In der Laudatio zum Georg-Büchner-Preis, den Alexander Kluge 2004 erhielt, kennzeichnete ihn Jan Philipp Reemtsma durch seine leise, freundliche, insistente und suggestive Stimme, die das Off seiner dctp-Fernsehminuten unvergesslich gemacht hat.

Vierzig Bücher in zwanzig Jahren

Zusammen mit dem Soziologen Oskar Negt hat er 1981 drei Bände unter dem Titel „Geschichte und Eigensinn“ vorgelegt, denen zwanzig Jahre später zwei Bände einer „gemeinsamen Philosophie“ folgten, die „Der unterschätzte Mensch“ hießen. Aber Kluge war kein Philosoph, und auch der Eindruck, den diese Wälzer zu erwecken suchten, es werde in ihnen das Erbe von Karl Marx angetreten, musste zu Enttäuschungen führen. Disziplin war nicht seiner ganz der Produktion gewidmeten Lebensführung, aber seinem Möglichkeitssinn fremd. Dieser Seele fiel zu allem etwas ein, sie entzündete sich an allem. Allein in den vergangenen zwanzig Jahren, also im Alter von mehr als 74 Jahren, publizierte Alexander Kluge mehr als vierzig Bücher.

Das macht sein Werk zu einem Bau mit hundert Gängen und Öffnungen. Er handelte von chinesischen Schriftzeichen und von der Inquisition, von Waffenherstellern und der Eigentümlichkeit von Viren, von King Kong und von Fontane. Einmal hat er sich ausgedacht, Heidegger sei inmitten des Weltkriegs auf der Krim bei der Suche nach Urgriechen auf ein kleines Mädchen getroffen, das er adoptierte.

Jetzt ist diese Quelle ständiger Geschichten, endloser Anregungen versiegt. Wer das Werk Alexander Kluges ordnen wollte, hätte so viel zu tun wie diejenigen, die zu seiner Deutung herbeieilen werden. Ob es ihrer bedarf? Kluge hat Gebrauchsliteratur geschrieben, die den Verstand und die Einbildungskraft erfrischt. Das Motto der Aufklärung „Alles ist nützlich“ war sein eigenes. Die Pointe seiner Aufklärung war, sich durch Erfindungen mitzuteilen.

Als Marcel Reich-Ranicki eines der frühesten Bücher Kluges, die Schlachtbeschreibung des Kampfes um Stalingrad, besprach, meinte er, das gehe nicht, Tatsächliches und Erfundenes, Sachbuch und Fiktion fänden nicht zu einer Form zusammen. Das war ein Argument. Kluge hat es durch seine eigensinnige Praxis widerlegt.

Source: faz.net