Nachfrageflaute: Chemieindustrie im Krisenmodus

Um die deutsche Chemieindustrie ist es schon seit längerem schlecht bestellt. Das zeigen auch die Geschäftszahlen von Wacker Chemie im vergangenen Jahr. Das bayerische Traditionsunternehmen verzeichnete einen Rekordverlust von 800 Millionen Euro. Der Vorstand hat darauf schon vor wenigen Monaten mit dem größten Sparprogramm in der Geschichte des im Jahr 1914 gegründeten Unternehmens reagiert. Die Nachfrageschwäche führt zu geringeren Absatzmengen und Preisen und erfordert nun einen Stellenabbau, der fast jeden zehnten Arbeitsplatz trifft.

Hoher Handlungsbedarf der Politik

Doch ob die Maßnahmen greifen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellen, daran zweifelt selbst der Wacker-Vorstandsvorsitzende Christian Hartel. Denn er wendet sich wieder einmal an die deutsche Politik, von der er bessere Rahmenbedingungen fordert. Das bedeutet für ihn insbesondere niedrigere Energiepreise. Mit dem Industriestrompreis hadern er und der Verband der Chemischen Industrie (VCI), dessen Vizepräsident Hartel ist.

Einmal mehr wird das unterstützenswerte Ansinnen eines günstigen Industriestrompreises durch Auflagen und Bedingungen so ausgehöhlt, das für die Chemieunternehmen am Ende wenig übrig bleibt. Ein energieintensives Unternehmen wie Wacker, das für knapp ein Prozent des deutschen Stromverbrauchs steht, kann sogar leer ausgehen, wenn eine Strompreiskompensation die Nutzung des Industriestrompreises ausschließt. So lässt sich die Chemiekonjunktur nicht beleben.

Die Signale sind alarmierend: Die chemische Produktion befindet sich auf einem Dreißigjahrestief. Die Auslastung ist nach Angaben des VCI auf einem historischen Tiefpunkt von 70 Prozent gefallen. Von den deutschen Chemieunternehmen plant einer Verbandsumfrage zufolge ein Fünftel die Verlagerung oder sogar die Stilllegung von Teilen der Produktion. Jedes zehnte Unternehmen will Standorte schließen. Die Krise trifft vor allem die mittelständischen Chemieunternehmen, die nicht die Möglichkeit haben, die Nachfrageflaute durch Auslandsaktivitäten zu kompensieren. Überkapazitäten in China setzen die Preise weiter unter Druck. Es besteht für die Politik hoher Handlungsbedarf, wenn eine Branche, die hierzulande 560.000 Mitarbeitende zählt, in Deutschland weiterhin eine auskömmliche Zukunft haben soll.