Nachfolger von Jerome Powell: Trump nominiert Kevin Warsh qua neuen Notenbank-Chef

Es ist die Geschichte eines Comebacks: Der 55 Jahre alte New Yorker Jurist Kevin Warsh soll Chef der Federal Reserve werden. Wie mehrere Medien übereinstimmend berichten, will Präsident Donald Trump ihn an diesem Freitag für das Amt nominieren. Warsh soll die Nachfolge von Jerome Powell antreten, dessen Amtszeit als Notenbankchef im Mai dieses Jahres endet.

Warsh war bereits von 2006 bis 2011 Mitglied des Gouverneursrats der Federal Reserve und agierte während der Finanzkrise im engen Einvernehmen mit dem damaligen Fed-Chef Ben Bernanke. Dieser hob in seinen Erinnerungen Warshs wichtige Rolle als Kontaktperson zu den Wall-Street-Banken in jener Krisenphase hervor. An anderer Stelle schrieb Bernanke allerdings auch, er habe sich gezwungen gesehen, „Vertreter der unvernünftigen Auffassung zu beschwichtigen, man müsse die Geldpolitik straffen, obwohl sich Wirtschaft und Finanzsystem in einer höchst prekären Lage befanden“. Gemeint war Kevin Warsh. Er hatte nach der Finanzkrise auf Inflationsrisiken hingewiesen und eine Straffung der Geldpolitik befürwortet – zu einer Zeit, als die Arbeitslosenquote noch bei über neun Prozent lag.

2011 verließ Warsh die Federal Reserve. Später ließ er durchblicken, dass ihn die Weigerung seiner Kollegen verärgert habe, die unkonventionelle Geldpolitik in Form groß angelegter Anleihekäufe (quantitative Lockerung) zu beenden. Als Warsh die Notenbank verließ, um als Senior Fellow zur Denkfabrik Hoover Institution zu wechseln, galt er als geldpolitischer Falke. Seine Rhetorik hat sich seither deutlich verändert – vor allem in jüngerer Zeit. Ein zentrales Motiv in Warshs öffentlichen Beiträgen und Interviews ist sein Optimismus gegenüber künstlicher Intelligenz. Ihr billigt er die Kraft zu, die Inflation in Schach zu halten. „KI wird eine bedeutende disinflationäre Kraft sein, die die Produktivität steigert und die Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten stärkt“, schrieb Warsh in einem Gastbeitrag für das Wall Street Journal. Zugleich mauserte sich Warsh zu einem harschen Kritiker der Federal Reserve und ihres Vorsitzenden. „Inflation ist eine Frage der Entscheidung – und die Bilanz der Federal Reserve unter ihrem Vorsitzenden Jerome Powell ist die einer Reihe unkluger Entscheidungen“, schrieb er im selben Beitrag. Die Notenbank müsse sich von dem Dogma lösen, Inflation entstehe dann, wenn die Wirtschaft zu stark wachse und Arbeitnehmer zu gut bezahlt würden. Stattdessen könne die aufgeblähte Fed-Bilanz, die zur Stützung der größten Unternehmen in einer vergangenen Krisenepoche geschaffen worden sei, deutlich verkleinert werden. „Dieser finanzielle Spielraum kann in Form niedrigerer Zinsen neu eingesetzt werden, um private Haushalte sowie kleine und mittlere Unternehmen zu unterstützen“, so Warsh.

In Fernsehinterviews machte sich Warsh zudem über veraltete ökonomische Modelle aus den Siebzigerjahren lustig, auf denen die Federal Reserve ihre geldpolitischen Entscheidungen stütze. Er wirft der Notenbank vor, durch die schleichende Aneignung neuer Zuständigkeiten und Ausflüge in politische Felder wie Klimawandel oder Ungleichheit ihre Unabhängigkeit zu gefährden und ihre Kernmission zu vernachlässigen. Den Höhepunkt dieser Kritik markierte eine Rede am Rande der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds im vergangenen Jahr. Dort sagte Warsh, die Probleme der Welt entstünden „innerhalb der vier Wände unserer wichtigsten wirtschaftlichen Institutionen“. US-Zentralbanker bezeichnete er als „verwöhnte Prinzen“, die wegen ihres Versagens bei der Eindämmung der Inflation „Tadel“ verdienten.

Die kürzeren Abstände zwischen seinen kritischen Reden über die Fed und ihre Führung lassen sich als strategische Positionierungen im Bewerbungsverfahren um das höchste geldpolitische Amt deuten. Einer klassischen Vollzeitbeschäftigung ist Warsh seit seinem Ausscheiden aus der Federal Reserve nicht nachgegangen. Nach Angaben der Hoover Institution, für die er als Visiting Fellow forscht, sitzt er im Verwaltungsrat von UPS sowie von Coupang, dem führenden südkoreanischen E-Commerce-Unternehmen. Zudem gehört er dem Beratergremium des Congressional Budget Office (CBO) an.

Warum Warsh sich letztlich gegen andere Anwärter auf die Fed-Führung durchgesetzt haben soll, ist nicht ganz klar. Bis vor Kurzem galt der BlackRock-Manager Rick Rieder als Favorit. Allerdings wurde bekannt, dass Rieder neben republikanischen Kandidaten auch demokratische Politiker mit Wahlkampfspenden unterstützt hatte, Trumps Kampagnen jedoch nie finanziell förderte. Solche Details nimmt Trump zur Kenntnis.

In dieser Hinsicht dürfte Warsh bessere Karten gehabt haben. Sein Schwiegervater ist der Milliardär Ronald Lauder, Erbe des Kosmetikkonzerns Estée Lauder. Lauder ist Trump nicht nur durch hohe Spenden verbunden, sondern auch als Ratgeber. Er soll dem Präsidenten einst den Gedanken nahegebracht haben, Grönland zu übernehmen. Für Warsh spricht zudem seine Telegenität, die er nicht nur in Fernsehinterviews unter Beweis stellt. Im Hollywood-Spielfilm „Too Big to Fail“ erscheint Warsh als junger Fed-Gouverneur, der sich ernste Sorgen um Morgan Stanley macht.

Eine reibungslose Bestellung ist gleichwohl nicht zu erwarten. Warsh muss vom Senat bestätigt werden – ein Verfahren, das durch eine laufende Untersuchung des Justizministeriums gegen die Notenbank zusätzlich erschwert wird. Der republikanische Senator Thom Tillis aus North Carolina, Mitglied des für Fed-Nominierungen zuständigen Bankenausschusses, hat angekündigt, jede Fed-Nominierung Trumps zu blockieren, solange die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind.