Nach Stromausfall: Berlin ist wieder am Netz

Vier Tage nach dem großflächigen Stromausfall im Berliner Südwesten ist die Stromversorgung für das betroffene Gebiet wieder angelaufen. Schrittweise sollten in den nächsten Stunden sämtliche Haushalte wieder Strom haben, teilte ein Sprecher der landeseigenen Netzgesellschaft Stromnetz Berlin mit.

Am Morgen hatte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) gesagt, dass der Stromausfall am Vormittag behoben sein werde. „Wir fahren heute ab 11 Uhr das Stromnetz in den betroffenen Gebieten schrittweise wieder hoch“, teilte er am Morgen mit. „Möglich wurde das auch, weil wir die Großschadenslage ausgerufen und damit die notwendigen Kräfte und Abläufe gebündelt haben“, so Wegner weiter. „Es war richtig, parallel an zwei Standorten zu arbeiten – so konnten die Reparaturen schließlich am Anschlagsort erfolgreich abgeschlossen werden.“

Der Stromausfall war den Angaben zufolge der der Firma Stromnetz Berlin längste der Nachkriegsgeschichte in der Hauptstadt. Die Senatsverwaltung bat die Menschen im Südwesten, bis spätestens 10.30 Uhr private Notstromaggregate abzuschalten, um die Stromversorgung insgesamt gewährleisten zu können. Elektrogeräte sollten vom Netz getrennt werden. Während der Wiederanschaltung könne es zu kurzzeitigen Stromunterbrechungen kommen, hieß es.

Schulbetrieb kann nicht unmittelbar wiederaufgenommen werden

Auch wenn die Stromversorgung im Bezirk Steglitz-Zehlendorf schneller als geplant wieder hergestellt werden konnte, bleiben die betroffenen Schulen bis zum Ende der laufenden Woche geschlossen. Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie teilte am Mittwoch mit, dass ein sicherer Schulbetrieb nicht unmittelbar mit der Wiederaufnahme der Stromversorgung gewährleistet werden kann. Denn zunächst müssen die Schulträger – und das sind die Bezirke und deren Schulämter die Gebäude umfangreich prüfen.

Einige Schulen sind auch so groß, dass ein halber Tag nicht ausreicht, um sie wieder einigermaßen zu wärmen. Außerdem muss sichergestellt sein, dass keine Leitungen platzen. Die Bezirke müssen nun in jede einzelne Schule gehen, um die Brandmeldeanlagen und andere sicherheitsrelevante Systeme wie die Amoksicherung auf ihre Funktionsfähigkeit zu testen. „Die Prüfungen sind zwingend notwendig, um die Sicherheit von Schülerinnen und Schülern, sowie des schulischen Personals uneingeschränkt sicherzustellen“, heißt es in der Mitteilung der Senatsverwaltung. Für die beiden letzten Tage der laufenden Woche bleibt die Notbetreuung wie an den ersten drei Tagen an Nachbarschulen erhalten.

Für berufstätige Eltern sind die verlängerten Schulschließungen trotzdem eine besondere Belastung, weil die Wege zu Notbetreuungsstellen oft aufwendiger sind und in Berlin eisige Minustemperaturen herrschen. Die Senatsverwaltung und der Bezirk hatten sich auch wegen der Wetterwarnungen für diesen Freitag mit viel Neuschnee und Schneeverwehungen, sowie zweistelligen Minustemperaturen am Wochenende zur Aufrechterhaltung der Schließungen entschlossen. Anders als bei der Corona-Pandemie konnte kein digitaler Unterricht erteilt werden. Die meisten Schüler werden zusätzliche Ferientage gehabt haben.

Großschadenslage ausgerufen

Nach dem Brandanschlag an einer Kabelbrücke im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, zu dem sich eine linksextremistische Gruppierung bekannte, waren am Samstagmorgen im Südwesten Berlins zunächst 45.000 Haushalte und 2.200 Unternehmen ohne Strom. Nach Angaben des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU) waren insgesamt rund 100.000 Menschen von dem Blackout betroffen. Berlin hatte am Sonntag eine sogenannte Großschadenslage ausgerufen.

Am Mittwochmorgen waren nach Angaben des Betreibers noch rund 19.900 Haushalte und 850 Gewerbebetriebe ohne Strom. Dank Notstromaggregaten öffneten etliche Supermärkte. Auch Handys hatten vielfach wieder Netz, weil zahlreiche Mobilfunkmasten wieder in Betrieb waren.

Bei den Ermittlungen zu den Tätern gibt es noch keine Ergebnisse. Die Polizei sprach von sehr umfangreicher Tatortarbeit. Die sogenannten „Vulkangruppen“, die sich zu dem Anschlag in einem Schreiben bekannten, sind den Ermittlern bereits länger bekannt. Sie griffen mutmaßlich schon mehrfach etwa Bahnanlagen oder das Stromnetz an.

Bundesanwaltschaft ermittelt

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat inzwischen die Ermittlungen übernommen. Aus Sicht der obersten deutschen Strafverfolgungsbehörde besteht der Verdacht auf verfassungsfeindliche Sabotage, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Brandstiftung und Störung öffentlicher Betriebe.

In einem Bekennerschreiben hatte eine der linksextremistischen „Vulkangruppen“, die seit 2011 vor allem in Berlin und Brandenburg immer wieder Brandanschläge auf die öffentliche Infrastruktur verübt haben sollen, die Tat für sich reklamiert.

Die Gruppe meldete sich am Dienstagabend noch einmal, um unter anderem die Spekulationen über eine Verbindung nach Russland zurückzuweisen. „Zu den kursierenden Unterstellungen einer angeblichen ‚False-Flag-Aktion‘ eines ausländischen Staates sagen wir klar: Diese Spekulationen sind nichts weiter als der Versuch, die eigene Ohnmacht zu kaschieren“, heißt es in dem auf dem Portal „knack.news“ veröffentlichten Schreiben. „Dass Menschen hier vor Ort in der Lage sind, Infrastruktur anzugreifen, passt nicht ins Sicherheitsnarrativ von Politik und Behörden“, so die Gruppe weiter. Also werde ein äußerer Feind konstruiert.

Warum das Berliner Bekennerschreiben keine Übersetzung aus dem Russischen sein kann, lesen Sie hier.

Ob das zweite Schreiben tatsächlich von derselben Gruppe stammt, ist derzeit unklar. Berlins Innenverwaltung hatte das erste Bekennerschreiben am Sonntag als authentisch eingestuft, das Bundesinnenministerium äußerte sich zurückhaltender. Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sprach –  wie zuvor der Regierende Bürgermeister Wegner – von „Linksterrorismus“. Täter hätten bewusst und wissentlich in Kauf genommen, dass Menschen zu Schaden kämen. Auch CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann sagte im „Frühstart“ von RTL und ntv: „Das ist Terror. Das ist Linksextremismus.“

Source: faz.net