Nach Rheinmetall-Spott: Wie innovativ ukrainische Drohnen tatsächlich sind

Die Reaktion des ukrainischen Präsidenten auf Armin Papperger kam prompt – und garniert mit einem Seitenhieb: „Wenn jede Hausfrau in der Ukraine tatsächlich Drohnen herstellen kann, dann kann jede Hausfrau in der Ukraine Vorstandsvorsitzende von Rheinmetall sein“, sagte Wolodymyr Selenskyj am Montag in Anspielung auf einen Vergleich des Chefs von Deutschlands größtem Rüstungskonzern. Den bezeichnete Selenskyj gar als „grotesk“.
Papperger hatte in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit dem US-Magazin „The Atlantic“ auf eine Frage zur Entwicklung der Drohnentechnologie in der Ukraine gesagt, dies sei „wie mit Lego zu spielen“. Der Rheinmetall-Chef verglich zudem wichtige ukrainische Drohnenhersteller mit „Hausfrauen“: „Sie haben 3D-Drucker in der Küche, und sie stellen Drohnenteile her. Das ist keine Innovation.“
Mehr als 11.000 russische Panzer mit Drohnen zerstört
Obwohl Rheinmetall schon am Sonntag versuchte, die Lage einzudämmen und den Beitrag „jeder einzelnen Frau und jedes Mannes in der Ukraine“ zur Verteidigung des Landes auf dem Onlinedienst X lobte, laufen weiterhin zahlreiche empörte Reaktionen unter dem Hashtag MadeByHousewives im Netz ein. Mehr als 11.000 russische Panzer habe die Ukraine schon mit Drohnen zerstört, schrieb etwa ein Berater des ukrainischen Präsidenten.
Die Reaktionen fallen auch deshalb so heftig aus, weil die spöttischen Äußerungen Pappergers am Selbstverständnis des von Russland angegriffenen Lands kratzen. Seit dem Einmarsch vor mehr als vier Jahren hat sich in der Ukraine unter dem Eindruck des Kriegs eine enorme Innovationskraft gezeigt, vor allem in der Entwicklung von Drohnen. Davon hätte sich Rheinmetall-Chef Armin Papperger in der vergangenen Woche sogar ganz in der Nähe überzeugen können. Auf der Drohnenmesse Xponential in Düsseldorf hatte Rheinmetall mit 210 Quadratmetern standesgemäß die größte Standfläche gemietet – dort hat der Dax-Konzern auch seine neue Kamikaze-Drohne FV-014 präsentiert.
Mehr als 500 Drohnen-Hersteller
Auf dieses Gefechtsfeld tritt Rheinmetall vergleichsweise spät: Diese „Loitering Munition“ genannten Flugkörper können in der Luft „herumlungern“, um sich dann inklusive eines Gefechtskopfs auf ihr Ziel herabzustürzen. Ein Rückflug ist nicht vorgesehen. Solche Kampfdrohnen prägen den Krieg in der Ukraine. Die Russen haben sich mit Hilfe des Irans eine eigene Massenproduktion auf Basis der Shahed-Kampfdrohnen aufgebaut, die Ukraine innerhalb kürzester Zeit ein eigenes Ökosystem. Auf der Xponential-Messe waren die Ukrainer mit ihrer Initiative Brave1 vertreten, die 15 Start-ups mitgebracht hat. Unweit des Rheinmetall-Stands waren auch die Drohnen zu besichtigen, die mitunter einfacher zusammengebaut aussehen als so manches Kampfgerät von großen Rüstungskonzernen. Dafür sind sie – anders als etwa die FV-014 von Rheinmetall – schon lange im Einsatz. Und das mit sichtbaren Ergebnissen.
Brave1 soll Innovationen im Verteidigungssektor bündeln und fördern, mehr als 87 Millionen Euro hat die ukrainische Initiative schon in Jungunternehmen gesteckt. Seit Kriegsbeginn Anfang 2022 ist die Zahl der ukrainischen Hersteller von unbemannten Flugobjekten von sieben auf 500 gestiegen. Der Brave1-Marktplatz, der von den Ukrainern als „Amazon des Krieges“ bezeichnet wird, listet 700 Unternehmen, die mehr als 1400 verschiedene Drohnenvarianten verkaufen. Durch solche Marktplätze sei die Beschaffungszeit für das Militär von vier bis neun Monaten auf zehn bis vierzehn Tage gesunken. „Die Ukraine verteidigt sich nicht nur, sie schafft Innovation“, sagte eine Vertreterin von Brave1 in Düsseldorf. Ihr Name soll aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung stehen, genauso wie die Namen der Vertreter der Start-ups. Auffällig auf der Drohnenmesse war alleine der Frauenanteil bei den ukrainischen Unternehmen. Was Papperger abschätzig mit „Hausfrauen“ bezeichnete, ist in dem Land tatsächlich Standard: Krieg ist nicht nur Männersache.
Ukrainische Drohnen werden jeden Tag an der Front eingesetzt
Die Düsseldorfer Drohnenmesse ist für Brave1 nicht nur für den Kontakt zum wichtigen Geldgeber Deutschland nützlich gewesen, inzwischen haben viele Start-ups eine Größe erreicht, die ihnen ein Selbstbewusstsein geben, mit weiterem Fremdkapital auch mehr Märkte erschließen zu können – wenngleich der Fokus auf dem eigenen Land liegt. „Unsere Mission ist wirklich simpel: Unsere Soldaten zu beschützen und unser Land zurückzuerobern“, sagte ein Vertreter des Unternehmens Gurzuf Defence. Das 2022 gegründete Unternehmen hat inzwischen mehr als 350 Mitarbeiter und stellt modulare unbemannte Drohnen her. Die haben genauso ein E-Bike an die Front transportiert, um Soldaten aus der Gefahrenzone zu holen genauso wie an anderer Stelle eine Brücke in der Region um die Stadt Cherson zerstört. 5000 UAV, also unbemannte Flugsysteme stellt Gurzuf derzeit im Quartal her. Unternehmen wie Bluebird Tech trainieren Drohnenpiloten, Varta stellt Abfangsysteme her. Sie alle gab es vor wenigen Jahren noch nicht und sie alle haben Produkte, die jeden Tag an der Front eingesetzt werden.
In der Ukraine sind Drohnen zur Abwehr feindlicher Drohnen inzwischen die meistgenutzte Taktik, es hat die bodengestützte Flugabwehr abgelöst. Im vergangenen Jahr gab es doppelt so viele unbemannte Systeme wie traditionelle Kampfmittel. Und das geht nur mit besonders niedrigen Kosten: Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums kommt das Land bei manchen Drohnentypen mittlerweile auf Kosten zwischen 4000 und 5000 Dollar. Das kann es von den Kosten mit klassischer Artilleriemunition aufnehmen und ist vor allem im Vergleich zu hochtechnologisierter Flugabwehr wie etwa Patriot-Raketen, die eher Millionen kosten, eine wichtige Ergänzung.
Auch Rheinmetall will in Serienproduktion einsteigen
Auch Rheinmetall liegt mit seinen Drohnen in ganz anderen Preisklassen: Auf der Bilanzpressekonferenz stellte Papperger in Aussicht, in Neuss zunächst 40.000 Drohnen im Jahr in Serie zu fertigen. Je nach Ausstattung werde eine Drohne zwischen 60.000 und 80.000 Euro kosten, mit einer Reichweite von 100 Kilometern und einer Flugzeit von 70 Minuten. Schon in der Ukraine an der Front entwickeln deutsche Jungunternehmen wie Helsing, Stark oder Quantum Systems. Quantum will der Ukraine in diesem Jahr 10.000 Drohnen liefern. „Das sind vor allem Logistikdrohnen, aber was die transportieren, entscheidet der Kunde“, sagte ein Unternehmensvertreter in einer Runde mit den Ukrainern auf der Drohnenmesse, wohlwissend, dass das auch Sprengköpfe sein könnten.
Auf einer Veranstaltung der Britischen Handelskammer in Deutschland (BCCG) zur Verknüpfung der Wirtschaft mit dem Verteidigungssektor ist auf der Xponential-Messe auch Sergej Sumlenny aufgetreten. Vor dem Krieg war er Direktor des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew, Inzwischen Mitgründer des deutsch-ukrainischen Drohnenherstellers United Unmanned Systems mit Sitz in der Hauptstadt. Zu den Kunden gehören verschiedene Bataillone und Brigaden der ukrainischen Armee. „Drohnen ersetzen keine Infanterie, Panzer oder Artillerie“, sagte Sumlenny, aber sie füllten die taktischen Lücken und brächten mehr Entscheidungsmöglichkeiten für Soldaten. Und mit Blick gerade auf die westlichen Hersteller hat Sumlenny eine eindeutige Meinung: „Ich sehe viel Technologie, die nicht versteht, wie Krieg gerade funktioniert und wie nutzlos solch eine Drohne an der Front ist.“