Nach Islam-Kritik von Friedrich Merz – Imam fordert differenziertere Debatte
Mit seinen jüngsten Äußerungen zum Frauenbild im Islam und über Gewalt gegen Frauen hat Bundeskanzler Merz für Aufsehen gesorgt. Nun meldet sich der für Offenheit und Dialog bekannte Imam Benjamin Idriz zu Wort und lädt Merz in seine Moschee ein.
Der Imam der Islamischen Gemeinde im oberbayerischen Penzberg, Benjamin Idriz, kritisiert die jüngsten Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zum Familien- und Frauenbild im Islam.
In einem Brief an Merz, der der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vorliegt, weist er darauf hin, dass dieser damit bei vielen muslimischen Bürgerinnen und Bürgern Irritationen und Besorgnis ausgelöst habe. Zugleich lädt er Merz nach Penzberg ein.
Zwar sei es notwendig und legitim, problematische religiöse und gesellschaftliche Entwicklungen zu thematisieren, räumte Idriz ein. Doch wenn vom „Frauenbild im Islam“ die Rede sei, werde nicht zwischen religiöser Norm, kultureller Praxis und individuellen Fehlentwicklungen unterschieden: „Damit entsteht der Eindruck, als sei das Problem im Glauben selbst verankert, nicht in dessen mitunter defizitären gesellschaftlichen Umsetzungen.“
In der Debatte über Gewalt gegen Frauen und Zuwanderung hatte Friedrich Merz den Grünen vorgeworfen, das Frauenbild im Islam auszublenden. „Ich wundere mich immer wieder darüber, wie zum Beispiel die Grünen mit einer unglaublichen Pose für Gleichberechtigung und für Frauenrechte einstehen, und dann werden sie plötzlich ganz still, wenn es mal darum geht, mal über das Familienbild im Islam zu sprechen und mal darüber offen zu sprechen, was da denn auch für ein Frauenbild in diesen Gesellschaften teilweise herrscht“, sagte der CDU-Chef in einem Interview in Frankfurt am Main (auch WELT berichtete).
„So, und darüber müssen wir sprechen, das müssen wir ansprechen, und wir müssen es versuchen zu ändern. Und das genau versuche ich zu tun“, so Merz weiter.
Frauen in Penzberger Gemeinde aktiv beteiligt
Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt und differenzierte Diskurse von zentraler Bedeutung seien, halte er es für unerlässlich, hier klare Unterschiede zu machen, mahnte Imam Idriz.
Der Islam als religiöse Quelle – insbesondere der Koran und die prophetische Tradition – entfalte ein Frauenbild, das auf Würde, Verantwortung, spiritueller Gleichwertigkeit und sozialer Gerechtigkeit basiere. „Dass diese Prinzipien in bestimmten Kontexten nicht immer verwirklicht werden, ist eine Realität – doch sie ist nicht dem normativen Gehalt der Religion selbst zuzuschreiben, sondern menschlichen Interpretationen und historischen Entwicklungen.“
In seiner Penzberger Gemeinde werde das, was er in seinem Buch „Der Koran und die Frauen“ darlege, auch konkret gelebt, so Idriz weiter. Gleichberechtigung sei hier keine abstrakte Forderung, sondern gelebte Realität. Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt gegenüber Frauen würden klar benannt und aktiv bekämpft.
Das gemeinsame Ziel sollte sein, nicht nur Probleme zu benennen, sondern auch Perspektiven zu eröffnen, ist Idriz überzeugt. Daher lädt er den Bundeskanzler ein, seine in Deutschland für ihren dialogorientierten Zugang zum Islam bekannte Moscheegemeinde zu besuchen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder waren dort bereits zu Besuch.
KNA/dpa/krott
Source: welt.de