Nach Einbruch im März: Energieagentur erwartet trotz Krise ein steigendes Ölangebot

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat die schwerwiegenden Folgen des Krieges im Nahen Osten für die globale Ölversorgung unterstrichen. Der Krieg verursache „die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarktes“, schreibt die in Paris ansässige Organisation in ihrem neuen monatlichen Ölmarktbericht. Vor der Veröffentlichung am Donnerstagvormittag war der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Nordseesorte Brent wieder auf mehr als 100 Dollar gestiegen.

Die Rohöl- und Ölproduktlieferungen durch die Straße von Hormus betrügen derzeit nur einen Bruchteil der etwa 20 Millionen Barrel am Tag vor dem Krieg. Auch seien die Kapazitäten zur Umgehung dieser Meeresenge begrenzt und die Lagerkapazitäten erschöpft, so die IEA. Auch eine rasche Erholung des Transits durch die Wasserstraße sei nicht zu erwarten. Zudem böten alternative Exportrouten nur begrenzt Flexibilität.

„Ohne eine rasche Wiederaufnahme der Lieferungen werden die Versorgungsausfälle weiter zunehmen“, mahnt die Energieagentur, nachdem ihre 32 Mitgliedsstaaten, darunter Deutschland, am Mittwoch die Freigabe von strategischen Ölreserven im Rekordumfang von 400 Millionen Barrel beschlossen haben. Die an die Industrieländerorganisation OECD angedockte IEA erwartet, dass die Ölproduktion auf der ganzen Welt im März auf 99 Millionen Barrel am Tag fallen wird – den niedrigsten Stand seit Anfang 2022. Vor der Krise waren es etwa 107 Millionen Barrel am Tag.

Das Angebot an Öl dürfte wieder steigen

Die IEA erwartet bei aller Prognoseunsicherheit, dass die Kürzungen im Nahen Osten teils durch höhere Fördermengen anderer Ölproduzenten ausgeglichen werden. Das mildere die Verluste etwas. Konkret verweist sie auf die Rückkehr der nordamerikanischen Produktion nach dem Wintereinbruch sowie auf Kasachstan und Russland.

Das Ölangebot dürfte in den kommenden Monaten deshalb wieder steigen. „Das Ausmaß der Verluste wird zwar von der Dauer des Konflikts und den Unterbrechungen der Lieferungen abhängen, aber wir schätzen, dass die globale Ölversorgung im Jahr 2026 um durchschnittlich 1,1 Millionen Barrel am Tag steigen wird“, so die Energieagentur.

Im Nahen Osten wiederum sei die Umgehung der Straße von Hormus nicht völlig unmöglich. „Die Lieferungen über Exportrouten, die die Meerenge in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten umgehen, haben schon begonnen und werden stetig ausgeweitet“, schreibt die IEA. Saudi-Arabien etwa erhöhe rasch den Durchfluss seiner Ost-West-Pipeline mit einer Kapazität von sieben Millionen Barrel am Tag, die zum Hafen von Yanbu am Roten Meer führt.

Kurzfristig keine neuen Quellen in substanziellem Umfang

Am 9. März habe der Export aus den westlichen Häfen Saudi-Arabiens einen Rekordwert von 5,9 Millionen Barrel erreicht, verglichen mit durchschnittlich 1,7 Millionen Barrel am Tag im Jahr 2025. Die Pipeline werde voraussichtlich „in wenigen Tagen“ ihre volle Kapazität von sieben Millionen Barrel am Tag erreichen, da die Kunden ihre Routen umleiten, zitiert die IEA Amin Nasser, den Chef des saudischen Energiekonzerns Saudi Aramco.

Es dürften jedoch nicht alle Abnehmer gleichermaßen Öl über diese Alternativrouten beziehen. So werde die saudische Ost-West-Pipeline in erster Linie für die Versorgung der Raffinerien und Kraftwerke an der Westküste sowie für den Export von Rohöl nach Europa genutzt. Neue Lieferungen an asiatische Abnehmer müssten hingegen über die Meerenge von Bab al-Mandab vom Roten Meer aus transportiert werden – eine Route, die in den vergangenen Jahren mit dem Risiko von Angriffen der Huthi-Rebellen behaftet war, wie die IEA anmerkt.

Neue Produktionsquellen in substanziellem Umfang erwartet die Energieagentur kurzfristig nicht. Außerhalb der Golfregion gebe es nur „begrenztes unmittelbares Potential für eine Produktionssteigerung“. Amerikanisches Light-Tight-Oil sowie die verzögerte Wartung der kanadischen Ölsandvorkommen seien „die einzigen offensichtlichen Quellen für nennenswerte Zuwächse“.

Anderswo sähen sich die meisten Betreiber mit Einschränkungen hinsichtlich der Projektzykluszeiten, der Verfügbarkeit von Ausrüstung oder des Transports konfrontiert. „Der Betrieb von Ölfeldern läuft in der Regel mit sehr geringen Reservekapazitäten, und oft werden Wartungsstillstände lange im Voraus festgelegt“, unterstreicht die IEA.