Nach dem Stromausfall: Das Berliner Stromnetz steht vor großen Herausforderungen

Mehr als hundert Stunden waren Tausende Privathaushalte und Gewerbekunden des Verteilnetzbetreibers Stromnetz Berlin nach einem Brandanschlag am Samstagmorgen in den vergangenen Tagen ohne Strom. Seit Mittwochnachmittag ist die Versorgung zumindest provisorisch wiederhergestellt. „Wir liegen vor der Zeit, darauf sind wir stolz“, sagte Bernhard Büllmann, der für Personal und Finanzen verantwortliche Geschäftsführer von Stromnetz Berlin. Zunächst hatte der kommunale Netzbetreiber nach dem Anschlag am Wochenende in Aussicht gestellt, den Schaden im Südwesten Berlins bis Donnerstag zu beheben.
Nicht nur unter den 45.000 Haushalten und 2200 Unternehmen im Südwesten von Berlin, die zeitweise vom Stromausfall betroffen waren, wurden Zweifel an der Leistungsfähigkeit der seit 2021 wieder landeseigenen Gesellschaft laut. „Ich habe immer wieder die Frage gehört und ehrlicherweise auch selbst die Frage gestellt: Warum dauert das so lange?“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) am Mittwoch. Büllmann hielt nach dem Abschluss der einen Tag früher als geplant beendeten vorläufigen Reparaturarbeiten dagegen. „Es ist eine besondere Leistung, die nur mit Unterstützung von außen möglich war“, sagte er.
170 Spezialisten beheben Schäden nach Brandanschlag
Neben 100 Fachkräften von Stromnetz Berlin halfen nach Angaben der für Energie zuständigen Berliner Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) auch 70 Spezialisten von Partnerfirmen bei der Behebung des Schadens. Aus Österreich waren Experten des Netzspezialisten ETN dem Berliner Stromnetzbetreiber sogar aus dem Winterurlaub zu Hilfe geeilt. „Wir sprechen von fünf Hochspannungsleitungen und zehn Mittelspannungsleitungen, in diesem Umfang kann man dafür kein eigenes Personal vorhalten“, sagte Büllmann.
Die Reparaturarbeiten am „offenen Herzen“ des Stromnetz seien hochkomplex gewesen und von den empfindlichen Minustemperaturen erschwert worden, sagte Giffey. Unter normalen Umständen würden für vergleichbare Arbeiten statt fünf Tagen bis zu fünf Wochen eingeplant. Bevor die Haushalte und Betriebe am Mittwochnachmittag wieder an das Netz angeschlossen wurden, war die Belastbarkeit der wiederhergestellten Hochspannungsleitungen in der Nacht noch einer acht Stunden dauernden technischen Prüfung unterzogen worden, die normalerweise 24 Stunden dauert.
Neben Kritik an der Dauer der Reparaturarbeiten wurde in den vergangenen Tagen auch Unverständnis über den unzureichenden Schutz für das 35.000 Kilometer lange Stromnetz der Hauptstadt laut. Schließlich hatte ein Brandanschlag auf eine Hochspannungsleitung im Südosten von Berlin erst Mitte September Schwächen offengelegt. „Wir waren in der Vergangenheit nicht untätig, es gibt aber immer noch Bereiche, in denen es schwierig ist, das umzusetzen“, sagte Büllmann zu den Lücken beim Schutz der kritischen Infrastruktur. Das gelte vor allem für die Angriffspunkte im Netz, die sich auf öffentlichen Flächen befinden. Eine im Dezember vom Berliner Abgeordnetenhaus beschlossene Reform des Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetzes (ASOG) soll Abhilfe schaffen.
Künftig soll auch auf öffentlichen Flächen eine lückenlose Videoüberwachung möglich sein. „Die Stromnetz hat Geld vom Land Berlin bekommen und wird jetzt dafür Sorge tragen, dass die Videoüberwachung an die neuralgischen Orte gebracht wird“, sagte die Berliner Innensenatorin Iris Spranger (SPD), von der die Reform des ASOG auf den Weg gebracht wurde. „Das ist ein Auftrag, den wir annehmen“, sagte Büllmann.
Bis 2033 werden alle Freileitungen verkabelt
Bis 2033 hat sich Stromnetz Berlin vorgenommen, die weniger als 40 Kilometer Freileitungen, die auf Hochspannungsebene derzeit noch im Berliner Stromnetz bestehen, durch Erdkabel zu ersetzen, um die Verwundbarkeit des Netzes zu reduzieren. Das ist nicht die einzige Herausforderung, vor der das Unternehmen steht: Bis 2029 will der kommunale Netzbetreiber drei Milliarden Euro investieren, um die Kapazität des Berliner Stromnetzes von gut zwei Gigawatt auf mehr als vier Gigawatt zu erhöhen.
Mehr als 5500 Kilometer Kabel sollen dafür neu verlegt werden. Zwei Dutzend Umspannwerke und Netzknoten sollen noch in diesem Jahrzehnt ans Netz gehen. So will der kommunale Netzbetreiber die wachsenden Anforderungen an das Berliner Stromnetz bewältigen, die mit mehr Elektromobilität, mehr Rechenzentren und mehr Energie aus erneuerbaren Erzeugungsquellen auf die Energieinfrastruktur in der Hauptstadtregion zukommen.
Für das vergangene Jahr hatte Stromnetz Berlin Investitionen in Höhe von knapp 470 Millionen Euro in die Finanzplanung eingestellt. Seit das Land Berlin das 1997 privatisierte Unternehmen vor knapp fünf Jahren für gut zwei Milliarden Euro vom schwedischen Energiekonzern Vattenfall zurückgekauft hat, haben sich die jährlichen Investitionen damit mehr als verdoppelt. Der Gewinn der Stromnetz Berlin, der 2024 bei rund 150 Millionen Euro lag, reicht allein nicht aus, den Netzausbau zu finanzieren.
Finanzspritzen vom Land und der Europäischen Investitionsbank
Das Land Berlin hat die landeseigene BEN Berlin Energie und Netzholding, die Muttergesellschaft von Stromnetz Berlin, mit 300 Millionen Euro Eigenkapital ausgestattet. Erst Ende September hat die Europäische Investitionsbank (EIB) der BEN darüber hinaus ein Kreditvolumen in Höhe von 380 Millionen zugesagt.
Hat Stromnetz Berlin unter dem Druck der nötigen Investitionen in den Ausbau des Netzes in den vergangenen Jahren den Schutz der bestehenden Infrastruktur vernachlässigt?
„Bei Stromnetz Berlin existieren umfangreiche bauliche, technische, organisatorische und persönliche Maßnahmen zum Schutz der kritischen Infrastruktur“, heißt es dazu im Geschäftsbericht der landeseigenen Gesellschaft für 2024. Zwei Anschläge auf das Berliner Stromnetz innerhalb von weniger als vier Monaten später ist klar, dass diese Maßnahmen nicht ausreichen. Hätte ein privater Eigentümer geeignetere Maßnahmen ergriffen? Im Geschäftsbericht von Stromnetz Berlin für 2020, dem letzten Jahr mit dem Eigentümer Vattenfall, ist von kritischer Infrastruktur noch gar keine Rede.
Kurz vor der Rekommunalisierung des Unternehmens wurde der Berliner Senat von der Grünenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus gefragt, ob sich der Austausch von Freileitungen durch Erdkabel nach einer Übernahme der damaligen Vattenfall-Tochter beschleunigen lassen würde. Dabei sei zu berücksichtigen, dass die zeitliche Abfolge der Projekte zur Verkabelung von Freileitungen durch technische Abhängigkeiten geprägt sei, hieß es in der Antwort. Die Prioritäten würden laufend überprüft, eine Beschleunigung der Projekte zur Verkabelung von Freileitungen sei im Rahmen der langfristigen Netzplanung aber schwierig, sagte ein Sprecher von Stromnetz Berlin auf Anfrage.