Nach Angriff hinauf Israel: Die Hizbullah gerät an zwei Fronten unter Druck

Ungeachtet massiver Gegenschläge setzte die Hizbullah ihre Angriffe auf Israel am Dienstag fort. Das war zum einen ein Signal, dass man sich nicht abschrecken lasse. Zum anderen provozierte die Schiitenorganisation damit ihre Gegner innerhalb Libanons und stellte insbesondere die Regierung in Beirut bloß, die immer vehementer Kritik äußert. Die Regierung fürchtet eine ausgeweitete israelische Gegenoffensive, die für ganz Libanon verheerende Folgen haben könnte.
Allein im Süden hatte die israelische Armee am Montag, dem ersten Tag des wiederaufgeflammten Krieges mit der Hizbullah, laut eigenen Angaben mehr als 160 Ziele attackiert. In der Nacht sowie am Dienstag verstärkte sie ihre Angriffe in den südlichen Vorstädten Beiruts. Laut libanesischen Angaben wurden seit Montag mindestens 40 Menschen getötet und mehr als 240 verletzt.
Aber auch im Norden Israels und auf den von Israel besetzten Golanhöhen wurde seit dem frühen Dienstagmorgen immer wieder Alarm ausgelöst, vor allem wegen Angriffen mit Drohnen. In Obergaliläa erlitten vier Menschen leichte Verwundungen, nachdem am Vormittag eine Rakete in einem Haus eingeschlagen war. Sie hatten sich gerade noch rechtzeitig in den Schutzraum begeben.
„Taktische Maßnahme“
Die Rakete war laut israelischen Angaben aus einem Dorf im Südosten Libanons abgefeuert worden. Auch um solche Attacken zu unterbinden, hatten schon in der Nacht israelische Truppen die Grenzlinie überquert. Verteidigungsminister Israel Katz teilte am Morgen mit, die Soldaten sollten „die Kontrolle über weitere strategische Positionen in Libanon übernehmen, um Angriffe auf israelische grenznahe Orte zu verhindern“.
Damit weitet Israels Armee ihre Präsenz im Süden Libanons über die fünf Militäraußenposten aus, die sie seit dem Waffenstillstandsabkommen vom November 2024 nördlich der Grenze besetzt hält. Ein Armeesprecher beharrte gegenüber Journalisten darauf, dass es sich nicht um den Beginn einer Bodenoffensive handele, sondern um eine auf das Grenzgebiet beschränkte „taktische Maßnahme“. Die libanesische Armee teilte mit, dass sie aus einem zehn Kilometer breiten Streifen an der Grenze abziehe.
Seit die Angriffe der Hizbullah auf Israel in der Nacht zum Montag begannen, hat die israelische Armee wiederholt bekräftigt, dass nicht vorgesehen sei, den Norden des Landes zu evakuieren. Regierung und Militär wollen eine Wiederholung der Situation vermeiden, die dort nach dem 7. Oktober 2023 mehr als ein Jahr lang herrschte: 60.000 Menschen waren geflohen, das nördliche Grenzgebiet war weitgehend entvölkert.
Bewohner dieser Region fordern jetzt ein energisches Vorgehen gegen die Hizbullah und die Einrichtung einer „Sicherheitszone“ in Südlibanon. Generalstabschef Eyal Zamir versprach am Montag, dass man gegen „jede Bedrohung“ vorgehen werde. Die Armee werde „die Operation nicht beenden, bevor die Bedrohung aus Libanon beseitigt ist“, beteuerte Zamir in einer Lagebesprechung.
Kritik von Influencern
In diesem Punkt erhält Israel inzwischen Zuspruch durch die libanesische Regierung. Ministerpräsident Nawaf Salam hatte am Montag nach einer langen Kabinettssitzung die militärischen Aktivitäten der Organisation in einem aufsehenerregenden Vorstoß für „illegal“ erklärt. Er soll dem Vernehmen nach laut geworden sein, als er den Armeechef energisch anwies, die Entwaffnung der Hizbullah voranzutreiben. Diese hatte den Schritt der Regierung in einer Stellungnahme zurückgewiesen. Sie drohte indirekt mit dem Hinweis, er könne zu inneren Spannungen und Unruhen führen. In folgenden Erklärungen zu neuen Attacken auf Israel hob sie hervor, diese dienten dem Schutz Libanons und seien eine Reaktion auf israelische Attacken.
Auch vonseiten der eigenen Klientel und ihrer Sympathisantenszene gerät die Hizbullah immer stärker unter Druck. Influencer im Internet äußern zum Teil offene Kritik. Die „bedeutungslose Intervention“ der Hizbullah ohne einen bedeutenden Treffer in Israel „hat Vertreibung, Tod und Zerstörung über Libanon gebracht, vor allem in schiitischen Gegenden“, heißt es auf der Plattform X in einem Konto namens „War Monitor“, das als Hizbullah-freundlich beschrieben wird.
„Die Stimmung unter den Schiiten ist zunehmend von Frustration geprägt“, sagt ein gut vernetzter schiitischer Beobachter. Es herrsche Unverständnis darüber, dass die Hizbullah über Monate nicht auf israelische Angriffe reagiere – und dann ausgerechnet im Namen des iranischen Obersten Führers einen neuen Krieg heraufbeschwöre, unter dem die eigenen Leute zu leiden hätten. In den Medien wurden vertriebene Familien mit solcher oder ähnlicher Kritik zitiert.
Source: faz.net