Nach Algerischer Haft: Wie Boualem Sansal nachdem rechts abdriftete

Als der Schriftsteller Boualem Sansal im November letzten Jahres aus einem algerischen Kerker freikam, war er der Held der französischen Nation. Der gebürtige Algerier, der seit Juni 2024 die französische Staatsbürgerschaft besitzt (die algerische wurde ihm laut eigener Aussage jüngst aberkannt), saß seit fast einem Jahr hinter Gittern wegen dem Regime missliebiger Aussagen. Angesichts der internationalen Ausweitung des anfänglich franko-algerischen Streits über Sansals Verurteilung zu fünf Jahren Gefängnishaft hatte Präsident Abdelmadjid Tebboune den einundachtzigjährigen Krebskranken begnadigt. Deutschlands Präsident Frank-Walter Steinmeier war dabei als Vermittler aufgetreten.
In Paris wurde Sansal mit Ehrungen überhäuft: Verleihung der Ehrenlegion, des Prix mondial Cino Del Duca, Wahl in die Académie française. Doch Mitte März platzte wie eine Bombe die Nachricht, der Schriftsteller werde sein jahrzehntelanges Verlagshaus, Gallimard, verlassen und in die Hachette-Gruppe des rechtsextremen Milliardärs Vincent Bolloré überwechseln. Die Empörung war groß, hatte Gallimard doch alles getan, um Sansals Befreiung zu erwirken, etwa Kontakte mit Anwälten und mit dem französischen Botschafter in Algier, Gründung eines Unterstützungskomitees, Organisation von Solidaritätsaktionen und Mobilisierung der Medien.
Jean-Marie Laclavetine, der Verleger, der Sansal seit seinem Romanerstling, „Le Serment des barbares“ (deutsch: „Der Schwur der Barbaren“), 1999 zum Erfolgsautor aufgebaut hat, veröffentlichte in „Libération“ einen offenen Brief, der von Verletztheit trieft. „Ich habe gehört“, heißt es da, „wie du verkündet hast, dass du dich bei Bolloré ‚freier‘ fühlen wirst als bei Gallimard: Wenigstens hast du nichts von deinem unwiderstehlichen komischen Elan eingebüßt.“ Am Ende schloss Laclavetine mit guten Wünschen für die angetretene Reise in unkartographierte Gefilde rechts außen sowie mit dem Rat: „Verirre dich nicht.“
Ein hoher Vorschuss, eine Wohnung in Paris
Der Autor antwortete tags darauf in „Le Monde“ mit einem Schreiben, dessen nobler Tonfall und plausible Argumentation durchaus überzeugt hätten: Gallimard habe auf diplomatischem Wege seine Freilassung durch Begnadigung erwirkt, er jedoch wäre lieber im Gefängnis geblieben, um weiterhin „Widerstand“ zu leisten und einen Freispruch zu erkämpfen. Wäre da nicht jüngst eine lange Enquête in „Libération“ erschienen, die vieles wieder in ein schiefes Licht gerückt hat. Sansal, der in dem Städtchen Boumerdès unweit von Algier lebte, stand nach seinem Landesverweis ohne Haus noch Zugriff auf seine algerischen Bankkonten da, aber nicht mittellos. Der Prix mondial Cino Del Duca ist mit 200.000 Euro dotiert, und Gallimard stellte erst ein 120-Quadratmeter-Appartement in Saint-Germain-des-Prés, dann eine Zweizimmerwohnung im selben Pariser Nobelviertel zur Verfügung – unentgeltlich. Für Sansals nächsten Roman versprach der Verlag 100.000 Euro Vorschuss sowie erhöhte Tantiemen und monatliche Zahlungen.
Bolloré indes bot das Zehnfache: eine satte Million! Wer ein solches Angebot ausschlagen würde, werfe dem alten Exilanten den ersten Stein. Doch Sansal wollte mehr: das Geld und die Aura des Märtyrers. Dabei hatte er sich im Gefängnis laut Vertrauten nie gegen Gallimards Befreiungsstrategie verwahrt – „er wollte so schnell wie möglich raus“, so ein naher Freund.
Manche Beobachter ziehen Verbindungslinien zwischen Sansal und seinem neuen Milieu: So habe der Autor schon vor seiner Festnahme mit rechtsextremen Medien wie „Frontières“, „Valeurs actuelles“ und „Boulevard Voltaire“ zusammengearbeitet. „Libération“ spricht gar von der Konjunktion zweier Kurven. Zum einen „das Abdriften eines Schriftstellers, der nach den dschihadistischen Anschlägen von 2015 in Paris begonnen hat, Islamismus und Islam über einen Kamm zu scheren, und der sich – bewusst oder unbewusst – von Kreisen hat vereinnahmen lassen, die der extremen Rechten nahestehen“. Zum andern der Kulturkampf einer mit kolossalen Mitteln ausgestatteten Gruppe, „die zu allem bereit ist, um ihren Einfluss auf die Verlagswelt und vor allem, via diese, auf die französische Politik zu festigen, indem sie auf den Rassemblement National setzt“. Mit Literatur hat all das rein gar nichts zu tun.
Source: faz.net