Mythos „Geisterschiff“: Der Menorrhagie Schatten dieser „Mary Celeste“

Ein Segelschiff ist in dichtem Nebel zu sehen.

Stand: 03.04.2026 • 16:10 Uhr

Als Mörder gebrandmarkt, als Geister verschollen: Ein Nachfahre auf Föhr kämpft gegen die Legenden des Geisterschiffs „Mary Celeste“, dessen Besatzung spurlos verschwand. Wie aus einer Tragödie ein frühes Beispiel für Fake News wurde.

Von Lornz Lorenzen, NDR

Seit über 150 Jahren befeuert die „Mary Celeste“ die Fantasie der Welt. Es ist das ultimative Geisterschiff-Szenario, das international nach wie vor für Aufmerksamkeit sorgt – und für Fake News. Sogar Sherlock-Holmes-Schöpfer Arthur Conan Doyle hat dazu beigetragen.

Anfang November 1872 hat das Schiff im Hafen von New York mehr als 1.700 Fässer mit Alkohol geladen. Der Zielhafen ist Genua. Aber dort kommen der US-amerikanische Kapitän Benjamin Briggs und seine Mannschaft nie an. Stattdessen wird das Schiff steuerlos treibend gefunden.

An Bord der Brigantine, deren Besatzung im Nichts verschwand, arbeiteten junge Seeleute von den nordfriesischen Inseln Föhr und Amrum. Einer ihrer Nachfahren ist der 86-jährige Föhrer Uwe Lorenzen, der auf der Suche nach der Wahrheit ist, seitdem er denken kann: „Diese Geschichte hat immer in unserer Familie herumgegeistert: in der Stube meiner Tanten. Wir haben als Kinder mitgehört.“

Vorfahren von Uwe Lorenzen verschwinden spurlos

In seinem Wohnzimmer in Utersum auf der Insel Föhr bewahrt Lorenzen Gerichtsakten und historische Zeitungsartikel auf. Dort steht auch das Modell der „Mary Celeste“. Das Schiff, auf dem seine Vorfahren spurlos verschwanden. Die Brüder seines Großvaters, Volkert und Boy Lorenzen, waren damals 29 und 23 Jahre alt.

Dass die erfahrenen Seeleute später in der Weltpresse fälschlicherweise als Mörder gebrandmarkt wurden, treibt den Blutdruck des pensionierten Zimmermanns noch heute in die Höhe. Die Akten dokumentieren die damaligen Anschuldigungen: Die Mannschaft habe im Wahn von Trunkenheit den Kapitän, dessen Frau und Kind ermordet, stand damals in einer Meldung der New York Times.

Das nachgebaute Modell der „Mary Celeste“ (einst getauft als „Amazon“) steht im Wohnzimmer von Uwe Lorenzen, einem Nachfahren von zwei Seeleuten der verschwundenen Besatzung.

Friesische Seeleute und die „verfluchte“ Amazon

Die folgenschwere Reise begann für Volkert und Boy Lorenzen sowie den Amrumer Arian Knudt Martens am 5. November 1872 im Hafen von New York. Die drei Matrosen waren hochqualifizierte Fachkräfte unter dem Kommando von Kapitän Briggs. Die Brigantine trug da noch den Namen „Amazon“. Sie galt als Unglücksschiff: Nur 48 Stunden nach der Registrierung war der erste Eigner verstorben. Es folgten Havarien, ein Feuer an Deck sowie eine Kollision vor dem englischen Dover.

Nachdem der Segler in Neuschottland auf Grund gelaufen war, wurde er wieder instandgesetzt und in „Mary Celeste“ umbenannt. Unter abergläubischen Seeleuten galt das als Tabu, weil man damit den Meeresgott Neptun erzürnte. Unter den Planken lagerte eine riskante Fracht: 1.701 Fässer Industriealkohol. Der Seefahrtshistoriker Gerrit Menzel betont, dass dies unter Seefahrern eine der gefürchtetsten Ladungen auf hölzernen Segelboten war.

Schicksalsfahrt des Geisterschiffs im November 1872

Am 7. November stach die Mannschaft in See. Es folgten zwei Wochen schwerer Winterstürme. Am 25. November erfolgte die letzte Eintragung auf der Logtafel nahe der Azoren. Danach verlor sich jede Spur der zehn Menschen. Als die „Mary Celeste“ Tage später steuerlos mit teils noch gesetzten, teils zerfetzten Segeln von der Crew der „Dei Gratia“ gefunden wurde, fehlten das Beiboot und sämtliche Navigationsinstrumente.

Oliver Deveau, der erste Maat der „Dei Gratia“, war als einer der ersten an Bord des Geisterschiffs. Er berichtete vor Gericht: „Die Kleidung der Männer war vollständig zurückgelassen worden. Ihre Ölzeugjacken, Stiefel und sogar ihre Pfeifen, als hätten sie das Schiff in großer Eile verlassen.“ Was war geschehen? Der Grundstein für die wildesten, teil abenteuerlichsten Spekulationen war gelegt.

Juristischer Blindflug und „Seemannsgarn“

Statt einer sachlichen Untersuchung folgte im englischen Gibraltar ein juristischer Blindflug. Ursprünglich ging es vor dem Seegericht lediglich um den Bergelohn für die Retter. Doch der britische Generalstaatsanwalt Frederick Solly-Flood witterte ein Verbrechen. Er hielt Rostflecken an einem Kurzschwert für Blut und unterschlug entlastende Berichte von Gerichtsmedizinern.

Der Mordverdacht gegen die Besatzung machte weltweit die Runde. Dieser wurde Jahre später noch durch den Autor Arthur Conan Doyle zusätzlich befeuert. Der spätere Schöpfer von Sherlock Holmes war damals ein unbekannter Schiffsarzt. Er vermischte in seiner Erzählung unter Pseudonym Fakten und Fiktion zu einer blutrünstigen Meuterei-Geschichte.

Die „Mary Celeste“ war auf ihrer letzten Geisterfahrt unterwegs mit einer großen Ladung Industriealkohol von New York nach Genua. Fast ein Drittel der Besatzung stammte aus Nordfriesland.

Spekulationen über Riesenkraken, Aliens und giftige Dämpfe

Was ist wirklich passiert auf der „Mary Celeste“? Die wildesten Theorien machten die Runde, von Alien-Entführung bis zur Riesenkrake, die Kapitän und Mannschaft verschlungen haben soll. Die plausibelste Erklärung liefert die Wissenschaft: Durch die Verwendung von poröser Roteiche für einige Fässer konnten giftige Dämpfe entweichen. Der Autor Eigel Wiese beschreibt dies als einen Effekt, bei dem sich der „Geist aus der Flasche“ löst: Eine Gaskonzentration führt zu einer sogenannten Verpuffung, die fast spurlos geschieht.

Diese kühle Flammenwelle kann mit einem gewaltigen Knall die Lukendeckel aufsprengen, ohne Brandspuren zu hinterlassen. In Todesangst vor einer Explosion könnte die Crew, so die wahrscheinlichste These, in das Beiboot geflohen sein. Im Atlantik riss vermutlich die Leine zum Mutterschiff, womit Mannschaft, Crew und Kind im überladenen Beiboot der Urgewalt des Atlantiks schutzlos ausgeliefert waren und schließlich untergingen.

Fake News als Macht der Erzählung im 21. Jahrhundert

Trotz plausibler naturwissenschaftlicher Erklärungsversuche rankt sich weiterhin Seemannsgarn um die „Mary Celeste“ – inzwischen nur getarnt im High‑Tech‑Gewand. Immer wieder entstehen neue „Erklärungen“. Sie appellieren an unser Bedürfnis nach einer spannenden Geschichte, statt an überprüfbare Fakten.

So taucht vergangenes Jahr eine neue Dokumentation auf. Wie sich herausstellt, ist sie KI-generiert. Sie täuscht mit gefälschten Sonarbildern eine neue Lösung des Rätsels vor. Die Kommunikationsexpertin Samira El Ouassil deutet solche Phänomene als Ausdruck eines grundsätzlichen psychologischen Mechanismus.

Nach ihrer Einschätzung handelt es sich bei Fällen wie der „Mary Celeste“ um musterhafte Beispiele für einen „kognitiven Juckreiz“: Menschen können mit narrativen Lücken nur schlecht leben. Unser Gehirn sei evolutionär darauf programmiert, Ungewissheit als unerträgliche Spannung zu empfinden. In dieser Lesart funktioniert eine falsche Auflösung der Geschichte für viele Menschen besser, als keine Erklärung.

Kampf gegen das Vergessen

Dass sich Fakes, Lügen und Mordverdacht gegen die Mannschaft so lange halten konnten, liegt auch an der lokalen Geschichtsschreibung. Während der Recherche zum ARD-Podcast „Mary Celeste – Das Geheimnis des Geisterschiffs“ stellte der Journalist Bente Faust fest, dass sein eigener Urgroßvater unfreiwillig zur Legendenbildung beitrug. Der Podcast beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der Legenden und Fakten rund um das Schiff. Bentes Großvater hatte die Erzählung Conan Doyles als historische Tatsache ins Standardwerk der friesischen Ahnenforschung übernommen. Dies muss nun wohl korrigiert werden.

Der 86-jährige Uwe Lorenzen sitzt an eine Mauer gelehnt im Föhrer Friedhof.

Und Uwe Lorenzen? Er besucht häufig den Föhrer Friedhof, der bekannt ist für seine „sprechenden Grabsteine“. Er hat dort bereits seinen eigenen Stein aufgestellt. Dieser zeigt die „Mary Celeste“ mit einer Vergrößerungslupe am Heck. Ein Zeichen für Lorenzens lebenslange Suche nach der Wahrheit.

Source: tagesschau.de