Mythen gut Talkshows: Was bekommen die Gäste im Prinzip wie Honorar?
Die Arbeit an einer Talkshow beginnt mehrere Tage vor ihrer Ausstrahlung. Bis zum Tag der Aufzeichnung beobachtet die Redaktion die Nachrichtenlage, um schnell auf politische Entwicklungen reagieren zu können. Hinter den Moderatoren steht jeweils ein Team, das an der Recherche, Gästeauswahl und Themenfindung beteiligt ist; in der Regel kommt zur Redaktionsleitung eine einstellige Zahl von Mitarbeitern hinzu. Bei „maybrit illner“ zum Beispiel erarbeitet nach Aussagen der Redaktion der Chef vom Dienst die in Frage kommenden Themen gemeinsam mit der Moderatorin. Meist gehe man mit zwei Optionen in die Woche, in der die Talkshow am Donnerstag aufgenommen und gesendet wird.
Sobald das Thema feststeht, verschickt die Redaktion die Einladungen an potentielle Gäste, im Normalfall geschieht das fünf bis sieben Tage vor der Produktion. Politiker haben offenkundig Vorrang: Sie werden teilweise sogar schon Wochen im Voraus angefragt, ihre Teilnahme sei oft eine Hängepartie, heißt es. Journalisten werden hingegen auch als Lückenfüller kurzfristig dazugeholt, bei Krankheitsausfällen sogar am Tag der Sendung, berichten erfahrene Teilnehmer, die namentlich nicht genannt werden wollen.
Ebenso kurzfristig kommt es bisweilen zu Absagen durch die Redaktionen, etwa wenn sich das Thema aufgrund aktuellen Entwicklungen geändert hat. In solchen Fällen werden gern Korrespondenten der Sender, in denen die Talkshow läuft, für aktuelle Einschätzungen der Lage zugeschaltet. Mehrere Gäste berichten, sie seien schon einmal auf dem Weg ins Studio gewesen, als ihnen abgesagt worden sei. Die Reaktion darauf fällt je nach Temperament sehr unterschiedlich aus: während die einen sich zurückgesetzt fühlen, sind Journalisten aus eigener Erfahrung mit solchen Planänderungen vertraut, weshalb sie gelassener reagieren. Manchmal melde sich mitunter der Moderator selbst per kurzer SMS, sagt ein Gast.

Über die Kriterien, nach denen sie ihre Gäste auswählen, machen die Redaktionen nur vage Angaben: Expertise und Relevanz – gemeint ist wohl Prominenz – spielten eine Rolle, lautet die Antwort. Zudem sollten die Gäste aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen kommen, reine Politikerrunden sollen die Ausnahme sein. Ein klassisches Casting, bei dem die Eignung der Kandidaten für das Fernsehen getestet wird, gibt es den Angaben zufolge nicht. Vor allem Markus Lanz legt aber nach Angaben von Gästen großen Wert darauf, dass in seiner Diskussionsrunde verschiedene Standpunkte repräsentiert sind. Ein inhaltliches Casting gibt es demnach schon: Es finde ein bis zwei Tage vor der Sendung ein telefonisches Vorgespräch statt, in dem ein Redakteur die Positionen zu den (für die Sendung vorgesehenen) Themen abfrage. Stellt die Redaktion fest, dass sich die Meinungen im Panel zu sehr ähneln könnten, wird umbesetzt.
Diese Gespräche, die bis zu eine Stunde dauern, werden aufgezeichnet und haben auch den Zweck, provokante und somit potentiell aufsehenerregende Positionen auszuloten und diese dem Moderator mitzuteilen. Er kann in der Sendung dann das Gespräch in die entsprechende Richtung lenken. „Man muss aufpassen, was man im Vorgespräch sagt“, warnt ein Gast. Stammgäste haben es in dieser Hinsicht leichter: Mit der Zeit verkürzt sich das Gespräch oder es entfällt komplett, da die Redaktion die Haltungen schon kennt.
Die Gäste der Talkshows erfahren vorab, wer noch in der Runde sitzt, und sie werden auch darüber informiert, welche Themen in welcher Reihenfolge behandelt werden. Wobei sich die Moderatoren die Freiheit vorbehalten, den Schwerpunkt während der Sendung zu verändern, wenn sich die Diskussion zu einem Punkt besonders interessant entwickelt.

Während die Redaktionen die Moderatoren mit Dossiers voller Hintergrundinformationen versorgen, müssen sich die Gäste selbst auf die Sendung vorbereiten. Selbst erfahrene Politiker arbeiten sich vor ihrem Auftritt noch einmal in Themen ein und machen sich über ihre Gesprächspartner kundig.
Vor ihrem Auftritt in der Sendung erhalten die Gäste weitere Hinweise, unter anderem gibt es Vorgaben für die Kleidung. Ein Gast zitiert dazu aus einer Mail: keine rein weiße Kleidung, keine kleinen Muster oder Karos (wegen des drohenden Flimmerns) und keine Uhren. Letzteres dient dazu, bei zeitversetzten Ausstrahlungen keine Rückschlüsse auf die reale Uhrzeit zuzulassen. Nur Caren Miosga wird live gesendet, Lanz und Maischberger sind in der Regel aufgezeichnet, häufig am selben Tag, in Einzelfällen aber auch schon am Vortag.
Etwa eine Stunde vor der Aufzeichnung treffen die Gäste auf dem Studiogelände ein. Sie sitzen dann zusammen im Aufenthaltsraum und halten, wenn sie möchten, Smalltalk; sie sollen aber noch nicht ihre Argumente austauschen. Manch einer lobt die Gummibärchen bei Lanz. Es folgt der Besuch in der Maske, erst kurz vor Beginn der Sendung betreten die Gäste das Studio. Sie werden mit Mikrofon verkabelt und treffen die Moderation zum kurzen Händeschütteln, während das Publikum – die Karten werden unentgeltlich vergeben und sind zumeist schnell vergriffen – eine Einweisung erhält.

Die Sitzplätze verteilt die Redaktion strategisch: Bei Markus Lanz sitzt der Gast, der „gegrillt“ werden soll, direkt neben dem Moderator, damit die Kamera beide bei einem Schlagabtausch in einem Bild einfangen kann. Oft sind es Politiker. Auch bei Illner sitzen sie häufig direkt neben der Moderatorin, womöglich aufgrund ihres besonderen „Betreuungsbedarfs“, wie ein Gast vermutet. Dank der räumlichen Nähe könne der Moderator bei rhetorischen Ausweichmanövern und zu langen Monologen durch eine „pädagogische Handbewegung“ am Handgelenk intervenieren.
Nach der Aufzeichnung posieren die Gäste zunächst für Vermarktungsfotos, bevor sich alle – Gäste, Moderator und Redaktion – noch zu einem Essen in den Studioräumlichkeiten zusammensetzen. Auch nach hitzigen Diskussionen herrsche hier eine lockere Stimmung. Als legendär gilt das Vier-Augen-Gespräch, das Lanz mit seinen Gästen in der Garderobe führt. Als Erste sind diejenigen dran, die noch eine weite Heimreise vor sich haben oder anderweitige Verpflichtungen haben. Diese vertraulichen Runden dauern teilweise länger als die eigentliche Sendung, „sogar mehrere Stunden“, erinnert sich ein Gast. Manchmal ergeben sich daraus Themen für folgende Sendungen.
Was das Finanzielle betrifft: Politiker erhalten für ihre Auftritte bei Talkshows kein Honorar, für sie zählen solche Auftritte zur Öffentlichkeitsarbeit. Journalisten und Experten erhalten meist fünfhundert Euro zuzüglich Reisekosten. Theresa Hannig
Die Abkürzerin
In ihrem Studio ist immer vielerlei los: Sandra Maischberger fällt mit dem Kuli ins Wort

Komplexe Themen zu vertiefen – diesen Anspruch möchte Sandra Maischberger, herausgefordert durch die digitale Dynamik des Vordergründigen, schon im Layout ihrer Sendung rüberbringen. Dieses Outfit ist so verschachtelt wie in keiner anderen deutschen Talkshow, und entsprechend abgelenkt komme ich mir bei Maischberger immer vor, wo doch eigentlich alles der Vertiefung dienen soll. Da gibt es die Einzelgespräche mit den Berühmtheiten des Tages, im Konzept der Sendung zentrale Akteure genannt; es gibt das Streitgespräch zwischen jeweils zwei solcher Prominenten unterm Monitoring Maischbergers; und es gibt den Reigen von Journalistinnen und Journalisten, die quasi von Amts wegen mit der ihnen zugeschriebenen Einordnungskompetenz in eigener Runde das kommentieren, was die zentralen Akteure, darunter Zugeschaltete, gewissermaßen uneingeordnet und auf eigene Kappe, also nachgerade authentisch rauslassen.
Man sieht schon: Thematisch und personell wuselt bei Maischberger einfach sehr viel durcheinander, alles im Zeichen der multiperspektivisch vertiefenden Aufbereitung von Themen, welche ersichtlich nach dem schwarmintelligenten Motto abgehandelt werden, wonach viele Augen und Ohren mehr sehen und hören als deren wenige. So kommt es, dass bei Maischberger immer viel los ist. Oder sollte ich mit Plinius dem Jüngeren statt „viel“ lieber „vielerlei“ sagen?
Die Moderatorin führt ein eisernes Regiment, wenn sie sich zwischen den verschiedenen Erkenntnisorten innerhalb ihres sphärisch gegliederten Studios hin und her bewegt, bald den Journalistinnen und Journalisten deren mal freigeistiges, mal im Hauptstadtformat eingezwängtes Hintergrundwissen entlockend, bald die Primärgäste der Sendung befragend, nicht ohne den Eiseshauch der Gehetzten, die darauf zu achten hat, das überbordende Pensum zu schaffen, und es ist genau an dieser Stelle, dass die Sendung sich in ihren performativen Widerspruch verwickelt. Im Namen der vor sich hergetragenen Vertiefung nimmt sich Sandra Maischberger heraus, ihre Gäste gewohnheitsmäßig zu unterbrechen, ihnen ins Wort zu fallen.
Au weia, denke ich immer wieder, warum denn so früh? Wo doch absehbar die schon geäußerten Bemerkungen nur etwas Zeit bräuchten, um sich zielführend zu entwickeln, dies aber nicht können, weil die Moderatorin selbst nicht die Ruhe und Geduld aufbringt, einen Gedankengang ihres Gegenübers wirken zu lassen. Mutet es nicht manchmal wie eine Übersprungshandlung an, wenn Sandra Maischberger mit ihrem Kuli in der Hand dazwischenfährt, als sollte es darum gehen, an der Oberfläche zu bleiben, jemanden bloß nicht ausreden zu lassen, um nur ja nicht von Aspekten überrascht zu werden, auf welche man womöglich nicht vorbereitet ist? Es sind solche Momente, in denen mir der ganze performative Aufwand der Sendung für die Katz erscheint. Aber warum auch auf Vertiefung rumreiten wollen, wenn alles Sprechen sowieso nur der Abkürzung dient? Christian Geyer
Die Resonanzgeberin
Nur im Zwiegespräch manchmal stark: Caren Miosga

Caren Miosga gelingt es im Eins-zu-eins immer wieder, das Format des Politiker-Interviews von Getöse freizuhalten und ihm eine komplexe Grammatik zu geben. Kein Wunder: Sie kommt aus dem Nachrichtengeschäft, prägte die „Tagesthemen“ über viele Jahre mit und hat sich ihre Autorität durch das Stellen präziser Fragen erarbeitet. Ihre Stärke liegt darin, zu insistieren, ohne zu poltern. Sie behandelt Sätze des Gegenübers mit einer Sorgfalt, als handele es sich um Beweismittel – und analysiert sie mit einer Ironie, die mitunter schneidend ist. Sie agiert konzentriert und vermeidet es, Argumente des Gegenübers gleich in eine Schublade zu stecken.
An anderen Tagen stellt sich beim Zuschauer allerdings auch das Gefühl ein, dass Miosga ihrem Gast allzu leicht einen Resonanzraum öffnet. Gemeint ist damit weniger, dass sie sich der Parteinahme verdächtig machte, als die Gefahr, dass sich das Gespräch zu sehr auf die Intonation des Gastes einschwingt. Wo Miosga die Herstellung von Nähe als Erkenntnismethode nutzt, wittern manche Kritiker gefährliche Vertraulichkeit: ein verfrühtes Lachen der Moderatorin, ein zu spätes Nachhaken, ein Widerspruch, der im Small Talk versandet. Dann entsteht der Eindruck, hier hätten es sich zwei auf einem Sofa bequem gemacht. Das ist kein geeigneter Ort, um jemanden auf eine Meinung festzunageln.
Aus dem Faible der Moderatorin für das Zweiergespräch ist der Aufbau der Talksendung, die der Tradition auch dieses Sendeplatzes folgend den Namen der Moderatorin trägt, abgeleitet: Erst anschließend folgt die Einordnung und Vertiefung des Gesagten gemeinsam mit weiteren Gästen. Nur: Nach dem Wechsel aus dem Zweikampf kommt Miosgas Begabung nicht mehr recht zum Tragen. Das Problem ist selten die Zusammensetzung der Runde an sich, sondern die fehlende Hierarchie der diskutierten Gesichtspunkte: Wenn Aspekte unterschiedlichster Relevanz aufgerufen werden, ist am Ende nichts wirklich verhandelt. Dieses „Jetzt noch schnell dazu . . .“, mit dem Miosga in manchen Sendungen durch die Stunde zu eilen scheint, lässt den Zuschauer oft mit mehr Fragen zurück, als Antworten gegeben werden.
Dazu trägt bei, dass Miosga in der erweiterten Runde einen Fragestil pflegt, der zu oft in einen suggestiven Ton verfällt: Fragen, die die Antwort schon nahelegen („Ist das nicht letztlich . . .?“), können im Einzelgespräch ein taugliches Druckmittel sein, im Panel wirken sie aber schnell wie eine Regieanweisung. Man stößt an, und schon kippen alle in die erwartete Dramaturgie. Hinzu kommt das unausgesprochene Gesetz des Genres: Politiker dürfen selten ausreden. Die Unterbrechung erfolgt bei Miosga nicht aus Bosheit, sondern eher aus Angst vor Sendeminuten, in denen sich die Zuschauer langweilen könnten. Damit wird auch die Chance vertan, einmal abzuwarten, ob ein Gast nicht doch einen eigenen überraschenden Gedanken entfaltet, statt das Parteiprogramm abzuspulen. Mit anderen Worten: Die Moderatorin gerät manchmal in Hektik, wenn sie einen Chor dirigieren soll. Daraus folgt für das Format der Sendung, dass Miosga eher weniger als mehr Gäste einladen sollte, um ihnen die Möglichkeit zu geben, originelle Gedanken zu entwickeln. Kira Kramer
Der Spitzenreiter
Sonnyboy mit Zügen einer Raubkatze: Die Gäste von Markus Lanz müssen auf der Hut sein

Er ist am nächsten an dem dran, was man in Amerika einen „Anchorman“ nennt. Der Begriff stammt aus der Welt des Staffellaufs, der letzte Läufer ist meist der stärkste und wichtigste, er ist der Anker der Mannschaft, an ihm hängt oft der Ausgang des Rennens, seine Leistung entscheidet nicht selten über Sieg oder Niederlage. Anfang der Fünfzigerjahre wurde der Begriff in den amerikanischen Fernsehjournalismus übertragen, und seitdem werden immer wieder einzelne Moderatoren zum Anchorman ernannt – das heißt nicht nur zum Gesicht einer Sendung, sondern oft gleich zum Repräsentanten der Nation.
Der Fernsehmann Walter Cronkite beispielsweise galt einst als „most trusted man in America“ und erlangte eine Stellung, die an Einfluss und Macht jener von Spitzenpolitikern gleichkam. Auch Markus Lanz, unser deutscher Anchorman-Ersatz, hat Einfluss und Macht. Wenn seine Redaktion anruft, springen fast alle wichtigen Repräsentanten der deutschen Öffentlichkeit auf – egal ob alt, ob jung, ob rechts oder links, ob bunter Vogel oder grauer Uni-Professor, zu Lanz kommen alle, die schon berühmt sind oder es noch ein bisschen mehr werden wollen.
Seit 2008 moderiert der gebürtige Südtiroler eine politische Talkshow mit gesellschaftlichen Einsprengseln auf dem einstigen Sendeplatz von Johannes B. Kerner, das heißt meist Dienstag, Mittwoch und Donnerstag spätabends. Die Sendungen werden voraufgezeichnet, und doch stellt diese marathonhafte Dauerdebattenführung eine gehörige Leistung dar, die wahrscheinlich nur ein diszipliniertes Sportass wie Lanz auf sich nehmen kann. Auf seine Sportlichkeit ist der beim italienischen Militär zum Gebirgsjäger ausgebildete Lanz, bis heute ein passionierter Bergsteiger, besonders stolz.
Sportlich wirkt oft auch seine Moderationsführung. Nicht nur, dass er besonders gut vorbereitet in seine Gespräche geht – wie seltsamerweise oft anerkennend gesagt wird, als ob das in dieser Gehaltsklasse und mit einem so großen Rechercheteam im Rücken nicht eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Nein, das, was die Fernsehsendungen von Markus Lanz meist sehenswerter macht als andere, ist die dramaturgische Spannung, die er im Eins-zu-eins-Gespräch aufbaut. Da wechselt er mitunter blitzschnell und überraschend von einem plattitüdenhaften Geplänkel über in eine schneidende Fangfrage, die wie aus dem Nichts kommt und für das Ansehen seines Gesprächspartners durchaus gefährlich sein kann.
Das hat eben erst der neue SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf zu spüren bekommen, den Lanz zu seiner Sicht auf erhöhte Abgaben etwa für die Besitzer von Mietwohnungen befragte. Als Klüssendorf argumentierte, dass Menschen mit Vermögen grundsätzlich höher besteuert werden sollten, ging Lanz vehement dazwischen und erinnerte daran, dass etwa zwei Drittel der Mietwohnungen in Deutschland in der Hand von Kleinsparern seien, die damit ihre Altersvorsorge absichern würden. „Darauf wollen Sie jetzt ernsthaft noch mal eine Abgabe?“, fragte der Moderator sichtlich erzürnt.
Das war so ein typischer Lanz-Moment. Eben noch interessiert-freundlich nachfragend, aber jetzt, eine Schwäche beim Gegenüber witternd, urplötzlich hart und unerbittlich. Und dann auch nicht ablassend, bis diese Schwäche für alle ganz deutlich zutage getreten ist. Es ist genau diese Mischung aus Raubtier-Qualität, Sonnyboy-Ausstrahlung und intelligenter Auffassungsgabe, die ihn aus dem deutschen Talkshow-Mittelmaß heraushebt. Unter den Fernsehmoderatoren liegt er im Moment zweifellos deutlich vorn. Sein einziges Risiko besteht – wie bei Spitzensportlern häufig – darin, sich seines Erfolgs zu sicher zu sein. Simon Strauß
Die Therapeutin
Wir müssen reden, mit diesen Gästen: Kurze Analyse einer Sprechkonvention, die Talkshows einleitet

Wer „Wir müssen reden“ sagt – zu Kindern, Ehegatten oder Mitarbeitern –, lässt eine unbehagliche Stimmung aufkommen. Wird damit doch unterstellt, etwas bislang erfolgreich oder unguterweise Beschwiegenes müsse endlich auf den Tisch. Es wird dabei nahegelegt, die Voraussetzungen des Redenmüssens stünden im Grunde schon fest: die wiederholt schlechte Klassenarbeit, die Vernachlässigung der Familie, die Minderleistung am Arbeitsplatz. Kommunikation erscheint als Drohung, keinesfalls als offener Austausch, sondern als Reaktion darauf, dass es so einfach nicht weitergeht.
Maybrit Illner leitet ihre gleichnamige Sendung gerne mit einer Skizze des Themas ein, um dann zu sagen „Wir müssen reden – mit diesen Gästen“. Das soll der Sendung einerseits Dringlichkeit verleihen, suggeriert andererseits, das Reden führe angesichts dieses Entscheidungsdrucks zu etwas anderem als Reden. Zu Verhaltensänderungen, Schuldeingeständnissen, Besserungsgelöbnissen. Das ist selbstverständlich alles nicht der Fall. Talkshows führen zu nichts, außer zu Stimmungsverstärkung beim Publikum und zu seinen Urteilen darüber, wie sich ihre Insassen so gemacht haben, wenn sie ein weiteres Mal austauschten, was sie am Tag zuvor schon ausgetauscht haben und am Tag danach neuerlich austauschen werden.
Etwas bislang erfolgreich oder fatalerweise Beschwiegenes haben Talkshows so gut wie nie zum Thema. Weder ihre Themen noch die Beiträge zu ihnen haben jemals überrascht. Sie klären nicht auf, denn alles, was in ihnen gesagt wird, wurde zuvor schon hundertmal gesagt. Von denselben Leuten in anderen Talkshows, Reden, Interviews oder von anderen. Die Beobachtung der Talkshows kann sich darum ganz darauf die Verlegenheiten des Talkshowpersonals, seine Formulierungskünste oder die Arten der rhetorischen Gegnerabwehr konzentrieren. Oder sich halt auf die eine oder andere Seite schlagen.
Insofern wird in Talkshows auch nicht diskutiert, sondern Diskussion simuliert. Die Gäste werden nachgerade für das eingeladen, was man von ihnen hören will, weil man schon weiß, dass sie es sagen werden. Bei Maybrit Illner werden sie ganz offenkundig danach ausgesucht. Gerne hat sie vier oder fünf Gäste: einen aus den Regierungsparteien, einen aus der Opposition, einen für die Arbeitnehmer, einen für die Arbeitgeber, oder einen Jens Südekum auf eine Veronika Grimm, Wissenschaftler, von denen ebenfalls bekannt ist, was sie sagen werden. Der fünfte Gast ist oft ein Journalist, dem die Freiheit zukommt, nach beiden Seiten auszuteilen.
Das sind nicht nur ziemlich viele Gäste, was zu den bekannten Knotenbildungen der Interaktion mit Forderungen nach Ausredenlassen und gleichzeitigem Reden aller führt. Das ist auch überchoreographiert. „Wir müssen reden“ klingt nach einem Konflikt zwischen zwei Seiten. Durch herbeigezogene Experten oder weitere Interessenvertreter im Streit, plus einen weiteren Journalisten, lenkt die Moderatorin davon ab, keine eigene Sicht auf die angeblich diskutierten Fragen zu haben. Sie überrascht am wenigsten. Ein wenig ist es so, als habe der Familientherapeut gesagt: „Ihr müsst jetzt einmal reden.“ Da sie ohnehin nichts anderes tun, kommen sie gerne und spielen ihre Melodien ab. Maybrit Illner stört sie dabei nicht. Jürgen Kaube
Der Benjamin
Talent, verbrannt: Moderator Louis Klamroth ist von seiner Aufgabe zu oft überfordert

Die Zahlen sprechen eine unerbittliche Sprache. Im Jahr 2024 beauftragte die ARD Louis Klamroth mit 30 Ausgaben der Talkshow „hart aber fair“, die er im Jahr zuvor von Frank Plasberg übernommen hatte, im vergangenen Jahr waren es 20, für dieses und nächstes Jahr sind noch jeweils 15 vereinbart. Als Trostpflaster gab es für Klamroth und die Produktionsfirma Florida Factual, an der er eine Minderheitsbeteiligung hält, den Auftrag für ein paar Online-Formate. Dort, wo es zählt, ist Klamroth gescheitert. Dass die ARD dennoch an ihm festhält, lässt sich nur als Zeichen dafür deuten, wie wenige Talente der Riesenapparat hervorbringt.
Womöglich ist eine Talkshow in der Primetime auch einfach kein Format für Moderatoren diesseits der 40. Klamroth, der jungenhafter wirkt als andere Sechsunddreißigjährige und auch keine besonders markante Stimme hat, mangelt es an Autorität. Es gibt Sendungen, in denen die Gäste so wild durcheinanderreden, dass man frustriert abschaltet.
Nun ist es ist nicht so, dass jede Ausgabe ein Grauen wäre. Im Gegenteil, einige der besten Talkshows der vergangenen Jahre wurden von Klamroth moderiert. Ein Highlight war beispielsweise die Sendung vom 29. Januar 2024, in der es um den Proteste von Wutbürgern und den Umgang von Parteien und Zivilgesellschaft mit diesem Phänomen ging. Klamroths Redaktion hatte sehr kluge, engagierte Bürger eingeladen, die eloquent über ihre Erfahrungen sprachen. Sehr gelungen war auch eine Sendung im Mai 2024, in der bemerkenswert differenziert über die Ursachen des Wohnraummangels gesprochen wurde.
In beiden Fällen bewährte sich das Konzept, Themen abseits der ausgetretenen Pfade zu wählen. Hilfreich war auch das Prinzip, nicht nur Spitzenpolitiker, Verbandsvertreter und bekannte Experten aus der akademischen Welt einzuladen, wie das in anderen Talkshows gängige Übung ist. Klamroth holt sich vielmehr oft Unternehmer, Berufstätige und Ehrenamtler ins Studio, die nicht mit allen Wassern der Öffentlichkeitsarbeit gewaschen sind, sondern gewissermaßen unverbraucht daherkommen. Mit diesem Ansatz ist allerdings auch das Risiko verbunden, dass sich die Ungeübten vom Scheinwerferlicht einschüchtern lassen und sich in die Sicherheit von Plattitüden retten.
Eine eklatante Schwäche von Klamroth ist seine Angewohnheit, Redebeiträge dann abzuwürgen, wenn es interessant wird, und das, obwohl ihm 75 Minuten Sendezeit zur Verfügung stehen. „Ich verspreche Ihnen, dass wir später noch einmal draufschauen“, heißt es dann. Besonders Politiker müssen sich das gefallen lassen; sie haben es bei „hart aber fair“ ohnehin schwer, wenn sie rechts von der SPD stehen. Dann schwingt sich Klamroth gelegentlich zu einer Art Ankläger auf, der sich in den Kopf gesetzt hat, sein Gegenüber zu entlarven, indem er zu komplexen Sachverhalten Ja-oder-nein-Fragen stellt, deren Antwort ein Schuldeingeständnis sein soll. Offenbar hält er das für kritischen Journalismus und hofft auf Beifall aus seinem Milieu.
Thorsten Frei, der stets freundlich-beherrschte Chef des Bundeskanzleramts, reagierte im September 2025 – es ging um die Zukunft des Sozialstaats – bewundernswert souverän auf einen solchen anmaßenden Auftritt des Gastgebers. Nicht ausgeschlossen, dass Klamroth daraus lernt und noch ein guter Moderator wird. Man sollte ihn nur an weniger prominenter Stelle üben lassen. Matthias Alexander
Source: faz.net