Mychajlo Fedorow: Selenskyjs Wunderkind

Ende Dezember hatte Mychajlo Fedorow mal wieder einen Erfolg zu verkünden: 2025 zählte die Ukraine im World-Bank-Ranking zu den weltweit führenden Anbietern digitaler Dienste des öffentlichen Sektors. „Wir danken unseren Partnern, die die Ukraine auch während des Krieges dabei unterstützen, den weltweit komfortabelsten digitalen Staat für Bürger und Unternehmen weiter auszubauen“, schrieb Fedorow in den sozialen Medien.

Die Weltbank attestiert der Ukraine eine „sehr hohe Reife“ und eine „führende Rolle“ bei der Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen sowie der Bereitschaft der Bürger, diese zu nutzen. Deutschland, wo beides deutlich geringer ausgeprägt ist, landete abgeschlagen in Gruppe B.

Als Minister für digitale Transformation hat Fedorow entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung seines Landes. Seinen Elan soll der Ende Januar 35 Jahre alt werdende Mann künftig in das wohl wichtigste Amt einbringen, das die Ukraine zurzeit zu vergeben hat: das des Verteidigungsministers.

Einen Tag nach Neujahr nominierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seinen Weggefährten dafür, nun muss das Parlament noch über den Vorschlag abstimmen. „Natürlich ist die Ukraine voll und ganz diplomatisch engagiert und möchte diesen Krieg so schnell wie möglich beenden“, sagte Selenskyj bei der Verkündung der Personalie. „Doch Russland zeigt keinen ähnlichen Ansatz, sondern verlängert seine Aggression.“ Dieser gelte es jetzt „durch einen stärkeren technologischen Fortschritt und die Transformation des Verteidigungssektors“ entgegenzuwirken.

Bereit für eine neue Stufe

Fedorow soll die Armee also bei, salopp gesagt, laufendem Hochbetrieb auf eine neue Stufe der Verteidigungsfähigkeit heben. Mit der Masse an Menschen und Technik, die Russland aufbietet, kann die Ukraine nicht mithalten, wohl aber im technischen Fortschritt. Während Moskau zu Beginn der Vollinvasion vor vier Jahren auf Panzer, Mörser und Haubitzen setzte, begann die Ukraine, sich bald mit der Hilfe von Drohnen zu verteidigen.

Einer, der das Potential dieser Technologie schnell erkannt hatte und handelte, war Fedorow. „Technologie ist die Währung für den Sieg“, erklärte er und mobilisierte IT-Unternehmer, Ingenieure und Programmierer, um Drohnen, Kampfroboter und Künstliche Intelligenz für die Verteidigung einzusetzen. Zugute kam ihm dabei, dass die Ukraine über eine rege IT-Szene verfügt, die nicht mehr nur verlängerte Werkbank westlicher Unternehmen ist, sondern eigene Lösungen entwickelt. Software zählt heute zu den Top-Exportprodukten der Ukraine, gleich nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

Unter Fedorow richtete das Digitalministerium den staatlichen Gründungsfonds für Start-ups auf Dual-Use aus, also Produkte, die sowohl zivil als auch militärisch zu verwenden sind. Unter dem Titel „Brave 1“ verbindet das Programm heute Rüstungsunternehmen, Entwickler und Frontsoldaten, um etwa Drohnentechnologie im Einsatz zu testen, zu verbessern und bei Erfolg deren Herstellung zügig zu skalieren.

Bis Juli 2025 vergab die Regierung insgesamt rund 55 Millionen Euro Förderung an mehr als 500 Projekte. Zugleich initiierte Fedorow unter dem Titel „Army of Drones“ („Drohnenarmee“) ein Programm, um Drohnen zu beschaffen und an die Front zu liefern sowie Piloten auszubilden und Spenden zu sammeln. Hunderte Millionen Euro privates Geld kamen so bisher zusammen.

50 Punkte für einen zerstörten Raketenwerfer

Das Ganze koppelte er mit einem Belohnungssystem, für das Fronteinheiten Videomaterial von Treffern hochladen können und nach Verifizierung Boni erhalten – etwa 50 Punkte für einen zerstörten Raketenwerfer oder 20 für einen beschädigten Panzer. Diese können sie für die Beschaffung neuer Ausrüstung, Drohnen und Munition einsetzen.

Für Dezember 2025 verkündete Fedorow einen „neuen Rekord“: Fast 107.000 Punkte wurden in dem Monat für zerstörtes russisches Militärgerät und gut 33.000 Punkte für getötete, verletzte oder gefangene gegnerische Soldaten vergeben. „Wir haben ein System etabliert, das die Effektivität der Einheiten steigert und zur Verteidigung der Freiheit beiträgt“, erklärte er auf der Plattform X.

Fedorow kam 1991 in Wassyliwka zur Welt, einer Kleinstadt im Südosten der Ukraine. In Saporischschja studierte er Management und Soziologie und gründete während des Studiums eine Agentur für Onlinewerbung und Marketing in den sozialen Medien, die mit frischen, frechen Ansätzen Aufmerksamkeit erregte.

Das blieb Selenskyj nicht verborgen. 2019 machte er Fedorow zum Leiter der Kampagne für die Präsidentschaftswahl. Fedorow setzte vor allem auf Facebook, Telegram, Twitter und Instagram. Er ließ Selenskyj Handyvideos drehen und Duelle mit Gegenkandidaten wie dem damaligen Amtsinhaber Petro Poroschenko in Stadien absolvieren. Bis heute sind die genannten Internetplattformen Selenskyjs bevorzugte Kanäle, um seine Botschaften zu verbreiten.

Er wurde Digitalminister und Vizeministerpräsident

Nach dem Wahlsieg ernannte Selenskyj seinen Kampagnenchef zum Digitalminister und Vizeministerpräsidenten. Fedorow ist der einzige Minister aus dem Ursprungskabinett, der bisher nie ausgetauscht wurde. In kaum einem Porträt über ihn fehlen Hinweise, dass er der jüngste unter Selenskyjs Ministern ist, meist Jeans und ein schwarzes T-Shirt trägt, einen durchtrainierten Körper sowie ein Laufband und ein Speedbike im Büro stehen hat.

„Ich mache das hier alles seinetwegen“, sagte Fedorow 2023 der Zeitung „Die Zeit“ über Selenskyj. „Ich bin davon überzeugt, dass er es ist, der das Land am Leben halten kann.“ Umgekehrt weiß Selenskyj, was er an Fedorow hat. Nach Amtsübernahme erarbeitete dieser ein Konzept zur Digitalisierung der Verwaltung. Jeder Bürger sollte mit einer einzigen App alles regeln können. Ein Dreivierteljahr später war sie fertig.

Heute nutzen rund 20 Millionen Ukrainer die App „Dija“, was eine Abkürzung für „Der Staat und ich“ ist, um digitale Dokumente wie Ausweis, Führerschein oder Impfzertifikate zu hinterlegen, Sozialleistungen zu beantragen, Steuererklärungen abzugeben oder Firmen zu gründen.

In der Cloud sind die Daten sicher

Seit der Vollinvasion ist die App unverzichtbar, weil viele Behörden nicht mehr persönlich erreichbar sind. Zugleich sorgte Fedorow dafür, dass unmittelbar nach Beginn des Überfalls sämtliche Daten der ukrainischen Regierung und Behörden außerhalb des Landes in einer Cloud gespeichert wurden und damit zugänglich blieben und der Staat handlungsfähig blieb.

Die Verwaltung könne auch unter Raketenbeschuss und Stromausfällen arbeiten, erklärte er Ende 2022 auf einer Techkonferenz in den USA. „Dieser Krieg zeigt, dass eine digitale Infrastruktur die widerstandsfähigste ist: Man kann sie nicht einfach mit Bomben zerstören.“

Nach Kriegsbeginn hatte Fedorow Konzerne wie Apple, Google, Microsoft und IBM, aber auch chinesische Großunternehmen wie Alipay oder den Drohnenhersteller DJI aufgefordert, Russland zu boykottieren und der Ukraine zu helfen.

Er schrieb an Space-X-Gründer Elon Musk und bat ihn, die Ukraine mit Starlink-Satellitenkommunikation zu unterstützen, organisierte über ein US-Start-up Software zur Gesichtserkennung, mit der russische Plünderer und Kriegsverbrecher, aber auch getötete Soldaten identifiziert und deren Angehörige informiert werden konnten. Über einen Chatbot im Messenger-Dienst Telegram gelang es, russische Truppenbewegungen in Echtzeit zu veröffentlichen; Hunderttausende stellten dafür Informationen ein.

Der russische Großangriff markierte aber auch einen persönlichen Wendepunkt in Fedorows Leben. Sein Heimatort ist nach wie vor von russischen Truppen besetzt. Das Haus seines Vaters wurde bombardiert, der Mann wurde dabei schwer verletzt. Ein Onkel wurde von den Russen entführt, kehrte später zurück.

Selenskyj hat Fedorow nun aufgetragen, ein Konzept zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeiten der Ukraine vorzulegen. „Gemeinsam mit all unseren Militärs, dem Armeekommando, den nationalen Rüstungsunternehmen und den Partnern der Ukraine müssen wir Änderungen im Verteidigungssektor umsetzen“, so der Präsident.

Im Februar jährt sich der Tag des Überfalls zum vierten Mal. 2022 rief Mychajlo Fedorow seine Landsleute auf, eine „Cyberarmee“ aufzubauen und an der „digitalen Front“ zu kämpfen. „Wir brauchen digital fitte Talente, es gibt Aufgaben für jeden.“ Als neuer Verteidigungsminister wird er nun auch für die ungleich schwierigere Lage an der analogen Front verantwortlich zeichnen.

Source: faz.net