Munich-Re-Chef: Teamspieler mit Vorbehalt

Vor Entscheidungen will Christoph Jurecka nicht zurückschrecken. Das betonte der neue Vorstandsvorsitzende des Versicherungskonzerns Munich Re am Donnerstagabend auf dem Neujahrsempfang gegenüber Journalisten. Mit seinen 51 Jahren, von denen er knapp die Hälfte in der Versicherungsbranche verbrachte, bringt er die Erfahrung mit, die für die Leitung eines der größten Rückversicherer der Welt erforderlich ist. Trotzdem wirkt er in seinem Auftreten fast noch jugendlich, auf alle Fälle unterscheidet er sich von der distanziert konservativen Art seines Vorgängers Joachim Wenning.
Der ist zum Jahresanfang mit 60 Jahren nach einer sehr erfolgreichen Amtszeit ausgeschieden. Die Fußstapfen, in die der frühere Finanzvorstand Jurecka zum Jahresanfang treten musste, können größer nicht sein: Unter Wenning hat sich der Nettogewinn vervielfacht, für das vergangene Jahr wird abermals ein Rekordergebnis von nun sechs Milliarden Euro erwartet. Zeitweise verdreifachte sich unter Wenning der Aktienkurs.
Markt ist schwieriger geworden
Doch der steile Aufstieg der Munich-Re-Aktie endete im vergangenen Sommer, weil der Markt für Schaden-Rückversicherung, das Kerngeschäft der Munich Re, schwieriger geworden ist. Dessen ist sich Jurecka bewusst. Mit aktuell 510 Euro liegt der Aktienkurs nun doch deutlich unter den im vergangenen Frühjahr erreichten Rekordniveaus von mehr als 600 Euro. Um dort wieder hinzukommen, will er konsequent an der Umsetzung der neuen Strategie arbeiten. Die hat er zusammen mit Wenning entwickelt, jedoch betonte er nun vor der Presse: „Alles, was für mich wichtig ist, enthält die Strategie.“
Die hatte er zusammen mit Wenning im Dezember vorgestellt, wobei dessen Redeanteil höher ausfiel als der von Jurecka, der damals in seiner Rolle als Finanzvorstand bewusst seinem Vorgänger den Vortritt überließ. Das legen ihm einige als Schwäche aus. Möglicherweise steht das Auftreten Jureckas, das von einem nicht in den Vordergrund drängenden Selbstbewusstsein geprägt ist, auch für einen Neuanfang in der Munich Re, die in den eigenen Reihen noch häufig mit dem alten Namen Münchener Rück bezeichnet wird. Das verdeutlicht den konservativen Kern der in der rund um den Erdball tätigen Gesellschaft.
Erster Naturwissenschaftler an der Spitze
Als promovierter Physiker ist Jurecka der erste Naturwissenschaftler an der Vorstandsspitze. Sein Vorgänger Wenning ist promovierter Volkswirt, ansonsten finden sich in den acht anderen Vorstandsvorsitzenden des 1880 gegründeten Rückversicherers viele Juristen. Im Gespräch mit der F.A.Z. beschreibt Jurecka seinen Führungsstil als „teamorientiert, leistungsorientiert, transparent und konsequent“. Mit Konsequenz dürfte er seine Bereitschaft zu Entscheidungen und zu „Ansprachen, wenn nötig“ verstehen. Die Führung eines Weltkonzerns verlangt in gewissen Zeiten Härte. Doch Jurecka, der in Linz aufgewachsen ist und einen österreichischen Pass hat, will darauf nur als letztes Mittel zurückgreifen.
Einen Kulturwandel will er nicht einläuten. Die Unternehmenskultur von Munich Re hält er für die Grundlage der starken Performance. Er spricht von einer „fachlich exzellenten, kundenorientierten, langfristig ausgerichteten und konstruktiv zusammenarbeitenden globalen Organisation“. Das klingt einstudiert und erinnert an die Worthülsen von Unternehmensberatern. Doch Jurecka ist reflektiert, interessiert sich für Entwicklungen außerhalb der Munich Re, und fügt sofort hinzu: „Kultur entwickelt sich, auch in der Gesellschaft.“
Immunsystem der Gesellschaft
Deshalb will er dafür sorgen, die Kultur seines Unternehmens anschlussfähig zu halten, damit sie für junge Menschen attraktiv bleibt. Er verweist auf die große gesellschaftliche Bedeutung von Versicherungen und Rückversicherungen. Die Branche sei das Immunsystem der Gesellschaft, halte sie gesund und produktiv. „Unsere Produkte helfen Menschen weltweit, Risiken abzusichern und für die Zukunft vorzusorgen. Wir geben Sicherheit und stärken Resilienz.“
Für Jurecka sind mit der neuen Strategie auch unangenehme Aufgaben verbunden, die ihn zu harten Entscheidungen zwingen könnten. So sollen in diesem Jahr Kosten in Höhe von 200 Millionen Euro eingespart werden. Bis 2030 sollen die jährlichen Einsparungen 600 Millionen Euro ausmachen, um damit den inflationsbedingten Kostenanstieg abzufedern. In der Rückversicherung schließt er betriebsbedingte Kündigungen aus, für den Erstversicherer Ergo aber nicht. Schwerpunktmäßig will er auf die natürliche Fluktuation setzen. „Wird eine Stelle frei, dann überlegen wir, ob wir sie in München, woanders oder gar nicht nachbesetzen. Das machen wir schon lange so.“
Breites Geschäftsmodell soll stabilisieren
Einzig in der Ergo könnte die Fluktuation nicht ausreichen, dort will Jurecka auf das Prinzip der Freiwilligkeit, mit anderen Worten auf Abfindungen setzen. Zudem sind Umschulungen – auf neudeutsch „Reskilling-Maßnahmen“ – vorgesehen. Eine Unruhe in der Belegschaft, wie es in Medienberichten zuletzt hieß, kann Jurecka nicht erkennen. Auf der Mitarbeiterversammlung in München zum Jahresanfang habe er viel Zuspruch erhalten.
In seinen ersten Wochen will er viel reisen. Von einem Besuch des Weltwirtschaftsforums in Davos hat er deshalb abgesehen. Er will sich mit so vielen Kolleginnen und Kollegen wie möglich persönlich über die Umsetzung der Strategie austauschen. Der enge Kontakt zu Kunden sei für ihn dabei genauso essenziell. Als Kern der Strategie betrachtet er die Entwicklung des Konzerns zu einer diversifizierten Versicherungsgruppe. Schon jetzt sei die Munich Re mehr als ein Schaden/Unfall-Rückversicherer, als die sie noch viele wahrnehmen.
Alleinstellungsmerkmal
Das breite Geschäftsmodell aus Erst-, Spezial- und Rückversicherung hält er für ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich die Munich Re klar von den Wettbewerbern unterscheidet. Die verschiedenen Standbeine eröffnen seiner Ansicht nach Geschäftschancen, die andere nicht haben. Ein wichtiger Effekt durch die breite Aufstellung soll eine stabilere Entwicklung der Ergebnisse sein. Bislang steuerte die Schaden-Rückversicherung, die mit den Risiken des Klimawandels und der damit verbundenen Naturkatastrophen konfrontiert ist, die Hälfte zum Konzerngewinn bei. Bis 2030 soll der Anteil auf 40 Prozent sinken, während sich der Beitrag von Ergo, Spezialversicherung und Leben-Rückversicherung auf 60 Prozent erhöhen soll.
In den kommenden fünf Jahren, sein Vertrag läuft bis Ende 2030, will Jurecka auch den Leistungsanspruch hochhalten, um den Erwartungen der Investoren, aber auch der gesellschaftlichen Bedeutung gerecht zu werden. Diesen habe die Munich Re in den vergangenen Jahren „zweifelsohne erfüllt“. Nun will er dafür sorgen, dass die Belegschaft in ihrem Bestreben nach Spitzenleistung keinen Deut nachlässt und dabei mit der nötigen Entschlossenheit agiert. Dabei setzt der Familienvater und leidenschaftliche Skifahrer auch auf regelmäßige Yoga-Übungen. Die beherrscht er, wie er auf Fotos im sozialen Netzwerk Linkedin eindrucksvoll gezeigt hat.