Moskaus Schattenflotte: Russischer Geistertanker treibt führungslos im Mittelmeer

Ein Geisterschiff von fast 280 Metern Länge treibt seit zwei Wochen im zentralen Mittelmeer. Anfangs loderten noch hohe Flammen in den Himmel. Immer wieder erschütterten Detonationen das waidwunde Schiff. Inzwischen raucht der Erdgastanker Arctic Metagaz nur noch. Und treibt weiter führungslos in Richtung Norden. Das Schiff gehört zur russischen Schattenflotte, mittels welcher Moskau unter Umgehung einschlägiger Sanktionen der EU und der USA russisches Erdöl und -gas über die Weltmeere exportiert. Doch der Flaggenstaat des beschädigten Tankschiffes sieht sich nicht in der Verantwortung, eine drohende Umweltkatastrophe abzuwenden, und fordert stattdessen Malta und Italien zum Handeln auf.
Gemäß internationalen Rechtsnormen seien die Anrainerländer „für die Lösung des Problems mit dem treibenden Tanker und für die Verhinderung einer Umweltkatastrophe verantwortlich“, sagte Außenamtssprecherin Marija Sacharowa in Moskau. Wie sich Russland in der Sache weiter verhalten werde, hänge von den „sich ändernden Umständen ab“, so Sacharowa.
Das LNG-Tankschiff war vor Wochen vom Hafen Murmansk auf der nordrussischen Halbinsel Kola ausgelaufen und befand sich auf der Route über die Nordsee, den nördlichen Atlantik und das zentrale Mittelmeer auf dem Weg zum Zielhafen Port Said in Ägypten. In der Nacht vom 3. auf den 4. März wurde der Tanker rund 240 Kilometer nördlich der libyschen Hafenstadt Sirte von heftigen Explosionen erschüttert.
Das Schiff wurde bei den Detonationen, die von ukrainischen Unterwasserdrohnen verursacht worden sein dürften, schwer beschädigt und geriet in Brand. Nach italienischen Medienberichten sollen die ukrainischen Seedrohnen von der libyschen Küste aus gestartet worden sein. Kiew hat sich bislang nicht zu dem Vorfall geäußert. Die 30 Mann der Besatzung wurden gerettet. Mitteilungen der libyschen Küstenwache, wonach das Schiff kurz nach dem Rettungseinsatz für die Besatzung gesunken sei, erwiesen sich als Falschmeldungen.
Meloni beruft Krisensitzung ein
Wind und Strömung haben das führungslose Schiff, das an Steuer- wie Backbord klaffende Löcher aufweist und dessen Heck ausgebrannt ist, immer weiter nach Norden getrieben, in Richtung Malta und Italien. Am Mittwoch befand es sich zwischen der italienischen Insel Linosa und Malta – rund 100 Kilometer von der Südwestküste des Landes entfernt. Das Schiff scheint relativ stabil im Wasser zu liegen und droht vorerst nicht auseinanderzubrechen.
Nach Angaben der russischen Außenamtssprecherin Sacharowa befanden sich zum Zeitpunkt der Rettung der Besatzung am frühen Morgen des 4. März noch 450 Tonnen Schweröl, 250 Tonnen Diesel sowie „eine erhebliche Menge flüssigen Erdgases“ in den Tanks, die bei dem Angriff und bei den anschließenden Detonationen nicht beschädigt worden seien. Nach maltesischen Quellen befinden sich neben den zusammen 700 Tonnen Öl und Diesel weitere 700 Tonnen Flüssiggas an Bord der Arctic Metagaz. Die Küstenwachen Maltas und Italiens überwachen die Lage auf dem lecken Tanker überwiegend aus der Luft.
Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat Anfang dieser Woche eine Krisensitzung ihres Sicherheitskabinetts deswegen einberufen. Valletta gab eine Warnung an alle Schiffe in dem Gebiet aus, sich dem havarierten Tanker nicht zu nähern. Die italienische Küstenwache und Kriegsmarine haben Schlepper und ein Spezialschiff zur Bekämpfung von Umweltverschmutzungen in Marsch gesetzt.
Nach maltesischen und italienischen Medienberichten erwägen die Behörden in Valletta, den Tanker in tiefe Gewässer zu schleppen und dort zu versenken. Es sei aber unklar, ob man das Wrack entern und mit Schleppern sichern könne, hieß es am Mittwoch. Zwei der vier Gastanks des Frachters blieben bei dem Angriff und den anschließenden Detonationen unbeschädigt und haben offenbar auch den Flammen widerstanden. Der maltesische Außenminister Ian Borg hat derweil die EU aufgefordert, Schiffe der russischen Schattenflotte am Einlaufen in Hoheitsgewässer von EU-Staaten zu hindern. Wichtige Transitpunkte wie der Suezkanal und die Straße von Gibraltar müssten strenger überwacht werden, forderte Borg. Bisher gibt es in der EU offenbar keine Pläne, die Arctic Metagaz an einen sicheren Ort zu schleppen und dort das Öl und Gas abzupumpen.
Source: faz.net