Modschtaba Khamenei: Steht Khameneis Sohn von kurzer Dauer vor dieser Machtübernahme?

Irans Expertenrat versuchte am Donnerstag, den Eindruck zu zerstreuen, dass Modschtaba Khamenei, der Sohn des getöteten Obersten Führers, schon als dessen Nachfolger gesetzt sei. „Spekulationen, die in sozialen Medien zirkulieren, entbehren jeder Grundlage“, hieß es aus dem Gremium, das laut Verfassung dafür zuständig ist, den neuen Obersten Führer zu wählen.

Es gibt dennoch gute Gründe für die Annahme, dass Modschtaba Khamenei der Favorit im Rennen um das höchste Amt im Staat ist – falls er noch lebt. Einen Hinweis darauf, dass die mächtige Revolutionsgarde hinter ihm steht, lieferten am Dienstag die Nachrichtenagenturen Mehr und Tasnim, die beide von der Garde kontrolliert werden. Sie meldeten, Modschtaba Khamenei sei „bei voller Gesundheit“ und kümmere sich um „wichtige nationale Angelegenheiten“ sowie die Trauerzeremonien für seine Familie.

Mit den Meldungen sollten offenbar Gerüchte zerstreut werden, Khameneis Sohn sei schwer verletzt worden. Vielleicht gab es die Sorge, Unterstützer anderer Kandidaten könnten das Vakuum nutzen. Aus dem gleichen Grund könnte sein Name frühzeitig an den Exilsender „Iran International“ und die „New York Times“ durchgestochen worden sein. Öffentlich aufgetreten ist er bisher aber nicht.

Spekulationen über andere Kandidaten

Modschtaba Khamenei beim Besuch eines Hizbullah-Büros in Teheran im Oktober 2024
Modschtaba Khamenei beim Besuch eines Hizbullah-Büros in Teheran im Oktober 2024Reuters

Gleichzeitig gibt es gute Gründe dafür, dass die Verkündung eines neuen Obersten Führers noch nicht erfolgt ist. Der Nachfolger müsste damit rechnen, von Israel sofort ins Visier genommen zu werden. Die Agentur Fars News meldete, die entscheidende Sitzung der 88 Mitglieder des Expertenrats könnte auf die Zeit nach der Beerdigung Ali Khameneis vertagt werden. Die Beerdigung wiederum wurde ebenfalls auf unbestimmte Zeit verschoben. Zur Begründung hieß es, Teilnehmer aus dem ganzen Land bräuchten Zeit für die Anreise zu den dreitägigen Zeremonien in Teheran und Khameneis Heimatstadt Maschhad.

Erschwert wird der Wahlprozess vielleicht auch durch die Tatsache, dass die 88 Mitglieder des Expertenrats selbst um ihr Leben fürchten müssen. Am Donnerstag wurde bestätigt, dass bei einem Luftangriff auf ein Gebäude des Rats in Qom drei Mitarbeiter des Sekretariats getötet wurden.

Neben Modschtaba Khamenei wird weiterhin über andere Kandidaten spekuliert. Darunter Hassan Khomeini, Enkel des ersten Revolutionsführers Ruholla Khomeini, der dem Reformerlager nahesteht und dem am ehesten zuzutrauen wäre, einen Ausgleich mit dem Westen und eine Versöhnung mit der Bevölkerung zu suchen. Außerdem der Geistliche Alireza Arafi, der als Präsident der Al-Mustafa-Universität dafür zuständig ist, ausländische Studenten aus aller Welt zu schiitischen Geistlichen auszubilden und ihnen Khameneis Ideologie zu vermitteln.

Enge Beziehungen zur Revolutionsgarde

Wenn Modschtaba Khamenei der neue Oberste Führer würde, würde das wohl heißen, dass Hardliner innerhalb der Revolutionsgarde ihren Kandidaten durchgesetzt haben und dass der Apparat inmitten des Krieges auf größtmögliche Kontinuität setzt. Es würde auch bedeuten, dass die Option eines gemäßigteren Kandidaten nicht genutzt wurde.

Der 56 Jahre alte Modschtaba Khamenei pflegt seit vielen Jahren enge Verbindungen zur Revolutionsgarde. Im sogenannten Büro des Obersten Führers, das mehr als 4000 Mitarbeiter hat, soll er eine zentrale Rolle gespielt haben, obwohl er kein offizielles Amt innehatte.

In der Bevölkerung wird sein Name mit der blutigen Niederschlagung der Proteste von 2009 assoziiert. Damals hieß es, Modschtaba Khamenei habe die Basidsch-Milizen befehligt, die mit Gewalt gegen Demonstranten vorgingen. Die Opposition warf ihm außerdem vor, die Präsidentenwahl zugunsten des Amtsinhabers Mahmud Ahmadineschad gefälscht zu haben. Prominente Oppositionelle haben erklärt, Modschtaba Khamenei habe ihre juristische Verfolgung persönlich angeordnet. Ein früherer Chef des Staatsfernsehens schrieb in seinen Memoiren, dass der Khamenei-Sohn schon Ende der Neunzigerjahre daran beteiligt war, die Reformen des Präsidenten Mohammad Khatami zu blockieren.

Der Eindruck einer Erbdynastie entsteht

Auch unter Regimeunterstützern gibt es Bedenken gegen Modschtaba Khamenei. Der Übergang vom Vater zum Sohn hätte die Anmutung einer Erbdynastie. Genau gegen diese Art der Herrschaft, gegen die Königsdynastie der Pahlavis, hatte sich 1979 die Revolution gerichtet. Die Islamische Republik verstand sich als Gegenentwurf dazu. Aus dem Umfeld des getöteten Ali Khamenei wurde mehrfach verbreitet, dieser habe sich genau aus diesem Grund gegen seinen Sohn ausgesprochen. Gerüchte, wonach Modschtaba die Nachfolge seines Vaters antreten könnte, verdichteten sich seit 2024, als dieser seine Tätigkeit als islamischer Gelehrter in Qom aufgab.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete im Januar, dass Modschtaba Khamenei über zahlreiche Luxusimmobilien in Frankfurt, London und Dubai verfüge. Sie seien nicht unter seinem Namen registriert. Vielmehr diene ihm der Geschäftsmann Asli Ansari als Strohmann. Ansari hat das bestritten. Der Zeitpunkt der Enthüllung lässt vermuten, dass es Kräfte gab, die den Khamenei-Sohn als Nachfolger verhindern wollten.

Über ihn als Person und seine Überzeugungen ist wenig bekannt. Es gibt kein einziges Interview mit ihm und nur wenige Fotos. Bei dem Luftangriff auf seinen Vater am vergangenen Samstag wurden auch Modschtabas Mutter und seine Frau getötet, die Tochter eines früheren Parlamentssprechers. Man kann also annehmen, dass ihm derzeit der Sinn nach Vergeltung steht.

Source: faz.net