Moderne Sklaven: Hoch Tomer Gardis enthüllendes Buch „Liefern“

Tomer Gardi erzählt in seinem Roman „Liefern“ vom globalen Alltag derer, die uns oft wie selbstverständlich Essen bringen – ob in Delhi, Tel Aviv oder Istanbul. Er gibt ihnen Würde


Der Schriftsteller Tomer Gardi erzählt die Geschichte der oft gesichtslosen Lieferdienstfahrer auf der ganzen Welt

Foto: Maximilian Godecke


Sushi oder Vietnamesisch? Pizza oder Burger? Sie rasen an uns vorbei, mit ihren Rädern und den viereckigen Rucksäcken auf dem Rücken. Sie sind Teil einer anonymen Masse. Und meistens sind es Männer, die uns das Essen liefern. Wie Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist, seinen Job verloren hat, weil in Tel Aviv jedes dritte Café, das aufmacht, pleitegeht. Und der schnell was Neues braucht.

Also bewirbt er sich als Rider bei Indie-Go. Wo er auf Shai trifft. Shai vermittelt Menschen, denen die richtigen Papiere fehlen, unter dem Tisch Identity Cards. Dafür kassiert er 15 Prozent Provision. Filmon rast auf seinem Bike hin und her, er muss von seinem Lohn drei Menschen ernähren.

Seine Frau hat es als Geflüchtete nach Berlin geschafft. Die Rider gründen dann auch eine Whatsapp-Gruppe, mokieren sich über Kunden, trösten und ermutigen sich, organisieren sogar eine Demo. Tomer Gardi richtet in Liefern seinen Blick auf die Schatten der Wohlstandswelt, auf moderne Sklaven. Der israelische Autor erzählt in seinem Roman von den globalen Essenslieferanten, in Delhi, Tel Aviv oder Buenos Aires, von Klassengesellschaften.

Warum dauert das so lange?

Da ist zum Beispiel Nina, eine deutsche­ Integrationslehrerin, die für einen Übersetzer­austausch mit indischen Germanistinnen nach Delhi gereist ist und Ramón trifft. Sie findet ihn heiß. Ramón ist Rider. Oder die indische Fernsehproduzentin, die mit ihren Kindern das Diwali-Fest begehen möchte und ihnen verspricht, Essen zu bestellen. Die Kinder starren aufs Handy und verfolgen den blauen Punkt auf der Karte, der signalisiert, wie weit der Fahrer noch entfernt ist.

Sie werden ungeduldig. Warum dauert das so lange? „Stau“, sagt die Mutter, ganz normal in einer Riesenstadt. Irgendwann ist der Punkt nicht mehr zu sehen. Sirenen heulen. Tomer Gardi, der seit Langem in Deutschland lebt, wurde vor zehn Jahren mit seinem Roman Broken German bekannt, und 2022 bekam er für Eine runde Sache den Preis der Leipziger Buchmesse. Für Liefern recherchierte er an mehreren Schauplätzen. Daraus wurde aber keine Undercover-Story à la Günter Wallraff. Und auch kein Bericht wie Putze. Mein Leben im Dreck der französischen Journalistin Florence Aubenas, die sich mitten in der Finanzkrise 2009 arbeitslos meldete und unter falschem Namen als Putzfrau anheuerte.

Tomer Gardi wandelt vielmehr seine Recherchen in Literatur um, seine Protagonisten sind Romanfiguren, selbstständige Dienstleister, die sich ihr Fahrrad oder Motorrad selbst besorgen müssen, auf positive Onlinebewertungen angewiesen sind – und meist in Gefahr. „Wenn wieder mal einer von uns gestorben ist“, sagt einer der Rider im Buch einmal lakonisch. Sechs Geschichten, die an verschiedenen Orten spielen, doch sie sind miteinander verknüpft. Leider driftet Gardi manchmal etwas ab.

Ins Gesicht schauen

Was soll die Passage, in der sich zwei mittelalte Männer in Istanbul die Haare transplantieren lassen? Einer von ihnen hockt am Ufer des Bosporus und trifft dort zufällig einen Akademiker, der sich seine Miete als Essenslieferer verdient. Das wirkt konstruiert. Brillant ist Gardi, wenn er dicht an den Lieferfahrern dranbleibt und man erfährt, welches Glück ein eigenes Handy für einen argentinischen Lieferanten bedeuten kann, der dringend mehr Speicherplatz braucht. Ramón hat sein Handy in Delhi verloren, als er von seinem Motorrad gestürzt ist. Seine Mutter hat es bekommen, hält sich dran fest und lässt es in einem Café liegen.

Tomer Gardis Blick ist weder voyeuristisch noch sozialromantisch, sein Ton ist nüchtern, seine Sprache ist simpel und poetisch, manchmal klingt er wie Sally Rooney. Er gibt seinen Protagonisten Würde. Wenn ich in den Straßen einen Kurier, etwa von Wolt, sehe, der todmüde an einer roten Ampel steht, dann schaue ich ihm jetzt ins Gesicht.

Liefern Tomer Gardi Tropen 2026, 320 S., 25 €