Mobilfunk dieser Zukunft: Eine ganz neue Welt mit 6G

Ist es nicht zu früh, sich heute schon ausführlich mit dem Mobilfunkstandard 6G zu beschäftigen? Haben wir nicht 5G gerade als großen Fortschritt verkauft bekommen, der das mobile Internet auf eine neue Ebene hebt? Ist man nicht noch eifrig dabei, eben dieses 5G-Netz, das alles mit allem verbinden soll, gerade großflächig rund um die Welt auszurollen? Berechtigte Fragen, und doch gilt die erweiterte Fußballerweisheit: Während des Spiels ist vor dem Spiel.
Der Mobilfunk ist seit dem Start der ersten digitalen Handy-Technologie 2G/GSM Anfang der Neunzigerjahre stets im Zehnjahrestakt modernisiert worden. Mit 3G alias UMTS begann in den Nullerjahren die Ära des mobilen Internets, mit 4G/LTE die des schnellen Breitbandzugriffs auf die Daten der Welt, und 5G läutete die Phase „jeder mit jedem in Echtzeit“ ein. Alles ist heute vernetzt, vom Fernseher über das Auto bis zur Fabrikhalle. Kaum dass eine Mobilfunkgeneration in der Praxis ankam, startete die Diskussion um ihren Nachfolger.
100-mal schnellere Datenübertragungen
Das ist mit der sechsten Version nicht anders. Seit Beginn des Jahrzehnts stehen ihre erhofften Superkräfte mehr und mehr im Fokus der Experten. Die Versprechen sind umfassend. Zum einen geht es wie immer um mehr Tempo: Etwa um den Faktor 100 schnellere Datenübertragungen sollen möglich sein, verbunden mit einem Übergang von der Gigabit- zur Terabit-Ära. Das würde bedeuten: Ein Klick, und der abendfüllende Spielfilm in hoher Auflösung wäre auch schon da. Dazu kommen Latenzzeiten von weniger als einer Millisekunde, die eine praktisch verzögerungsfreie Kommunikation ermöglichen.
Aber die Vorteile von 6G reichen weit über den reinen Geschwindigkeitsaspekt hinaus, glaubt man den Fachleuten. Versprochen werden zum anderen verlässlichere Netze mit besserer Abdeckung selbst entlegener Gebiete. Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen sollen tief in die Infrastruktur integriert sein, um diese in Echtzeit zu analysieren und anpassungsfähiger zu machen. Für die Nutzer bedeutet 6G also neue und anspruchsvolle Anwendungen. Die Rede ist von Hologrammgeräten, von Fernchirurgie, von digitalen Zwillingen realer Objekte, vom „Internet der Sinne“. Stärker als bisher soll „mixed reality“ eine Rolle spielen, also die Verbindung digitaler Inhalte mit der echten physischem Welt.
Für eine kleine Revolution gut
Einwände, das gebe es doch alles schon mit 5G, sind nicht falsch. All diese Möglichkeiten zeichnen sich bereits ab. Aber 6G eröffnet zwei weitere Chancen: Nämlich einerseits diese Möglichkeiten von heute zum Massengeschäft von morgen zu machen. Und darüber hinaus neue Welten zu entdecken, die wir heute kaum erahnen können. Es ist ähnlich wie mit dem Smartphone selbst: Was es kann, entscheiden eigentlich nicht die Hersteller. Apple und Samsung spendieren ihren Geräten ab und zu neue Sensoren, eine bessere Kamera oder ein Faltdisplay. Mit der Hardware legen sie zwar die Grundlage, aber erst Millionen App-Entwickler machen das Gerät zum unentbehrlichen Alleskönner.
Ein neuer Mobilfunkstandard hat noch viel gravierendere Implikationen als das Smartphone. Die Digitalisierung basiert zu einem erheblichen Teil auf der Mobilfunkinfrastruktur. Und so schreiben Ökonomen 6G das Potential zu, das technologische Ökosystem neu zu definieren und sich zu einer transformativen Kraft zu entwickeln. Solche Begriffe klingen nach Marketing, aber auch nüchtern betrachtet steckt darin mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Vor allem die Verbindung der beiden Jahrzehnt-Technologien 6G und KI dürfte für eine kleine Revolution weit über die Technikwelt hinaus gut sein.
Jetzt muss gehandelt werden
Wer diese Prognosen auch nur halbwegs ernst nimmt, und das sollte man, kommt an der Erkenntnis nicht vorbei, dass Handeln jetzt angesagt ist, und nicht erst in fünf Jahren, wenn es mit 6G richtig losgeht. Das hat sich in Berlin immerhin schon herumgesprochen. Vor Kurzem stellte Bundeskanzler Friedrich Merz auf einer Wirtschaftskonferenz klar, dass Deutschland keine Komponenten aus China im 6G-Netz zulassen werde.
Es bleibt aber zu hoffen, dass Merz die neue Technologie nicht nur mit solchen negativen Ausschlussvorgaben begleitet, sondern mit einer positiven und unterstützenden Strategie. Deutschland und Europa können es sich auf diesem Gebiet nicht leisten hinterherzuhinken. Bisher sieht es auch zumindest nicht danach aus. In Wissenschaft und Wirtschaft gleichermaßen ist 6G schon ein Topthema. Die EU will ein „weltweit führender Anbieter von 6G“ werden – parallel zum Plan, Europa bis 2030 zum am stärksten vernetzten Kontinent zu machen. Die Grundlagen sind mithin gelegt. Jetzt gilt es dranzubleiben.