Mit Plastik will sich die Öl-Industrie sichern – drum erstickt die Welt im Müll
Deutschland ist Europas größter Plastikproduzent – das daraus resultierende Umwelt-Problem wird kein Unverpackt-Laden lösen. Denn die fossile Industrie setzt voll auf den Kunststoff. Regierungen könnten das leicht regulieren
Plastik zum Gruseln. In diesem Fall nur an Halloween
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Mikroplastik ist in der Luft, im Boden, im Meer und in unseren Körpern. In der Muttermilch, in Leber und Niere. Sogar im Gehirn. Diese Horrornachricht ist ein halbes Jahr alt, die jüngste wenige Tage: Das UN-Abkommen gegen Plastikmüll ist gescheitert, rund 180 Länder konnten sich in Genf nicht auf einen Vertrag einigen.
Blockiert haben jene, die auch die Klimakrise verantworten und Klimaschutz sabotieren. Öl-Staaten wie der Iran, Saudi-Arabien, Russland und die USA. Denn die Produktion von Kunststoff ist das Rettungsseil der fossilen Industrie. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass bis 2050 mehr als die Hälfte des geförderten Erdöls in der Petrochemie-Industrie verarbeitet wird – zu Dünger und Plastik. Beides macht schon heute drei Viertel ihrer erdöl- und gasbasierten Erzeugnisse aus.
Modefirmen sind die größten Plastikmüllverursacher
Die Leute kaufen zu viel Plastik, redet sich die Industrie heraus. Das Material sei nicht das Problem, sondern der Umgang mit dem Abfall. Diese Argumentation bestimmte (unfreiwillig) auch die Plastikmülldebatte der vergangenen Jahre. Statt auf die Produktion fokussierte sie auf die Verantwortung des Einzelnen. Tipps zum „Plastikfrei leben“ füllten Verbrauchermagazine, Nachhaltigkeitsblogs und Umweltkongresse, ein Einmachglas mit ein paar am Ende eines Jahres übrigen Fitzelchen Folie war der Heilige Gral der Zero-Waste-Bewegung. Vermeiden ist gut, auch für die eigene Gesundheit.
Aber die Plastik-Katastrophe ist kein individuelles moralisches Problem, sondern ein soziales. Menschen mit wenig Geld bleibt nur der Einkauf im Discounter, wo besonders viel in Einwegplastik verpackt ist. Für Unverpackt-Läden hingegen braucht es oft ein dickeres Portemonnaie. Modefirmen, die größten Plastikmüllverursacher, recycelten das Problem gar zum Marketinggag und verkauften Kleider aus angeblichem Meeresmüll. Greenwashing pur. Derweil produzierte die Chemieindustrie immer mehr Kunststoff: rund 460 Millionen Tonnen weltweit pro Jahr. 1950 waren es zwei Millionen Tonnen. So wird sich die Produktion bis 2060 verdreifachen.
Deutschland ist Europas größter Plastikproduzent
Regierungen könnten sofort etwas dagegen tun, dafür gibt es gesellschaftliche Mehrheiten: Verbote von gefährlichen Chemikalien und Einwegplastik, höhere Recyclingquoten. Das ist überfällig. Nur neun Prozent des Plastikmülls werden weltweit recycelt, zwölf Prozent verbrannt, der Rest landet auf Deponien und in der Welt.
Aber das Desaster beginnt nicht beim Müll, sondern am Anfang der Kette: Der Öl- und Fracking-Boom treibt das Wachstum der petrochemischen Industrie voran, etwa in den US-Bundesstaaten Texas und Louisiana. „Cancer Alley“, Krebsallee, heißt der 140 Kilometer lange Abschnitt des Mississippi zwischen Baton Rouge und New Orleans, an dessen Ufern 200 giftspuckende Raffinerien und Chemiefabriken stehen. Das Krebsrisiko dort ist doppelt so hoch wie im Rest der USA. Die Hälfte der Menschen, die dort leben, sind People of Color, ein Viertel unter der Armutsgrenze. Die Plastikkrise ist eines der widerwärtigsten Symptome des fossilen Kapitalismus, dessen Gewalttätigkeit sich hier als Umweltrassismus deutlich zeigt.
Das gescheiterte Abkommen zeigt einmal mehr, dass am Ausstieg aus Öl und Gas kein Weg vorbeiführt. Am meisten davon verbraucht auch in Deutschland die Chemieindustrie. 20 Prozent davon nur für die Herstellung von Plastikverpackungen. Denn Deutschland ist Europas größter Plastikproduzent. Der Kampf muss also vor unserer Haustür beginnen. Gegen diese Industrie, neue Gaskraftwerke, LNG-Anlagen und Energie-Deals mit Donald Trump.