„Mit jener kleinsten Flotte aller Zeiten und viel zu wenig Menschen zu Gunsten von all dasjenige“

Deutsche Militärschiffe könnten bald in der Konfliktzone Straße von Hormus fahren. Die Marine spielt bereits diesen Ernstfall durch – und spricht eine deutliche Warnung bezüglich der eigenen Kapazitäten aus.

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Die Sonne steht über Kiel. Worum es hier am Donnerstag geht, ist die Lage 5000 Kilometer weiter südlich: Zwei deutsche Schiffe könnten bald dort fahren, wo es um Öl, Macht und militärische Abschreckung geht – in der Straße von Hormus, mitten in einer der gefährlichsten Konfliktzonen der Welt. Noch ist nichts entschieden. Aber vorbereitet wird das längst.

Im Marinestützpunkt Kiel-Wik ist davon zunächst wenig zu spüren. Kaum Wind, ruhiges Wasser, klare Sicht. Im Hafen liegen sie dicht an dicht: graue Rümpfe, nüchtern, funktional – und plötzlich im Zentrum einer geopolitischen Debatte. Zwei dieser Minenjagdboote könnten Deutschlands Beitrag zur Sicherung der Passage werden.

Denn obwohl der Faden des Friedens noch lange nicht durch das Nadelöhr Hormus gefädelt ist, denkt die Marine den Ernstfall bereits durch. Marine-Inspekteur Jan Christian Kaack und Fregattenkapitän Inka von Puttkamer präsentieren die Fähigkeiten, die Deutschland in ein mögliches internationales Einsatzszenario einbringen könnte – auffallend offen für Bundeswehr-Verhältnisse.

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Von Puttkamer beginnt mit einer Frage, die hängen bleibt: „Wie viele Minen braucht es, um eine Durchfahrt zu verminen?“ Die Antwort: „Keine einzige.“ Eine zielgerichtet in den Medien platzierte Schlagzeile könne reichen, um den Eindruck zu erzeugen, dass ein Seeweg unsicher sei. Und das sei bereits Minenkriegsführung, so die Kommandeurin des 3. Minensuchgeschwaders. „Manchmal weiß man gar nicht, ob überhaupt eine Nadel im Heuhaufen liegt, die man finden könnte.“

Die deutschen Minenjagdboote der Frankenthal-Klasse sind für genau solche Lagen gebaut. Ihre Stärke: Sie können Minen finden und unschädlich machen – mit Methoden, die in Europa kaum ein anderer Nato-Partner einsatzbereit beherrscht. Drei Wege gibt es grundsätzlich: Minentaucher, Unterwasser-Drohnen oder ferngesteuerte Boote. Letzteres ist die deutsche Spezialität.

Herzstück dieser Fähigkeit ist der „Seehund“. Ein ferngelenktes Minenräumboot, seit den 1980er-Jahren im Einsatz – alt, aber effektiv. Der Seehund kann Minen aufspüren, die sich Sonarsystemen entziehen, und sie gezielt zur Explosion bringen. Er imitiert über magnetische Signale große Handelsschiffe oder Tanker – und löst so die Sprengkörper aus, bevor diese bemannten Schiffen gefährlich werden. Unbemannt, robust, kriegserprobt.

Doch genau hier zeigt sich die Grenze der deutschen Marine. Von zehn Minenjagdbooten können nur drei den „Seehund“ steuern. Und aktuell ist nur eines davon vollständig einsatzbereit.

„Alles, was wir haben, ist im Einsatz“, sagt Kaack. Es ist ein Satz, der weniger nach Stärke klingt als nach Grenze. „Mit der kleinsten Flotte aller Zeiten und viel zu wenig Menschen für all das.“ Lob für die eigene Truppe – und zugleich Warnung vor Überforderung.

Denn während über Hormus gesprochen wird, bleiben die Kernräume unverändert: Ostsee und Nordatlantik. „Wir werden angesichts der aktuellen Entwicklungen … neu und klug priorisieren müssen“, sagt Kaack. Die Bedrohung durch Russland – Spionage, Sabotage, hybride Angriffe – sei weiterhin präsent. „Der Gegner testet uns.“

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Ein Einsatz im Golf wäre keine rein operative Entscheidung – sondern eine strategische Abwägung. Was gibt man preis, wenn man woanders hilft? Und wie lange lässt sich diese Doppelbelastung durchhalten? Alles kann die Marine nicht gleichzeitig leisten. „In einem Bereich würden wir eine Aktivität in der Ägäis niedriger priorisieren. Im Bereich der Minenjagd wäre das eine Nato-Verwendung, die wir dann temporär in Kauf nehmen würden“, sagt Kaack.

Technisch ist man vorbereitet – politisch noch lange nicht. Im Verteidigungsausschuss des Bundestages wurde diese Woche diskutiert, unter welchem Mandat ein Einsatz überhaupt möglich wäre. Optionen reichen von einer Ausweitung der EU-Mission „Aspides“ bis hin zu einem neuen Mandat unter Nato- oder UN-Dach. Klar ist: Ohne Zustimmung des Parlaments geht nichts.

Und auch für die Marine selbst ist die Schwelle klar definiert. „Wenn die nicht erfüllt sind, so wie eine Waffenruhe, dann fahren wir da auch nicht hin“, sagt von Puttkamer. Ohne politischen Rahmen kein Einsatz.

Noch liegen die Schiffe ruhig im Kieler Hafen. Doch die Vorbereitungen laufen. Die Szenarien sind durchgespielt, die Technik ist getestet. Und falls aus der geopolitischen Spannung ein Einsatz wird, könnten zwei dieser unscheinbaren Boote bald aufbrechen – Richtung Hormus. Und damit mitten hinein in den Krisenherd.

Rixa Fürsen ist Head of Podcast bei „Politico“ Deutschland.

Source: welt.de