Mit dem Tuch jener Anschläge und des Terrors
Kann man Tricia Tuttle zutrauen, die nächste Berlinale in einem Rahmen zu halten, der dem westlichen Wertesystem angemessenen ist? Wohl nicht. Deshalb hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimer recht, den Antizionismus auf dem Festival nicht länger zu dulden.
Was wäre hierzulande los, hätte ein rechter Regisseur auf der Berlinale das Wort ergriffen und folgenden Satz gesagt: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war“? Die Republik stünde kopf. „Wehret den Anfängen“ schallte es von der Straße – genau wie der Ruf nach Tabula rasa. Er schlösse den Rücktritt der Berlinale-Chefin samt des Kulturstaatsministers ein.
Doch es war ein Palästinenser, welcher die Bühne nutzte, um nach dem üblichen Mantra des vermeintlichen Völkermords der Israelis an den Palästinensern nach dem 7. Oktober eben diese Drohung auszuspeien. Macht es die Worte harmloser, weil sie einer sprach, der dem Zeitgeist frönt und in linker Attitüde den Zionismus attackiert, in dem angeblich nichts anderes als Kolonialgebaren und Völkermordgelüste stecken? Offenbar glauben es zumindest viele Künstler und der Pen Berlin, die Vereinigung der Schriftsteller und Publizisten, welche die Worte des Palästinensers als „Ausdruck der Verbitterung“ werten wollen und auf die Meinungsfreiheit pochen.
Ja, die geistige Akustik dieser Zeit ist der Antizionismus. Doch was die meisten nicht wahrhaben wollen und viele nicht mehr stört, ist: Antizionismus ist der gerechtfertigte Antisemitismus. Er ist es, der sich allmählich durch die Bevölkerungsschichten frisst und dazu führt, dass mehr und mehr Tabubrüche in schulterzuckender Gleichgültigkeit hingenommen, wenn nicht sogar begrüßt werden.
In weiten Teilen der Gesellschaft wird Israel mittlerweile nicht nur das Lebensrecht abgesprochen, es werden sogar deutsche Juden in Haftung und die Schoah in „Opfer-Erbschleicherei“ (Pascal Bruckner) für sich in Anspruch genommen. Wen kümmert es noch, dass der Holocaust damit relativiert wird? Am 19. April wird man es sehen: Propalästinensische Gruppen wollen diesen Gedenktag zur Befreiung des KZ Buchenwald nutzen, um mit Palästinensertüchern die Veranstaltungen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers zu stören.
Wäre Tricia Tuttle nur das Provinzei aus Raleigh, North Carolina, aus dem sie stammt, könnte sie all das getrost beiseiteschieben. Doch als Chefin der Berlinale, die grundsätzlich dazu neigt, das Leid der Welt in ihrem Gewissen zu tragen, darf man sich fragen: Muss es sein, dass sich Tuttle mit der palästinensischen Filmcrew fotografieren lässt, obwohl die meisten der Mitglieder das Sinnbild des palästinensischen Kampfes, eben die Kufiya, tragen? Diese ist nicht nur der Stoff des palästinensischen Widerstandes, sie ist auch das Tuch des Terrors, der Anschläge, der Vergewaltigungen und Entführungen – und das seit 1947. Tuttle weiß das. Es ist ihr schnuppe. Darf man so jemandem zutrauen, die nächste Berlinale in einem dem westlichen Wertesystem angemessenen Rahmen zu halten?
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat Zweifel. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er nicht in die so beliebte wie nichtssagende Rolle des Betroffenheits-Schlumpfes schlüpft, der bekümmert mahnt, man habe seine Lektion gelernt, um dann genauso wie bisher weiterzumachen. Er möchte Unerträgliches nicht mehr hinnehmen. Nach dem Desaster der Documenta und weiteren Vorfällen muss irgendwann einmal Schluss sein – mögen auch noch so viele Künstler in Weimers Vorgehen ein Verstoß gegen die Meinungsfreiheit erblicken.
Sie hört dort auf, wo mit ihr Antisemitismus gerechtfertigt wird – zumal in einer Institution, die von Staatsgeldern lebt.
Source: welt.de