Miriam Davoudvandi: „Kinder sitzen in Deutschland hungrig im Unterricht“
Normalerweise ist es Miriam Davoudvandi selbst, die die Fragen stellt – etwa als Host des WDR-Podcasts „Danke, gut“ über psychische Gesundheit. Auf der Leipziger Buchmesse Mitte März steht sie nun im Zentrum. Anlass ist ihr erzählerisches Sachbuch Das können wir uns nicht leisten, in dem sie anhand persönlicher Geschichten von sich und ihrer Familie beschreibt, was es bedeutet, in Deutschland in Armut aufzuwachsen – und wie tief diese Erfahrungen in jeden Lebensbereich hineinwirken. Als der Freitag sie auf der Buchmesse trifft, sind die Plätze restlos belegt. Das Gespräch kreist um Scham, Familienlügen, künstlerische Verantwortung – und das politische System, das Armut nicht nur hervorbringt, sondern immer auch fortschreibt.
der Freitag: Frau Davoudvandi, Sie erzählen in Ihrem Buch über das Aufwachsen in Armut sehr persönliche Geschichten. Wie kamen Sie dazu?
Miriam Davoudvandi: Über arme Menschen wird meistens gesprochen – aber selten mit ihnen. Ich gehöre zur Hartz-IV-Generation der 2010er Jahre und bin mit Geschichten über Armut aufgewachsen, in denen Menschen oft als „Sozialschmarotzer“ dargestellt wurden. In diesen „Asi-Bildern“ aus dem Fernsehen habe ich meine eigene Lebensrealität jedoch nie wiedergefunden. Auch wenn Armut heute in politischen Talkshows vorkommt, dann meist nur als abstrakte Zahl. Dabei ist sie konkret.
Wie konkret?
Irgendwo sitzen gerade Kinder in Deutschland in einer Schule und haben Hunger – und versuchen trotzdem, sich zu konzentrieren. Die Armut reicht in alle Lebensbereiche: in Geld und Arbeit, aber auch in zwischenmenschliche Beziehungen, in Essverhalten, in Medienkonsum, in Psyche und Gesundheit. Davon wollte ich erzählen.
Sie sind in Bukarest geboren, Ihre Mutter ist Rumänin, Ihr Vater Iraner, aufgewachsen sind Sie dann in Süddeutschland. Welche Rolle spielte das für Sie?
Migrations- und Klassenerfahrung hängen eng zusammen. In Bukarest habe ich ein ganz klassisches postkommunistisches Umfeld erlebt – ich bin Anfang der 90er geboren, wir haben im Plattenbau gewohnt. Aber das war nichts Besonderes, weil alle so gewohnt haben. Es war nicht so: „Oh Gott, wir haben Kakerlaken und es stinkt“, sondern eher: Alle haben Kakerlaken, und es stinkt. Mit dem Umzug nach Deutschland habe ich dann die ganze Bandbreite des westlichen Kapitalismus kennengelernt. Wir haben im Südschwarzwald im Sozialbau gewohnt, gleichzeitig gab es in der Umgebung Villen. Zu merken, dass man selbst eher am unteren Ende der Skala steht – das hat viel mit meinem Selbstbild gemacht.
Zu merken, dass man selbst eher am unteren Ende der Skala steht – das hat viel mit meinem Selbstbild gemacht
Wann haben Sie in Deutschland das erste Mal gemerkt, dass Sie andere Ausgangsbedingungen als andere haben?
Ich war vier Jahre alt, als ich das erste Mal spürte, dass wir arm sind. Es war Weihnachten, ungefähr 1996. Ein Fake-Weihnachtsmann besuchte unseren Kindergarten, wir sollten ihm ein Lied vorsingen. Ich trug einen ockerfarbenen Cordanzug – oder, wie die anderen Kinder sagten: „kackbraun“. Der Nachbarsjunge hatte ihn das Jahr zuvor getragen. Seine Mutter spendete uns immer seine alten Klamotten. Die anderen Mädchen trugen dagegen neue Kleider, Hosen mit Aufdruck oder strahlend weiße Strumpfhosen. Einige Jahre später erst hatte ich dann wirklich verstanden, dass wir arm sind. Vor allem im Vergleich mit meinen Mitschüler*innen.
Wie wurde in der Schulzeit der Klassencharakter für Sie deutlich?
Mit jeder Bildungsstufe wurde stärker aussortiert. Die Unterschiede zeigen sich im Detail, beispielsweise mit welchem Stift du schreibst. Ob du an Klassenfahrten teilnehmen kannst. Ob du ein selbstgeschmiertes Brot dabei hast. Und auch, wie in der Familie mit Leistung umgegangen wird. Ich verstand damals noch nicht, dass das alles schon eine Art Vorauswahl war – wie in einer Castingshow. Als unsere Lehrerin uns mal fragte, was wir später werden wollen, sagte ich: Bundeskanzlerin. Man könnte sagen, das ist ein unrealistischer Wunsch für ein zehnjähriges Kind. Aber war es realistischer, dass Schüler aus anderen Haushalten ins All fliegen oder Popstar werden wollten? Trotzdem hat die Lehrerin nur mich ausgelacht.
Wie fühlt es sich für Sie an, wenn Sie Sätze hören wie: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“?
Davon halte ich gar nichts. Es gibt ein paar wenige Aufstiegsgeschichten, aber genau deshalb war es mir wichtig, auch meine eigene im Buch sehr kritisch zu betrachten. Vieles ist Zufall. Auch bei mir sind Dinge einfach durch Glück oder Willkür gut gelaufen. Dieses System bestimmt Lebenschancen doch von der Geburt an. Gerade das Bildungssystem spielt hierbei eine zentrale Rolle. Es gibt immer Gatekeeper – Lehrer*innen zum Beispiel – die darüber entscheiden, welchen Weg man einschlägt. Wenn man sich anschaut, wie viele Arbeiterkinder studieren, wird dieser Einfluss deutlich: Schon im Bachelor sind es wenige, im Master noch weniger, und eine Promotion ist für die meisten kaum mehr erreichbar. Das zeigt, wie früh und systematisch aussortiert wird, wer überhaupt die Chance auf diesen Bildungsaufstieg bekommt. Und das setzt sich in allen Lebensbereichen fort.
Dieses System bestimmt Lebenschancen doch von der Geburt an
Welche Hoffnung setzen Sie in Politikmaßnahmen?
Es gibt seit Jahrzehnten Konzepte, um an der Chancenungleichheit etwas zu ändern – aber sie werden nicht umgesetzt. Für mich fühlt sich diese Klassengesellschaft wie eine ständige Schleife an. Wenn ich aktuelle Debatten über Totalverweigerer höre, habe ich das Gefühl, das sind dieselben neoliberalen Sprüche wie aus der Zeit von Gerhard Schröder. Es geht wieder um Sanktionen, um Sozialkürzungen, um die Forderung, dass Menschen mehr arbeiten sollen. Dass so etwas immer wieder öffentlich diskutiert wird, und zugleich echte Maßnahmen von Umverteilung fehlen, ist kein Zufall. Dieses System produziert Armut – und es hält sie aufrecht.
Warum war es Ihnen wichtig, in Form eines erzählerischen Sachbuchs darüber zu schreiben?
Im Zentrum meines Buches steht meine eigene Geschichte und die meiner Familie, ergänzt durch einige Fakten und Einordnungen. Diese Form habe ich bewusst gewählt. Ich habe nichts dagegen, Armut in Romanform zu erzählen – aber für mich ist dieses Thema so brutal, so groß und so prägend, dass ich nicht wusste, was ich da noch hinzudichten sollte.
So einen Schreibprozess stelle ich mir als Mischung zwischen Empowerment und Schmerz vor. Wie haben Sie ihn erlebt?
Es fühlte sich ziemlich unreal an. Dass Menschen wie ich Bücher schreiben und dann auch noch auf Bühnen stehen, ist ja nicht selbstverständlich. Entsprechend war da auch ein großer Druck – ich wollte alles richtig darstellen.
Welchen Druck meinen Sie?
Arme Menschen werden bereits stigmatisiert. Wenn man über dieses Thema schreibt, trägt man eine Verantwortung – vor allem, keine Klischees zu reproduzieren. In einem Kapitel habe ich etwa über Sucht in meiner Familie geschrieben – sie ist eng verbunden mit Fragen von Arbeitsbedingungen, Existenzängsten und dem Versuch, dem alltäglichen Druck standzuhalten. Mir war es beim Schreiben wichtig, bestimmte Bilder zu vermeiden: von Verwahrlosung, Alkoholismus, Perspektivlosigkeit. Differenziert zu schreiben war eine der größten Herausforderungen.
Wenn man über dieses Thema schreibt, trägt man eine Verantwortung – vor allem, keine Klischees zu reproduzieren
Wie war es, mit Ihrer Familie darüber zu sprechen?
Es war sehr hart, sich wieder in diese Erfahrungen hineinzubegeben – die Gespräche mit meinen Eltern und Geschwistern haben wehgetan. Was arme Menschen ja oft machen, ist, dass sie sich gegenseitig ein Stück weit belügen – nicht aus bösem Willen, sondern um zu funktionieren, um zu überleben. Ich selbst habe zum Beispiel lange mit psychischen Problemen zu kämpfen gehabt, und habe das vor meinen Eltern versteckt. Ich wollte nicht, dass sie das Gefühl haben, ihre ganze Arbeit und Aufopferungen seien umsonst gewesen. Umgekehrt haben meine Eltern auch vor mir versteckt, wie sehr sie gelitten haben. Sie kamen abends völlig erschöpft von der Arbeit nach Hause, aber haben versucht, das nicht zu zeigen. Auch unsere finanzielle Situation haben wir lange verborgen. Wir versuchten zu vertuschen, dass wir schon längst im Minus waren. Dieses gegenseitige Schonen, dieses Nicht-Aussprechen, um sich nicht noch mehr zu verletzen – das haben wir sehr lange so gemacht. Bis zu diesem Buch.
Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie das System Armut produziert – gerade die aktuelle Bundesregierung verschärft nun die Angriffe auf lohnabhängige und arme Menschen. Was kann Literatur in so einer Situation erreichen?
Wenn der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer versucht, Literatur einzuschränken, dann zeigt das ja schon, dass sie eine gewisse Wirkung hat. Trotzdem würde ich die Rolle von Kunst und Kultur nicht überschätzen. In diesen Bereichen bewegt sich viel, aber sie sind oft auch sehr selbstreferenziell und verlieren manchmal den Bezug zu den Lebensrealitäten vieler Menschen. Wenn ich an meine Familie denke: Der einzige Moment von politischer Auseinandersetzung war, wenn wir zusammen eine Talkshow geschaut und uns kurz darüber aufgeregt haben. Fünf Minuten Wut – und dann musste es weitergehen, weil keine Zeit oder Energie mehr da war. Im Vergleich dazu bin ich heute in einer privilegierten Position. Ich habe die Möglichkeit zu schreiben – und dieses Privileg nutze ich, um Gedanken weiterzuführen, ihnen Raum und Tiefe zu geben, um Klassenrealitäten sichtbar zu machen. Das, wofür anderen manchmal im Alltag die Zeit fehlt. Das ist für mich der Kern von Literatur.
Wie können im Literaturbetrieb Klassenbarrieren abgebaut werden?
Mein Buch kostet 18 Euro. Für meine Familie wäre das früher nicht drin gewesen. Mir war es daher wichtig, zumindest im Buch eine Sprache zu finden, die nahbar ist. Menschen Literatur näherzubringen, ist aus meiner Sicht eine doppelte Aufgabe: eine für Autor*innen und Verlage, aber auch eine politische. Es gab immer Ansätze, Kultur zugänglicher zu machen – etwa durch günstigere Angebote für Theater und andere Einrichtungen. Vieles davon wird gerade wieder gestrichen. Was zugleich aber auch stimmt: Wenn Leute so tun, als seien Hochkultur und Literatur die einzigen Wege, um Menschen zu erreichen, ist das problematisch. Da schwingt eine sehr elitäre Haltung mit.
Wenn Leute so tun, als seien Hochkultur und Literatur die einzigen Wege, um Menschen zu erreichen, ist das problematisch
Was meinen Sie damit?
Ich schreibe in meinem Buch ja auch viel über Fernsehen. Ehrlich gesagt habe ich darüber oft mehr mitgenommen als aus Büchern. Die sprachlichen Hürden waren niedriger, ich habe mich weniger beschämt gefühlt, wenn ich etwas nicht sofort verstanden habe. Es ist sinnvoll, seine Inhalte auf verschiedenen Kanälen zur Verfügung zu stellen.
Welche Wirkung würden Sie sich für Ihr Buch wünschen?
Wenn ich ein bisschen selbstbezogen sein darf: Ich würde mir wünschen, dass in den Regalen all diese rechten Bücher und dieser ganze Selbstoptimierungs-Kram durch mein Buch zur Seite gedrängt wird. Aber im Kern wünsche ich mir vor allem Sichtbarkeit. Ich möchte, dass Menschen, die ähnlich aufgewachsen sind wie ich, sich gesehen fühlen. Gleichzeitig hoffe ich aber auch, dass Menschen aus der Mittelschicht verstehen, dass diese Lebensrealitäten gar nicht so weit weg von ihnen sind, wie sie denken. Statistisch gesehen kann jeder in schwierige Lebenslagen geraten – durch falsche Entscheidungen, Krankheit oder andere Umstände. Ich wünsche mir letztlich, dass dieses Bewusstsein Solidarität erzeugt. Und ja, vielleicht liest es ja sogar Friedrich Merz irgendwann.