Milliardenauftrag für jedes start-ups: Wer baut tatsächlich Deutschlands Kampfdrohnen?
Wozu braucht es die Kampfdrohnen überhaupt?
Die NATO will die Ostflanke gegen eine mögliche Bedrohung aus dem Osten absichern. Deutschland bereitet dafür die Stationierung einer Brigade in Litauen bis Ende 2027 vor. Die Erfahrung aus dem Kampf der Ukrainer gegen die Russen zeigt, dass sogenannte Kamikazedrohnen auf dem Schlachtfeld von entscheidender Bedeutung sind, auch wenn man die Situation nicht direkt vergleichen kann. Es handelt sich um Flugkörper, die einen Sprengsatz in ein definiertes Ziel bringen. Im Unterschied zu ballistischen Raketen können die Drohnen zuvor kreisen oder in der Luft „herumlungern“, bevor sie sich auf ein Ziel stürzen, weshalb offiziell von „Loitering Munition“ die Rede ist, denn technisch gesehen handelt es sich um Munition. Gelenkt werden sie aus der Distanz. Da der Pilot entscheidend ist, spricht man vom „human in the loop“. Bundesverteidigungsministerium und Bundeswehr wollen innerhalb von zwei Jahren Tausende solcher umgangssprachlich Kampf- oder Kamikazedrohnen genannter Waffensysteme anschaffen.
Wer soll sie herstellen?
Die Auftragnehmer sind zwei junge Unternehmen: Helsing aus München und Stark Defence aus Berlin. Helsing wurde 2021 gegründet, Stark sogar erst 2024. Der führende Kopf aus der Helsing-Führungsriege ist Gundbert Scherf, der früher für die Beratungsgesellschaft McKinsey und im Bundesverteidigungsministerium gearbeitet hat. Der Antreiber hinter Stark ist Florian Seibel, der 2015 schon mit Quantum Systems einen Hersteller von Aufklärungsdrohnen gegründet hat. Da das Unternehmen wegen der Leitlinien einiger öffentlicher Geldgeber damals keine Angriffswaffen entwickeln durfte, entstand zu diesem Zweck Stark. Ein weiterer Mitgründer, der in der Szene bekannte Start-up-Investor Uwe Horstmann, wurde im vergangenen Jahr Vorstandschef.

Wie weit ähneln sich die Drohnen?
Beide Systeme müssen denselben Anforderungen entsprechen: eine Waffe von mittlerer Reichweite, die einen 800 Millimeter dicken Panzerstahl durchschlagen kann. Außerdem sind beide Drohnen in der Lage, einen entscheidenden Teil der Flugstrecke durch KI-gestützte Navigation zurückzulegen. Damit sind sie weitestgehend immun gegen Störsender, die die Navigation mit der Bodenstation via GPS-Signal verhindern. Beide Hersteller werben zudem damit, dass ihre Waffen mit Partnern in der Ukraine entwickelt und damit kampferprobt sind. Die Stark-Drohne Virtus ist etwas größer als die HX-2 von Helsing und wird mit einer Reichweite von 130 Kilometern vermarktet, Helsing gibt 100 Kilometer an. Auch bei der Größe des Sprengkopfes, der von externen Anbietern kommt, gibt es Unterschiede. Virtus ist ein Senkrechtstarter, der auch wieder landen kann, was vor allem für Trainingsflüge von Vorteil ist. Im Einsatz spielt das keine Rolle. Die HX-2 startet vom Katapult aus und ist eine reine Einwegdrohne.
Sind die Fähigkeiten auch nachgewiesen?
Beide Produkte wurden von der Bundeswehr und anderen NATO-Armeen getestet und letztlich für gut befunden. Im Herbst kamen allerdings Ergebnisse von einem Test in Munster an die Öffentlichkeit, in dem die Stark-Drohne schlecht abschnitt. Die Fehler wurden später abgestellt, und die Tests bestanden.

Können die Unternehmen auch hohe Stückzahlen liefern?
Helsing hat gerade im süddeutschen Raum seine zweite Fabrik eröffnet und wirbt damit, schon heute bis zu 1000 Drohnen im Monat herstellen zu können. Das Volumen lasse sich problemlos hochfahren. Mit dem Autozulieferer Schaeffler hat man zudem einen Partner gefunden, der Massenproduktion organisieren kann. Stark verfügt über eine Herstellung im Großraum München, eigenen Angaben zufolge mehrere Tausend Quadratmeter groß. Zudem gibt es Produktionskapazitäten in Großbritannien.
Um wie viel Steuergeld geht es?
Um sehr viel. Die ursprünglichen Rahmenverträge haben ein Gesamtvolumen von mehr als vier Milliarden Euro, von denen 2,6 Milliarden Euro auf Stark entfallen, und 1,5 Milliarden Euro auf Helsing. Die Haushälter der Regierungsparteien haben aber nach intensiven Kostendebatten noch einen Preisdeckel von jeweils einer Milliarde Euro eingezogen. Darüber hinausgehende Aufträge müssen zusätzlich genehmigt werden.
Die ersten festen Aufträge von zusammen knapp 550 Millionen Euro sind jetzt jedoch wie geplant genehmigt. Dem Vernehmen nach enthalten die Verträge Meilenstein-Finanzierungen, das heißt, Zahlungen sind an Lieferungen geknüpft. Die zu liefernde Stückzahl wird nicht genannt, dürfte aber unterschiedlich sein. Denn die Kosten der beiden Systeme gehen deutlich auseinander: Auch wenn offiziell keine Beträge genannt werden, fallen nach nicht dementierten Informationen für ein Virtus-System rund 90.000 Euro an, die HX-2 ist schon für unter 50.000 Euro zu haben. Ob die große Differenz gerechtfertigt ist, darüber ist ein Deutungskampf entstanden. Der Rechnungshof dürfte ohnehin genau hinschauen.
Wie wertvoll sind die Unternehmen und von wem kommt das Geld?
Helsing gilt nach seiner letzten Finanzierungsrunde mit einer Bewertung von zwölf Milliarden Euro als wertvollstes europäisches junges Rüstungsunternehmen und wirbt mit europäischen Geldgebern. Am bekanntesten ist Prima Materia, das Investmentvehikel von Spotify-Gründer Daniel Ek – der dafür einige Kritik einstecken muss.
Viel größer ist die Debatte aber um einen Investor von Stark: Peter Thiel, der US-Milliardär, der als libertär und einflussreicher Kopf der MAGA-Bewegung hinter US-Präsident Donald Trump gilt. Er stieg in einer frühen Finanzierungsrunde ein. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat mehrfach die Angaben des Unternehmens bestätigt, dass Thiels Anteil im einstelligen Prozentbereich liegt und er deshalb über keinerlei Kontroll- oder Informationsrechte verfüge. Pistorius spricht zwar selbst von einem Störgefühl, sieht aber keinerlei Hinderungsgrund für die Vergabe. Teile der Grünen hatten dagegen gefordert, kein Unternehmen mit Thiels Beteiligung zu beauftragen. Auch die Beteiligungsgesellschaft von Moritz Döpfner, Sohn des Axel-Springer-Chefs, befindet sich unter den Investoren.
Wie geht es weiter?
Nachdem die Mittel bereitgestellt sind, werden an diesem Donnerstag die Verträge unterschrieben. Die Liefer- und Zahlungsziele sind mit den jeweiligen Unternehmen geregelt. Zuständig ist das Beschaffungsamt der Bundeswehr, kurz BAAINBw, in Koblenz. Anschließend steht noch die technische Qualifizierung für die Drohnensysteme an. Wie das Bundesverteidigungsministerium mitteilte, enthalten die Verträge sogenannte Abbruchmeilensteine, die einen einseitigen Abbruch der Auftraggebers enthalten, falls die erforderlichen Qualitätsnachweise nicht erbracht werden. Außerdem verpflichten Innovationsklauseln die Hersteller dazu, die Waffen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Damit trage man den kurzen Innovationszyklen bei Künstlicher Intelligenz und (Teil-)Autonomen Systemen Rechnung.
Und was ist mit Rheinmetall?
Deutschlands größter Rüstungskonzern geht zunächst leer aus. Zwar hatte man nachträglich noch den Hut in den Ring geworfen, tauchte bei Tests aber nicht auf. Vor wenigen Tagen gaben die Düsseldorfer nun bekannt, ihr Drohnensystem FV-014 einem potentiellen NATO-Kunden vorgeführt zu haben. Für einen Auftrag hat das nicht gereicht. Dennoch dürfte Rheinmetall zuversichtlich sein, in den kommenden Monaten in den Kreis der Lieferanten aufzurücken. Zum einen hat man als ein führender Munitionshersteller Kernkompetenz auf dem Gebiet. Zum anderen beherrscht der Konzern Großproduktion. In Neuss wird gerade eine Autofabrik auf Rüstungsgüter umgestellt. Hier könnten auch Kampfdrohnen gebaut werden.