Militärübung SparteX: Hier wird jener Krieg im All geprobt

Die Luft ist stickig im Großraumbüro des französischen Weltraumkommandos. Wie auf einer LAN-Party sitzen Frauen und Männer dicht an dicht und starren auf ihre Bildschirme. Ihre Aufgaben sind klar verteilt. Noch bis Freitag nehmen sie an einer Militärübung teil, die künftige genauso wie schon existierende Bedrohungen im und aus dem Weltraum simuliert. Das Aktionsspek­trum reicht von der Observation feindlicher Satelliten bis zur Orbitalkriegführung. Das Ziel: wehrfähig werden angesichts von Gefahren, die man vor nicht allzu langer Zeit noch als Science-Fiction verbucht hat.

Knapp drei Wochen dauert die vormals AsterX und neuerdings SparteX (Space Readiness and Training eXercice) genannte Übung, die seit 2021 jährlich stattfindet. Austragungsort ist ein Luftwaffenstützpunkt im Südosten von Toulouse, wo das Raumfahrtkommando der französischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte jüngst in einem massiven Neubau Quartier bezogen hat.

Vom Umfang her ist SparteX bislang einzigartig in Europa. Rund 200 Militärangehörige und Zivilisten nehmen dieses Jahr daran teil. Neben Franzosen sind das Vertreter aus zwölf Partnerstaaten wie Deutschland, Japan und den USA; zudem gibt es 20 Beobachterstaaten. Auf diese Weise soll nicht nur die Interoperabilität der französischen Kommandostrukturen, sondern auch die länderübergreifende Zusammenarbeit gestärkt werden.

Gezielte Störung

Etwa 4000 Weltraumobjekte und 29 bodengestützte Sensoren zur Überwachung und Verfolgung von Objekten sind in die Simulation integriert. Der komplexen Realität will man so nahe wie möglich kommen – in der Bedrohungen längst keine Science-Fiction mehr sind, sondern stetig zunehmen.

„Der Weltraum ist ein Ort des Konflikts“, betonte der französische General Vincent Chusseau bei einem Besuch von Pressevertretern. Dabei sei das All von strategischer Bedeutung und die moderne Gesellschaft stark abhängig von weltraumgestützten Systemen. Chusseau hob hervor, dass sich die Zahl der Satelliten im Orbit innerhalb von nur sechs Jahren von rund 2500 auf 13.000 vervielfacht habe. Etwa 60 Prozent der Steigerung gehen auf das Konto von Elon Musks Kommunikationskon-stellation Starlink.

Es gebe hier „nichts, was komplett an den Haaren herbeigezogen ist“, sagt ein in Toulouse anwesender Oberleutnant der Bundeswehr, die auch schon in den vergangenen Jahren an den Übungen teilgenommen hat. Man sei damit „sehr nah“ an der Realität. Im Katalog der längst alltäglichen „Handlungen“ befinde sich etwa die Störung von Satellitensignalen zur Positionsbestimmung und Navigation.

Auch die gezielte Störung optischer Satellitensysteme durch Laserblendung falle darunter. Und neben den USA hätten auch Russland und China schon erfolgreich Raketen mit ballistischer Flugphase getestet, mit denen sie Satelliten und andere Ziele im Orbit angreifen könnten. Entsprechend wichtig ist die Signalwirkung dieser multinationalen Übung, macht der Oberleutnant deutlich. „Wir zeigen hier, dass wir gemeinsam stark sind“, sagt er.

Keine Illusionen mehr

In Deutschland, wo die Raumfahrt jahrzehntelang einen geringeren Stellenwert hatte als in Frankreich, werden diese längst alltäglichen Bedrohungen mehr und mehr verstanden. Seit 2021 verfügt auch die Bundeswehr über ein Weltraumkommando. Es sitzt in Uedem am Niederrhein und zählt derzeit 200 Mitarbeiter. Bis 2029 sollen es 350 sein.

„Russland stellte in den vergangenen Jahren mehrfach Weltraumkriegsfähigkeiten unter Beweis“, hieß es in der im November veröffentlichten ersten Weltraumsicherheitsstrategie der Bundesregierung. Seit Beginn des Ukrainekriegs störe Russland regelmäßig Satellitensignale und beeinträchtige damit unter anderem auch den zivilen Flugverkehr in der EU. Und auch China verfüge über ein „rasant wachsendes Raumfahrtprogramm“ und investiere „erheblich in Entwicklung und Ausbau seiner Weltraumfähigkeiten“.

In Fachkreisen gibt man sich keinen Illusionen mehr hin. „Der Weltraum wird zur Kampfzone“, sagte unlängst der Supreme Allied Commander Transformation der NATO, Admiral Pierre Vandier, im Interview mit der F.A.Z. Es gebe heute Länder, die in der Lage seien, Weltraummanöver zur Einschüchterung durchzuführen und Satelliten nicht nur zu stören, sondern sogar anzugreifen. Auch entstünden Orbitalwaffen, die es ermöglichten, dort oben zu kämpfen. „Deshalb hängt die europäische Souveränität von morgen von der Fähigkeit ab, sich in diese Schlacht zu begeben“, betonte Vandier.

„Jeder Satellit der Bundeswehr hat mittlerweile einen russischen Begleiter, der ihn umkreist, inspiziert und beäugt“, mahnte auch der Airbus-Rüstungschef Michael Schöllhorn im „Handelsblatt“. Der Inspekteur der Luftwaffe spreche hierbei von „Dogfights in Space“, also Manövern, die man bislang nur von Kampfflugzeugen auf der Erde kennt.

„Die Dynamik ist in Gang gesetzt“

Dass die USA auch unter Präsident Donald Trump an SparteX teilnehmen, wertet man aufseiten der französischen Streitkräfte als Zeichen für die gemeinsamen Interessen. „Die Beziehungen sind gut“, sagte General Chusseau. Zweifel an der Bündnistreue der USA ließ er nicht aufkommen. Gerade bei der Weltraumsicherheit steht für die Europäer viel auf dem Spiel. Beim Zugang zum All mögen sie mit den Trägerraketen Ariane 6 und Vega-C souverän sein. Gleiches gilt dank Galileo für die Navigation.

Es gilt auch weitgehend für die militärische Aufklärung und Kommunikation, wo Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien jeweils einige eigene Satelliten betreiben, die sie im Govsatcom-Programm der EU zudem nun in Teilen poolen. Doch die USA betreiben ein Vielfaches an Militärsatelliten; für die Erstellung globaler Lagebilder kann man schwer auf sie verzichten. Und bei der Frühentdeckung ballistischer Raketenstarts sind die Europäer vollends von amerikanischen Diensten abhängig.

„Die Dynamik ist in Gang gesetzt“, sagte Chusseau mit Blick auf das Bemühen in Europa, nun deutlich mehr in die Weltraumsicherheit zu investieren. Das gelte nicht zuletzt für Deutschland, das derzeit allerdings auch nicht die gleichen Kapazitäten habe wie Frankreich, betonte der General. Für Industrievertreter, die ebenso wie Institutionen wie die französische Weltraumbehörde CNES in die Übung in Toulouse eingebunden sind, ist diese somit Testlabor und Vitrine zugleich.

Neben MBDA, Safran Data System und Thales Alenia Space ist unter anderem ArianeGroup mit seinem Weltraumüberwachungsdienst Helix bei SparteX dabei. Frankreich nutzt diesen kommerziell entwickelten Dienst schon seit 2017, mit der Bundeswehr laufen Gespräche. Helix ermöglicht mit seinen aktuell knapp 45 Teleskopen unter anderem die Katalogisierung von Objekten im All. Denn wer glaubt, dass Chinesen, Russen, aber auch Amerikaner über alles, was sie in wachsendem Maße in den Orbit befördern, transparent kommunizieren, irrt.