Milei-Konferenz in Sachsen: Wer steckt hinter jener rechtslibertären Bewegung?

Von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert, veranstaltete das „Milei-Institut für Deregulierung in Europa“ jüngst eine Konferenz in Sachsen. Welche Organisationen stecken dahinter? Welche Ideologie vertreten die Akteure? Und wie gefährlich ist die Entwicklung? Der Soziologe und Publizist Andreas Kemper beschäftigt sich seit Jahren mit antidemokratischen Netzwerken und autoritären Ideologien. Mit dem Freitag sprach er über Hintergründe, Vernetzungsbestrebungen und mögliche Gegenstrategien.

der Freitag: Herr Kemper, Mitte März lud das Milei-Institut in Schkeuditz zur ersten Konferenz. Die Liste an Rednern vereinte Ex-FDP-ler, frühere AfD-Mitglieder, Personen aus neoliberalen Stiftungen und rechtslibertäre Influencer. Was für Leute sind das, die dort zusammengekommen sind?

Andreas Kemper: Im Großen sind es drei Organisationen, die sich im Ende 2025 gegründeten Milei-Institut zusammengetan haben. Erstens die Hayek-Gesellschaft aus Berlin, in deren Vorstand Carlos Gebauer sitzt; Gebauer ist jetzt auch Vorsitzender des Milei-Instituts. Dann das Mises-Institut, das früher in München saß. Aus den Räumlichkeiten wurde es nach dem Tod des Milliardärs August von Finck von dessen Erben herausgeschmissen. Heute sitzt das Institut in der bayerischen Provinz. Und zuletzt das Team Freiheit, das Frauke Petry, Joana Cotar und Thomas Kemmerich angeschoben haben.

Wie kommt es, dass das Milei-Institut gerade jetzt ins Leben gerufen wurde?

Zum einen ist da natürlich der Faktor Javier Milei, der in den Kreisen eine Art Shootingstar ist. Milei ist der erste Präsident, der sich selbst als Anarchokapitalisten bezeichnet, auch wenn er in der Praxis nicht die reine Lehre vertritt. Hinzu kommt, dass das neugegründete Team Freiheit sich vernetzen möchte. Und drittens geht es immer auch um Finanzierung. Gebauer hat gesagt, das Milei-Institut nehme laut Satzung keine Gelder an. Dann stellt sich für mich allerdings die Frage, wie solche Konferenzen wie die in Schkeuditz finanziert werden.

Sie nennen die hinter dem Milei-Institut stehende Ideologie nicht Libertarismus, sondern „Proprietarismus“. Was für eine Agenda verfolgen die Akteure?

Ihnen geht es um das Primat des Privateigentums. Das soll keinerlei Schranken ausgesetzt sein und nicht mit Verpflichtungen einhergehen. Ziel ist ein Durchmarsch des Kapitals. Die Akteure selbst nennen sich libertär oder anarchokapitalistisch. Ich finde das falsch. Libertär kommt von Libertas, also Freiheit. Wenn gefordert wird, den Sozialstaat komplett abzuschaffen, Arbeitnehmerrechte zu stutzen und gewerkschaftliche Gegenwehr zu erschweren, dann bedeutet das, dass Reiche noch reicher und die meisten Menschen unter noch prekäreren Bedingungen noch mehr arbeiten müssen. Das ist das Gegenteil von Freiheit. Wir sollten uns den Begriff libertär nicht nehmen lassen.

Ist das Weltbild der Akteure anti-demokratisch und autoritär?

Ein Beispiel: Hans-Hermann Hoppe, ein Vordenker der Ideologien, hat das Buch Demokratie. Der Gott, der keiner ist, veröffentlicht. Darin schreibt er, Demokratie sei ein Fehler. Denjenigen, die von staatlichen Leistungen leben, soll nach Markus Krall, einem weiteren Akteur der Szene, das Wahlrecht entzogen werden. Menschen, die über kein Vermögen verfügen, sollen nicht mitreden dürfen.

Wir sollten uns den Begriff libertär (Freiheit) nicht nehmen lassen

Obwohl sich das Milei-Institut auf den argentinischen Präsidenten bezieht, war dieser Mitte März nicht in Sachsen, sondern in Madrid. Dort bekam er den Mises-Gedächtnispreis verliehen. Wieso?

Argentinien und Spanien sind natürlich allein wegen der gemeinsamen Sprachen eng verbunden. Auch ist die Szene in Spanien größer als in Deutschland. Auf der Konferenz, in deren Rahmen Milei den Preis verliehen bekam, waren mehrere tausend Zuschauer. So groß ist die Szene in Deutschland noch nicht. In Madrid zentral sind die Ökonomen Philipp Bagus und Jesús Huerta de Soto, die beide an der Universität Rey Juan Carlos arbeiten.

Beide sind auch für die Vernetzung zwischen Deutschland und Argentinien wichtig. Bagus sitzt im wissenschaftlichen Beirat des Mises-Instituts und gehört zu den Gründern des Milei-Instituts. Huerta de Soto kommt aus einer reichen Familie und hat seine eigene Stiftung gegründet. Die wird jetzt auch vom deutschen Tech-Milliardär Alexander Tamas gefördert, dem Bruder von Joana Cotar von Team Freiheit. Beide sitzen in einer achtköpfigen Jury, die mehrere hoch dotierte Preise vergibt.

Entsteht hier gerade eine neue Bewegung, die ernst genommen werden muss?

Zunächst mal: Das ist keine Graswurzelbewegung. Statt von unten wird hier mit viel Geld von oben und auch mit entsprechender Medienmacht künstlich etwas erschaffen. Trotzdem müssen wir das natürlich ernst nehmen, gerade weil viel Geld und Profis dahinterstehen. Petry war jahrelang AfD-Vorsitzende, Cotar saß im Bundestag, Kemmerich war kurzzeitig Ministerpräsident.

Diese Leute haben Erfahrung, können sich ausdrücken und mit Medien umgehen. Im Hintergrund stehen äußerst mächtige Personen, so der bereits erwähnte Tamas. Tamas spielte bei Elon Musks Kauf von Twitter eine wichtige Rolle. Mittlerweile hat X eine eigene KI. Das ist relevant, da dir heute künstliche Intelligenz die Welt erklärt und immer weniger Wikipedia.

Bei der Milei-Konferenz kamen vor allem überzeugte Kader zusammen. Glauben Sie, dass die dort propagierten Ideologien in Zukunft auch darüber hinaus Unterstützer gewinnen können?

Das will ich nicht ausschließen. Wenn das in Argentinien funktioniert hat, warum nicht auch in Deutschland? Wenn es Menschen schlechter geht, spielt das rechten Ideologen in die Karten. Immer mehr Leute haben heute das Gefühl, sie könnten ohnehin nichts ändern und nichts dagegen unternehmen, dass die Reichen immer reicher und die Armen ärmer werden. Das macht anfällig für rassistische oder sexistische Narrative. Darauf zielt diese ultrakapitalistische Ideologie: Jeder ist sich selbst der Nächste, Gerechtigkeit wird eine Absage erteilt. Es geht nur noch darum, dass ich besser dastehe als andere.

Wenn es Menschen schlechter geht, spielt das rechten Ideologen in die Karten

Wie könnten erfolgversprechende Gegenstrategien aussehen?

Ein Weg ist es, die Hintergründe öffentlich zu machen. Ich glaube, die Akteure wollen nicht, dass an die Öffentlichkeit gerät, wer in der Szene welche Rolle spielt. Beispiel Tamas: Hätte nicht ein AfD-Konkurrent von Cotar damals die Info an die Medien weitergegeben, wüssten wir wohl bis heute nicht, dass Tamas ihr Bruder ist.

Es kann also dazu beigetragen werden, dass sich die Rechten untereinander zerstreiten. Ein Vertreter der völkischen Rechten wie Björn Höcke hetzt gegen solche Milliardäre im Hintergrund, die Elite. Bei ihm entspringt das einem antisemitischen Weltbild. Das heißt allerdings nicht, dass es nicht tatsächlich Multimilliardäre gibt, die sich zu unserem Nachteil verschwören: Leute wie Musk und Tamas.

Was kann man gegen solche Akteure unternehmen?

Es muss aufgezeigt werden, wer hinter solchen Netzwerken steht. Woher kommt das Geld? Was haben die vor? Hat das wirklich etwas mit Freiheit zu tun? Und wir müssen uns darüber Gedanken machen, was Antifaschismus heute bedeutet. Natürlich ist es richtig, Leute wie Höcke und ihren krassen Rassismus zu bekämpfen.

Aber es gibt auch einen Klerikalfaschismus, der sich gerade wieder neu formiert. In den USA sind das Evangelikale oder rechte Katholiken wie J. D. Vance oder Pete Hegseth. Und auch der Ultrakapitalismus ist extrem gefährlich. Da könnte eine neue Form von Autoritarismus entstehen, nur eben mit Privatarmeen und mit ferngesteuerten Drohnen statt Elitesoldaten, also privatwirtschaftlich organisiert.