Milan Nedeljković: Ein Stratege z. Hd. die BMW-Spitze

Mitten in die ungarische Puszta hat BMW für rund zwei Milliarden Euro eine riesige Fabrik gebaut. Seit wenigen Wochen laufen die ersten vollelektrischen Modelle der sogenannten Neuen Klasse vom Band. Das 32. Automobilwerk ist das modernste im globalen Produktionsnetzwerk des BMW-Konzerns – und es ist das Meisterstück von Produktionsvorstand Milan Nedeljković.

Die neue Fabrik für das wichtigste Projekt des Konzerns wurde pünktlich fertiggestellt, auch der Produktionsanlauf des BMW iX3 gelang ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Sollte es noch irgendwelche Zweifel an den Managementfähigkeiten des 56 Jahre alten promovierten Ingenieurs gegeben haben, galten sie hiermit ausgeräumt.

Nedeljković gehört seit sechs Jahren dem Vorstand an und er galt früh als einer der potentiellen Nachfolger für den Vorstandsvorsitzenden Oliver Zipse. Laut den BMW-Statuten soll für Vorstandschef mit 60 Jahren Schluss sein und der Vertrag des 61 Jahre alten Zipse war schon bis zum kommenden Sommer verlängert worden.

Ein typisches BMW-Eigengewächs

Am Dienstag ernannte der Aufsichtsrat nun Nedeljković zum neuen BMW-Chef. Nach der Hauptversammlung im Mai wird er Zipse nachfolgen. Das Kontrollgremium traf damit eine Entscheidung, die ganz der Tradition des 1916 gegründeten Unternehmens entspricht, in dem nichts gegen den Willen der Eigentümerfamilien Quandt und Klatten läuft. Und so unterschiedlich der energisch auftretende Zipse und der nachdenkliche und empathische Nedeljković in ihrem Naturell auch sein mögen, sie sind beide in der BMW-Kultur groß geworden.

Wie Zipse ist auch Nedeljković ein typisches Eigengewächs. Der gebürtige Serbe kam nach der Promotion an der TU München als Trainee ins Münchner BMW-Werk, übernahm Führungsaufgaben in den Werken München, Regensburg und Oxford und leitete dann das Werk in Leipzig. Dass er seine Karriere im Produktionsressort machte, empfahl ihn früh zu Höherem. Als er 2019 schließlich Produktionsvorstand wurde, galt er sogleich als Kronprinz. Denn dieser Posten ist bei BMW seit jeher das Sprungbrett ins höchste Amt. Joachim Milberg, Norbert Reithofer, Harald Krüger und Oliver Zipse – vier der letzten fünf Vorstandsvorsitzenden im vergangenen Vierteljahrhundert verdienten sich allesamt hier ihre Sporen für den Schritt nach ganz oben. Personalchefin Ilka Horstmeier und Entwicklungsvorstand Joachim Post wurden seit Jahren ebenfalls gute Aussichten auf die Zipse-Nachfolge eingeräumt. Allerdings waren sie nie verantwortlich für das Schlüsselressort.

Auf Nedeljković warten nun Herausforderungen, die größer sind als jene, die Vorgänger Zipse bei seinem Amtsantritt 2019 vorfand. Zwar gab es damals auch schon die wachsende Konkurrenz neuer Autobauer aus China. Dann aber musste Zipse erst die Covid-Pandemie bewältigen, dann kam es zum russischen Überfall auf die Ukraine. Die globalen Krisen verursachten jedes Mal Stress in der Fabriken. Ob Lieferengpässe bei Chips aus China oder Kabelbäumen aus der Ukraine, jedes Mal konnte sich Zipse auf seinen Produktionsvorstand verlassen.

Einer der zuhört und im Team führt

Nedeljković wird den weiß-blauen Autokonzern nun durch noch unruhigere Zeiten mit globalen Spannungen, Zollkonflikten und Chip- und Rohstoffknappheiten steuern müssen, in denen alte Gewissheiten nicht mehr zählen. Und über allem steht die Transformation der Branche, die sich mitten auf dem Elektropfad befindet, von dem heute niemand weiß, wie zielführend er ist.

Im BMW-Stammsitz am Petuelring, dem sogenannten Vierzylinder, gibt es viel Lob für Nedeljković – und doch auch leise Zweifel. Wer sich in der Vergangenheit unter BMW-Managern umgehört hat, erfuhr stets, wie beliebt Nedeljković bei den Mitarbeitern ist. Einer der zuhört, der im Team führt und mit dem man auch in der Freizeit noch gern ein Bier trinken würde – zum Beispiel beim Basketball, eine Sportart die der hoch aufgeschossene Serbe so gern verfolgt.

Oliver Zipse
Oliver ZipseAFP

Nedeljković ist so gesehen einerseits der Gegenentwurf zu dem unnahbaren Zipse, der knallhart sein konnte und von dem selbst langjährige Weggefährten nicht genau zu sagen vermochten, womit er sich in seiner raren Freizeit am liebsten beschäftigt. Andererseits: Ist BMW unter Zipses Führung nicht viel besser durch all jene Krisen gekommen als etwa die Konkurrenten aus Stuttgart und Wolfsburg? Bräuchte es nicht also weiter Führung der „harten Hand“, gerade in schwierigen Zeiten?

Von den beiden Großaktionären, Susanne Klatten und Stefan Quandt ist bekannt, dass sie den menschlichen Faktor in der Personalauswahl hoch gewichten. Allerdings haben sie mit dem so sympathischen Vorstandschef Harald Krüger vor einigen Jahren erlebt, dass Führung mit allzu langer Leine mehr Probleme schafft als löst. Aber nach allem, was man über Nedeljković hört, steht er bei den Führungsprinzipien seinem Vorgänger Zipse dann doch näher als dessen Vorgänger Krüger.

In Ungarn hatte Nedeljković Mitte September bei einem Werksrundgang vor Journalisten gesagt, dass die erste reine Elektroautofabrik von BMW in jeder Hinsicht neue Maßstäbe setzen solle. Bei aller Kritik an Viktor Orbán und seiner europafeindlichen Regierung verteidigte er die Standortentscheidung: BMW habe für das geplante Wachstum ein weiteres Werk in Europa gebraucht. „Die Produktion folgt dem Markt, und unsere Strategie ist es, in schwierigen Zeiten auch geopolitisch resilient zu sein.“ Dass Orbán die Demokratie im eigenen Land seit Jahren schleift? „Politische Strömungen in einzelnen Ländern kommen und gehen“, sagte Nedeljković, „wir bauen ein neues Werk nicht nur für einen oder zwei Lebenszyklen.“

Er antwortete auf Unangenehmes so diplomatisch, wie man es von einem Vorstandsvorsitzenden erwarten durfte. Zipses Antwort hätte gewiss nicht anders geklungen.