Mexikos Kartelle: Kriminelle Mischkonzerne
Kriminelle Organisationen kontrollieren heute direkt oder indirekt bis zu einem Drittel des mexikanischen Territoriums. Die Kartelle agieren längst nicht mehr nur als Rauschgiftschmuggler. Sie operieren wie aufständische Akteure mit territorialem Anspruch, unternehmerischer Organisation und einer militärischen Schlagkraft, die vielerorts jene der kommunalen Sicherheitskräfte übertrifft.
Mosaik mit zwei Giganten
Die heutige Kartell-Landschaft wird von zwei dominanten Syndikaten geprägt, dem Sinaloa-Kartell und dem Jalisco-Kartell der Neuen Generation (CJNG), dessen Mitbegründer und Anführer Nemesio „El Mencho“ Oseguera am Sonntag bei einer Militäroperation getötet wurde.
Das Sinaloa-Kartell gilt als älteste und international erfahrenste Organisation im globalen Drogenhandel. Es ist weniger hierarchisch organisiert, sondern ein Netzwerk aus Clans, regionalen Fraktionen und Geschäftspartnern.
Nach der Festnahme und Auslieferung des früheren Anführers Joaquín „El Chapo“ Guzmán im Jahr 2016 hat sich das Kartell gespalten. Heute ringen seine Söhne, die „Chapitos“, mit der „Mayiza“, dem Lager des langjährigen Mitgründers Ismael „El Mayo“ Zambada, um Einfluss. Zambada selbst galt über Jahrzehnte als unantastbar, bis er 2024 unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen in den Vereinigten Staaten verhaftet wurde.

Verbindungen in rund 40 Staaten
Das CJNG funktioniert wie eine Franchise mit Ablegern in verschiedenen Regionen. Es kontrolliert strategische Korridore von der Pazifik- bis zur Golfküste und hat sich durch demonstrative Brutalität profiliert. Seine militärische Ausstattung reicht von Panzerwagen über paramilitärische Einheiten mit Kriegswaffen bis zu improvisierten Drohnenbomben.
Berichten zufolge rekrutiert das Kartell gezielt Veteranen, unter ihnen kolumbianische Kämpfer mit Ukraine-Erfahrung im Drohneneinsatz. Wirtschaftlich ist das CJNG längst global vernetzt und unterhält Verbindungen in rund 40 Länder.
Daneben existiert ein Geflecht regionaler Akteure, darunter das Golf-Kartell, das Nordost-Kartell, das Juárez-Kartell sowie Überreste des Kartells „Los Zetas“. Sie kontrollieren lokale Umschlagplätze, agieren als Subunternehmer oder führen blutige Territorialkriege. Das Ergebnis ist ein Mosaik aus Bündnissen, Rivalitäten und opportunistischen Allianzen.
Vom Schmuggel zur Paramilitarisierung
Die Ursprünge der Kartelle reichen bis in die Zeit der US-Prohibition zurück, als mexikanische Schmuggler Alkohol in den Norden lieferten. Ein oft vergessenes Kapitel ist das Jahr 1940, als Präsident Lázaro Cárdenas kurzfristig alle Rauschgifte legalisierte, um den Schwarzmarkt auszutrocknen. Das Experiment endete nach fünf Monaten unter massivem Druck aus Washington.
Die moderne Phase begann in den Achtzigerjahren mit Miguel Ángel Félix Gallardo, dem „Padrino“. Mit dem Guadalajara-Kartell zentralisierte er den Schmuggel von Marihuana und Kokain. Nach seiner Verhaftung 1989 wurde das Territorium bei einem Treffen in Acapulco unter regionalen Anführern aufgeteilt. Das war die Geburtsstunde der späteren Kartelle von Tijuana, Juárez und Sinaloa.
In den Neunzigerjahren, nach dem Zerfall der kolumbianischen Kartelle von Medellín und Cali, stiegen mexikanische Gruppen zu den dominierenden Akteuren des Kokainhandels in die USA auf. Der Aufstieg der „Zetas“, gegründet von desertierten Elitesoldaten, markierte eine Zäsur. Militärische Taktiken, öffentliche Enthauptungen und systematische Einschüchterung wurden zu festen Bestandteilen des Repertoires.
Die Ökonomie des Todes
Heute sind die Kartelle längst kriminelle Mischkonzerne. Der Drogenhandel bleibt ihr Kerngeschäft, doch er hat sich strukturell verändert. Während Kokain und Marihuana früher dominierten, bestimmen heute synthetische Drogen wie Fentanyl und Methamphetamin den Markt.
Die ökonomische Logik ist simpel. Eine Fentanylpille kostet in der Herstellung rund zehn Cent, verkauft wird sie in den Vereinigten Staaten für fünf bis 25 Dollar. Kleine Labore ersetzen Plantagen, Produktionsketten verkürzen sich, was das Geschäft lukrativer macht. Die jährlichen Gewinne der Kartelle aus dem Drogenhandel liegen im zweistelligen Milliardenbereich. Das Geld wird zunehmend über Kryptowährungen oder chinesische Finanznetzwerke gewaschen.
Hinzu kommen Einnahmen aus anderen „Geschäftszweigen“. Zu diesem zählen der Treibstoffdiebstahl aus Pipelines, Menschenschmuggel, illegalem Bergbau sowie Schutzgelderpressung, etwa in der Avocado- und Limettenproduktion. 2023 arbeiteten schätzungsweise 175.000 Personen direkt für mexikanische Kartelle. Das Schattenreich ist damit ein relevanter Arbeitgeber.
Der unterwanderte Staat
Korruption ist kein Nebeneffekt, sondern bildet die Basis dieses Systems. Beamte und Politiker stehen vielerorts vor der Wahl zwischen Bestechung oder Tod. Die Ermordung des Bürgermeisters von Uruapan, Carlos Alberto Manzo, im vergangenen November ist ein Beispiel. Manzo hatte sich offen gegen das organisierte Verbrechen positioniert und war als Kritiker der bestehenden Sicherheitsstrategie bekannt. Ermittler vermuten einen Vergeltungsschlag des CJNG, nachdem er die Festnahme eines lokalen Anführers veranlasst hatte. Unter den Verdächtigen befinden sich auch ehemalige Lokalpolitiker und Beamte.

Der Einfluss reicht bis auf Bundesebene. Der frühere Sicherheitsminister Genaro García Luna wurde in den Vereinigten Staaten wegen Bestechlichkeit zugunsten des Sinaloa-Kartells zu einer jahrzehntelangen Haftstrafe verurteilt. Und Mexikos heutiger Sicherheitsminister Omar García Harfuch überlebte 2020 als Sicherheitschef von Mexiko-Stadt einen Mordanschlag des CJNG.
In vielen Regionen herrscht eine informelle „Pax Mafiosa“. Behörden tolerieren kriminelle Aktivitäten im Austausch für relative Ruhe. Kartelle treiben selbst „Steuern“ ein, schlichten Konflikte oder ersetzen staatliche Institutionen. Die Straflosigkeit in Mexiko liegt bei 90 bis 95 Prozent. Das macht das Risiko kalkulierbar.
Narcos als Mythos
Die Macht der Kartelle speist sich nicht nur aus Waffen und Geld, sondern auch aus kultureller Projektion. Mexikanische Balladen, „Narco-Corridos“, stilisieren Bosse zu Heldenfiguren. Besungen wurden „El Mencho“ ebenso wie „El Chapo“, der 2015 durch einen 1,5 Kilometer langen, belüfteten Tunnel aus einem Hochsicherheitsgefängnis floh, heute jedoch in den USA eine lebenslange Haftstrafe verbüßt.

Zugleich betreiben die Kartelle eine kalkulierte Wohltätigkeit, indem sie etwa Lebensmittel verteilen oder Infrastrukturprojekte finanzieren. Das Tempelritter-Kartell trieb seinerzeit die Selbstinszenierung auf die Spitze und kombinierte organisierte Kriminalität mit pseudoreligiösen Ritualen.
Die lange Blutspur
Die Kartelle gehen mit äußerster Härte vor. Seit 2006 wurden schätzungsweise 350.000 bis 400.000 Menschen getötet, zwischen 60.000 und 100.000 gelten als verschwunden. Unter den Opfern sind viele Unschuldige. Immer wieder werden in Mexiko Massengräber entdeckt. In Jalisco stießen Ermittler zuletzt auf Trainings- und Vernichtungslager des CJNG mit improvisierten Krematorien. Weil staatliche Stellen bei der Aufklärung der Vermisstenfälle häufig versagten, schlossen sich Angehörige in der Vergangenheit zu Suchgruppen zusammen und begannen selbst nach den Überresten ihrer Kinder zu suchen.
Auch für Journalisten gehört Mexiko zu den gefährlichsten Ländern weltweit. Zeitweise wurde im Schnitt jede Woche ein Medienvertreter getötet. Vor Wahlen häufen sich jeweils Anschläge auf Lokalpolitiker. Die Wahlen 2018 waren mit mehr als 130 ermordeten Kandidaten und Politikern die blutigsten der Landesgeschichte.
Auch der wirtschaftliche Schaden durch Kartellgewalt ist enorm. 2024 belief er sich schätzungsweise auf rund 245 Milliarden Dollar, etwa 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Unsicherheit bremst das Wachstum jährlich um mindestens ein Prozent, während Militär- und Sicherheitsausgaben steigen.
Privatunternehmen leiden unter Schutzgelderpressung, Überfällen auf Lastwagentransporte und Entführungen. Überdies sorgt die Einstufung von Kartellen als Terrororganisationen für Verunsicherung. In einer Wirtschaft, die ebenso unterwandert ist wie die Politik, wächst das Risiko, unbewusst oder indirekt in Geschäftsbeziehungen mit kriminellen Strukturen zu geraten.
Militarisierung ohne Durchbruch
Ein wirksames Gegenmodell hat bislang keine Regierung gefunden. Felipe Calderón begann 2006 den militarisierten Krieg gegen die Kartelle und setzte auf die „Kingpin-Strategie“. Führungsfiguren wurden verhaftet oder getötet, doch die Organisationen zerfielen in noch aggressivere Gruppen. Auch das CJNG entstand übrigens in diesem Vakuum.
Der Nachfolger Enrique Peña Nieto vermied die offene Konfrontation. Eine Präsidentschaft später versprach Andrés Manuel López Obrador „abrazos, no balazos“, Umarmungen statt Kugeln. Gleichzeitig weitete er jedoch die Rolle des Militärs aus und schuf die Nationalgarde. Eine nachhaltige Verbesserung der Sicherheitslage blieb aus.
Seit 2024 setzt die Präsidentin Claudia Sheinbaum stärker auf Geheimdienstarbeit und gezielte Operationen. Gleichzeitig muss sie mit einem amerikanischen Präsidenten umgehen, dessen Sicherheitsagenda nicht an der Grenze endet. Der Druck von außen wächst, während das Schattenreich im Inneren fortbesteht.
Source: faz.net