#MeToo-Debatte in dieser Techno-Szene: Festivals laden DJs aus
Ein Insider wirft mehreren Hardtechno-DJs sexuellen Missbrauch vor. Obwohl wenig konkret, haben die Vorwürfe in der Szene ein Beben ausgelöst, werden DJs aus Festival-Lineups gestrichen. Alle sprechen über sexuelle Gewalt. Ein #MeToo-Moment der Techno-Szene?
Ihre Szene fühle sich gerade an „wie Trash TV auf Social Media“, sagt Kim Swim. Wie alle Techno-Fans hat auch die Berliner DJ in den letzten Tagen viel Zeit auf Instagram verbracht. Denn dort erhebt ein Ex-Mitarbeiter einer französischen DJ Agentur diffuse Anschuldigungen gegen mehrere Hardtechno-DJs. Die Vorwürfe sind größtenteils wenig spezifisch, schlecht zuzuordnen und nicht überprüfbar.
Sie drehen sich um das Thema „sexuelle Gewalt“, finden sich auf dem Instagram-Account von „bradnolimit“. Immer wieder veröffentlicht Brad Screenshots mutmaßlich betroffener Frauen, die ihm mutmaßliche Erfahrungen schildern. Auf eine Anfrage, ob er seine Anschuldigungen konkreter machen kann, und ob es Frauen gibt, zu denen er Kontakt herstellen könnte, antwortet er nicht.
Die Folgen der Gerüchte sind groß: „Das hat so schnell Wellen geschlagen, das habe ich noch nie erlebt, und ich bin jetzt schon seit acht Jahren dabei“, sagt Kim Swim. Im Zentrum der Vorwürfe von „brandnolimit“ stehen Hardtechno-Künstler, die auf den Digitalplattformen mehrere Hunderttausend Follower haben.
Hardtechno boomt seit der Pandemie
Zur Entstehung der Vorwürfe schreibt „bradnolimit“, einige Mitarbeiter hätten über seinen Ausstieg bei der Agentur „Steer Management“ unwahre Behauptungen verbreitet. Denen habe er öffentlich widersprochen. Daraufhin hätten ihn zahlreiche, mutmaßlich betroffene Frauen kontaktiert.
Hardtechno ist ein Subgenre der elektronischen Musik, rasant gewachsen während der Corona-Pandemie. Die Berliner Techno-DJ Kim Swim erklärt: „Erstmal hat es in den Social-Media-Kanälen angefangen, vor allem auf TikTok.“ In kurzen Clips hatten DJs harte Techno-Beats unter bekannte Lieder gelegt. Die Internet-Accounts dieser DJs seien damals stark gewachsen.
„Deswegen gibt es auch den Begriff TikTok-DJs“, sagt Kim Swim. Vor allem in dieser Szene werden die Gerüchte von vielen Menschen auf den Digitalplattformen kommentiert. Nach Angaben von „bradnolimit“ haben seine Storys mittlerweile 36 Millionen Menschen gesehen. In der Szene tobt eine Debatte um Sexismus. Fast täglich erscheinen neue Statements.
DJs wehren sich gegen Vorwürfe
Auch beschuldigte DJs haben sich zu den Gerüchten geäußert. So erklärt der DJ Fantasm in einem Videostatement auf Instagram, gegen ihn erhobene Vorwürfe seien unwahr. „Ich habe nie etwas getan. Seit drei Jahren versuche ich, rechtlich gegen Menschen vorzugehen, die Dinge über mich behaupten“, sagt Fantasm.
Tatsächlich gebe es in der Szene Opfer sexueller Gewalt, so der DJ. Von ihnen jedoch würden „bradnolimits“ diffuse Anschuldigungen ablenken. Der französische DJs Shlømo spricht auf Instagram von einer „Verleumdungskampagne“. Seine Anwälte lassen auf Anfrage mitteilen, dass man rechtliche Schritte gegen „bradnolimit“ einleite. Dieser sei auf einer persönlichen Vendetta.
Es gebe keine kriminellen Untersuchungen gegen Shlømo und keine mutmaßlichen Opfer, die Anschuldigungen erheben würden. Gegen „bradnolimit“ werde man mit Blick auf die von ihm veröffentlichten Screenshots wegen Diffamierung und Dokumentenfälschung vorgehen.
Beschuldigte DJ-Agentur reagiert
Die von „bradnolimit“ beschuldigte DJ-Agentur „Steer Management“ reagiert auf Instagram mit einem Statement. Man werde Vorwürfe genauestens überprüfen und nehme sie sehr ernst. Alle weiteren Posts hat „Steer Management“ aktuell von seiner Instagram-Seite entfernt. Warum genau, erklärt die Agentur auf Anfrage nicht. Viele DJs haben die Agentur aus Protest bereits verlassen.
„Ich war untreu“, schreibt dagegen DJ CARV in einem öffentlichen Statement, mit dem er zugleich sein musikalisches Karriereende erklärt. Er habe intime Fotos an mehrere Frauen verschickt, obwohl er zu diesem Zeitpunkt verheiratet gewesen sei. Alles sei einvernehmlich gewesen, was es aber nicht „richtig“ mache.
Auch der Schweizer DJ Odymel äußert sich auf Instagram zu Vorwürfen sexualisierter Gewalt. Es gebe ein laufendes Verfahren zwischen ihm und einer Frau, schreibt er. Nachdem er eingeschlafen sei, habe er im Schlaf versucht, Geschlechtsverkehr mit der Frau zu beginnen, die diesen dann jedoch abgelehnt habe. Er selbst könne sich an die Situation nicht erinnern.
Unangenehme Erfahrungen im Backstage-Bereich
Generell gebe es in der Szene viele Übergriffe, schreiben weibliche DJs auf den Digitalplattformen. Darunter ist auch die Berliner Techno-DJ Kim Swim: „Natürlich gibt es Vorfälle, die man selbst auch sieht, hört oder mitbekommt.“ Als weibliche DJ habe sie sehr unangenehme Erfahrungen im Backstage-Bereich gemacht. Ähnliches berichtet auch die berühmte Techno-DJ Amelie Lens in einem Post auf Instagram, der sexistische Strukturen in der Branche kritisiert.
Auch Konzertveranstalter reagieren nun. So erklären die Anwälte von Shlømo, „einige Festivals und Clubs“ hätten ihren Klienten „aus geplanten Events gestrichen“. Das Open Beatz-Festival in Herzogenaurach, eines der größten im Elektro-Bereich, hat nach eigenen Angaben mehrere Hardtechno-Acts aus dem Line-Up gestrichen.
Kollektiv sammelt Vorwürfe aus der Szene
Das sei keine Vorverurteilung, schreiben die Verantwortlichen auf Anfragen, „sondern eine Vorsichts- und Verantwortungsentscheidung“. Betroffene hätten sich nicht direkt an das Festival gewandt. Die Hinweise seien den Verantwortlichen lediglich über die öffentliche Diskussion auf Social Media bekannt geworden.
„Für mich ist das heuchlerisch“, sagt die Berliner Techno-DJ Kim Swim über den Schritt von Veranstaltern wie dem Open Beatz-Festival. Die Promoter suchten lediglich nach dem einfachsten Weg zur Lösung der Probleme. Man meide eine Beschäftigung mit den Problemen, die Sexismus und sexuelle Übergriffe in der Techno-Szene überhaupt ermöglichten.
Kim Swim hofft, dass angesichts der Debatte auch betroffene Frauen laut werden. Auf Instagram sammelt eine Organisation namens „MeToo DJs“ Erfahrungsberichte von Übergriffen in der Techno-Szene. Auf Nachfrage erklärt das Kollektiv, fast 100 mutmaßliche Opfer aus verschiedenen Ländern hätten sich bereits gemeldet. Für alle genannten DJs gilt bis auf Weiteres die Unschuldsvermutung.
Source: tagesschau.de