Merz unter Trump: Wähle deine Schlachten weise
Wenn man mit Donald Trump redet, ist es wichtig zu wissen, wann man schweigen muss. Aber auch, wann man nicht mehr schweigen kann. Als Friedrich Merz im Oval Office neben dem amerikanischen Präsidenten sitzt, kann er lange schweigen. Er ist nicht gefragt, es geht nicht um ihn.
Der Kanzler schaut unbestimmt hinein in den mit Journalisten vollgestopften Raum. Hinter ihm der mit Gold verzierte Kamin und vor ihm auf dem Tisch ein großes Modell der neuen Airforce One. Auf dem Sofa zu seiner rechten Seite sitzen enge Mitarbeiter des Kanzlers, die konzentriert ins Nichts zu starren scheinen, während Trump redet. Nur keine Regung zeigen.
Merz knetet seine Hände, legt sie übereinander, lehnt den Oberkörper nach vorn, lächelt angestrengt und schweigt. Höchste Anspannung. In den gut 35 Minuten, in denen Journalisten im Oval Office sein dürfen, redet er keine fünf Minuten lang. Ohne Kameras und Journalisten soll das Redeverhältnis deutlich ausgeglichener sein, wird erzählt. Man muss eben auch wissen, wann man reden kann.
Eine Frage spricht Merz an
Trump selbst redet vor den Kameras vor allem über den Irankrieg. Eine Frage nach der anderen gibt ihm Gelegenheit, den amerikanischen Angriff zu loben. Er trägt Superlative über seine Munitionslager vor und bilanziert an Tag vier des Krieges, man habe die iranische Marine ausgeschaltet, die Luftwaffe und die Flugabwehr ebenso.
Merz widerspricht nicht, macht nur an einer Stelle den Punkt, der ihm wichtig ist: Man müsse auch über den Tag danach reden. Trump nickt. Der Eindruck, dass es dafür auf amerikanischer Seite keinen wirklichen Plan gibt, verfestigt sich bei dem Besuch auf deutscher Seite allerdings eher. Stattdessen will der Kanzler bald wieder mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu telefonieren, um da mal nachzufragen.
Das sagt Merz im Oval Office aber nicht. Immerhin tut auch Trump ihm bei dem Thema einen Gefallen und fragt nicht nach deutscher Unterstützung bei den Angriffen auf Iran. Hinter verschlossenen Türen erklärt der Kanzler ihm in wenigen Sätzen, wie kompliziert das wäre mit der deutschen Verfassung. Der Präsident nimmt es offenbar so hin.
Ganz im Gegensatz zu dem Verhalten der Spanier und dem Zögern der Briten bei der Nutzung von Militärbasen. Die erzürnt Trump. Als er plötzlich über Spanien herzieht, das nicht seinen Beitrag zur NATO leiste, und mit einem Abbruch der Handelsbeziehungen droht, bleibt Merz ruhig.
Auch als Trump sich über den britischen Premierminister Keir Starmer lustig macht, weil der sich bei der Unterstützung gegen Iran so angestellt habe und kein Churchill sei, sagt Merz nichts. Obwohl er sich zuletzt noch intensiv mit Starmer abgestimmt hatte, um eine gemeinsame Linie zu Iran zu finden. Als es später eine Nachfrage zu Trumps Kritik an Spanien gibt, macht Merz deutlich, dass er diese mit Blick auf die Verteidigungsausgaben teilt und man mit Madrid redet. Da ist Schweigen dann nicht mehr möglich.
Im Gegensatz zu Merkel
Merz zumindest scheint überzeugt, dass der Besuch gut gelaufen ist. Trotz oder vielmehr wegen des Schweigens. Nicht nur wegen der zugewandten Stimmung vor den Kameras, oder der netten Worte, die Trump für Merz übrig hat – bis hin zu der als Lob gemeinten Behauptung, dass Merz das ganze Gegenteil von Angela Merkel sei. Sondern auch wegen der Gespräche hinter verschlossenen Türen. Dort hat Merz, so erzählt er es später, Spanien verteidigt und auch Starmer.
Merz steht gut drei Stunden nach der Show im Oval Office in einem kahlen Konferenzraum in Washington wieder vor den Kameras, dieses Mal allein. Hinter ihm ragt der weiße Kongress aus dem winterlich grauen Washington. „Ich wollte die Diskussion da öffentlich nicht vertiefen oder vielleicht noch verschärfen“, sagt er, um sein Schweigen zu erklären. Trump habe er gesagt, dass Spanien zur EU gehöre und man nur zusammen über ein Zollabkommen verhandle. Auch dass London einen „sehr, sehr großen, sehr, sehr wertvollen Beitrag leistet“ habe er gesagt. Die Logik scheint klar: Wähle deine Schlachten weise. Besonders bei der Oval-Office-Show. Als Trump dort über Starmer schimpft, steht in seinem Rücken ausgerechnet eine Churchill-Büste.
Es ist der zweite bilaterale Besuch des Kanzlers bei Trump im Weißen Haus, zusammen mit anderen europäischen Staats- und Regierungschefs war er noch ein weiteres Mal im vergangenen August da. Merz kennt das also schon ganz gut, die langen Monologe des Präsidenten, die mal näher an der Realität sind und mal weniger.

Schon bevor es zur Show im Oval Office kommt, taucht der Kanzler am Dienstag in die Trump-Welt ein. Nachdem er vor dem Weißen Haus aus dem Auto gestiegen ist, führt der Präsident ihn zum Westflügel, vorbei an einer neuen Galerie mit stilisierten Heldenbildern. Nicht nur Trump selbst hängt da, sondern auch der chinesische Präsident Xi und der russische Präsident Putin. Sie gehen an der Ahnengalerie der Präsidenten vorbei, wo noch immer anstatt eines Bildes von Joe Biden ein Unterschriftenautomat abgebildet ist. Und dann gehen sie hinein in das Büro des Präsidenten, an dessen Zugang „Oval Office“ in golden-verschnörkelter Schrift steht, als betrete man einen Spa-Bereich in einem Provinzhotel.
Schon bevor die Kameras ins Oval Office dürfen, geht es dann um eines der Themen, die dem Kanzler besonders wichtig sind: den Ukrainekrieg. Die deutsche Seite hat Karten mitgebracht und Statistiken, um zu zeigen, wie geschwächt Russland ist. Und warum man Moskaus Druck nicht nachgeben darf, sich über den Verhandlungsweg Gebiete zu holen, die es im Krieg nicht erobern kann.
Es geht dabei vor allem um den Verteidigungswall im Donbass, wo die Ukrainer sich eingegraben haben und es nun den Druck auf Kiew gibt, Zugeständnisse bei den Verhandlungen zu machen. Merz lehnt das ab. Trump wird vorgetragen, dass dann der Weg nach Kiew frei sei. Auch dass Europa wieder an den Verhandlungstisch will, macht Merz klar. In dem kahlen Konferenzraum sagt er später: „Wir sind nicht bereit, ein Abkommen zu akzeptieren, das über unsere Köpfe hinweg verhandelt wird.“ Und: „Erst wenn Washington Russland wieder unter Druck setzt, wird Präsident Putin auch zu Zugeständnissen bereit sein.“
Hatte Merz sich vor seinem Antrittsbesuch in Washington im vergangenen Juni noch intensiv nicht nur auf die Themen vorbereitet, sondern auch darauf, wie man am besten einen Zugang zum Präsidenten findet, hat er in den zurückliegenden Monaten seine eigenen Erfahrungen mit Trump sammeln können. Damals hatte er als Gastgeschenk die gerahmte Geburtsurkunde von Trumps Großvater aus Deutschland mitgebracht und nun gehört, dass diese ihren Platz gefunden haben soll in den Privaträumen des Präsidenten im Weißen Haus.
Ein Handelsvertrag mit Preußen
Auch dieses Mal hat Merz ein Geschenk dabei, ein Faksimile des ersten Abkommens, das die jungen Vereinigten Staaten einst mit einem anderen Land geschlossen hatten: eines Handelsvertrags mit Preußen aus dem Jahr 1785. Es ist der Versuch von Merz, auf ein anderes Thema hinzuführen, das er ansprechen muss: den Zollstreit.
Vor der Abreise hatte Merz sich unter anderem mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen abgestimmt, die Linie war klar: Man ist bereit, an dem mäßigen Zolldeal festzuhalten, um den eigenen Unternehmen Monate der Ungewissheit nach den Gerichtsurteilen in Amerika zu ersparen. Auf keinen Fall aber dürfe es jetzt einen schlechteren Deal aus Sicht der EU geben. Wie schon bei dem Ukrainethema soll auch über die Zölle länger und offen gesprochen worden sein. Ohne dass der Kanzler am Ende offensichtlich eine Zusage zurück nach Europa bringen kann. In Washington ist man derzeit erst mal damit beschäftigt, die rechtliche Lage zu sortieren, so macht es den Eindruck.
Längst hat Merz ein Gefühl dafür bekommen, wie er mit Trump reden kann und was ihn erwartet. Er weiß, wann er eine SMS schreiben muss, wenn es mit einem Rückruf klappen soll. Er ist gewöhnt an Gespräche, in denen immer wieder die Worte „great“ oder „Deal“ fallen. Zu den Erfahrungen, die Merz mit Trump gemacht hat, gehört aber auch, dass Trump mit seiner Durchschlagskraft zwar Veränderungen fast überall auf der Welt erzwingen kann. Aber nicht unbedingt mit dem gleichen Einsatz verfolgt, wie es am Tag danach weitergeht.
Als Trump sich im ägyptischen Badeort Scharm el-Scheich für seinen Gaza-Friedensplan feiern ließ, war auch Merz dabei und bekam davon eine Ahnung. Bei Iran gibt Trump sich vor den Kameras gar nicht die Mühe, so zu tun, als wüsste er, was danach folgen soll. Er redet von iranischen Führungsfiguren, die man nun schon getötet habe. Für ihn ist die Debatte über den Kriegsgrund schon aus innenpolitischen Gründen wichtiger, da die Demokraten im Kongress die unmittelbare Gefahr, die von Iran ausgegangen sei, bezweifeln. Nur die hätte aber ein Eingreifen ohne Kongressmandat gerechtfertigt.
Nachdem Rubio am Montag eine x-te Begründung geliefert und darauf verwiesen hatte, man habe gewusst, dass Israel angreifen werde, weshalb die Gefahr gedroht habe, dass Iran amerikanische Standorte angreifen könnte, stellt Trump klar: So wie die Verhandlungen mit Iran in Genf gelaufen seien, habe Teheran zuerst angreifen wollen. Sollte heißen: Man sei nicht durch Israel in den bewaffneten Konflikt gezogen worden, sondern habe sich selbst zu einem Präventivschlag entschlossen. Merz kommentiert das nicht. Er wiederholt, dass man viele Interessen des Angriffs teile – allen voran das Ende des Terrorregimes. Hinter verschlossenen Türen sollen allerdings Themen wie der Ukrainekrieg und der Zollstreit deutlich mehr Raum eingenommen haben.
Erinnerungen an einen frühen Grönlandflug von Merz
Auch beim Zollstreit und rund um die Verhandlungen zum Ukrainekrieg hat Merz aber seine Erfahrungen mit Trump gesammelt. Wie viel Kraft es kostet, die Amerikaner an der Seite Europas zu halten. Ohne dass bei all den amerikanischen Ausschlägen am Ende wirkliche Fortschritte zu verzeichnen gewesen wären. Oder gar ein Frieden in der Ukraine. Trotzdem bleibt Merz diesem Kurs im Grundsatz zumindest treu. Im Bewusstsein, dass es die Amerikaner noch braucht. Spätestens die Grönlandkrise hat aber bei Merz dazu geführt, zumindest rhetorisch gegenüber Washington bestimmter aufzutreten. Wenn auch nicht bei der Show im Oval Office.
Deutlich klarer hat der Kanzler aber an anderen Orten schon formuliert. Immer deutlicher sprach aus seinen letzten Reden zur Außenpolitik die Ernüchterung mit Blick auf die transatlantischen Beziehungen. Trotz seiner jahrelangen Verbundenheit mit Amerika, trotz all der schönen Erinnerungen.
Auch an eine private Reise mit dem eigenen Flugzeug nach Amerika, kurz bevor Merz 2018 in die Politik zurückgekehrt ist. Auf dem Hin- und Rückflug musste er damals eine Pause einlegen, die Strecke war zu weit für das Flugzeug. Eine schöne Reise muss das gewesen sein, so klingt es zumindest: Merz übernachtete jeweils in Grönland, ausgerechnet. Geklärt ist der Konflikt um die Insel bislang nur oberflächlich. Über eine dauerhafte Lösung wird noch immer verhandelt.
So hat Merz nicht nur in der Grönlandkrise Kritik geäußert am amerikanischen Kurs oder es abgelehnt, dem Friedensrat von Trump beizutreten – Berlin beobachtet nur auf Beamtenebene, was das Gremium beim Gaza-Aufbau treibt. Merz ist sogar das Risiko eingegangen, und hat Sätze ausgesprochen, die einen Besuch im Weißen Haus leicht hätten verderben können. Zum Beispiel, als er auf der Münchner Sicherheitskonferenz davon sprach, dass man nicht an Zölle glaube, sondern an den freien Handel. Als er sogar den Kern von Trumps Bewegung kritisierte und sagte: „Der Kulturkampf der MAGA-Bewegung in den USA ist nicht unserer.“
Zu all den Sätzen tut Trump dann Merz im Oval Office einen weiteren Gefallen – und schweigt. Wenn er überhaupt jemals erfahren hat, dass der Kanzler sie ausgesprochen hat.
Source: faz.net