Mensch und Maschine: Die Angst, von jener KI ersetzt zu werden

Man hätte wohl kaum ein prominenteres Gesicht für eine juristische Werbekampagne finden können als Anahita Thoms. Die Hände über der Armlehne gefaltet, blickt sie in die Kamera. Thoms ist ein Star der Anwaltsszene, Partnerin einer der größten Wirtschaftskanzleien der Welt, Baker McKenzie. Der Ausdruck in ihrem Gesicht verheißt den Anflug eines Lächelns, sie sitzt auf einem antiken Stuhl, die Szene einladend, die Pose seriös. Gebrochen wird das Ganze von einem Schriftzug. Quer über ihren Körper steht gedruckt: „KI wird sie NICHT ersetzen. Aber vielleicht dich?“

Mit diesem Bild wirbt das Unternehmen Libra für seine Dienste. Thoms sitzt dort im Beirat. Libra bietet Kanzleien nach eigener Werbung ein „Schweizer Taschenmesser“ für Anwälte. Von der Recherche über das Verfassen von Entwürfen bis zu Vertragsprüfungen – fast in jedem Bereich könne Künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz kommen, heißt es. „KI ist die gewaltigste Änderung, die es in diesem Beruf je gegeben hat“, sagt der Gründer von Libra, Viktor von Essen. „Wir stehen bei einem Prozent von 100, was die Leistungsfähigkeit der Technologie angeht. Es werden spannende Zeiten.“

Anderen machen die spannenden Zeiten Angst, einmal von einem Algorithmus ersetzt zu werden. Die Sorgen ziehen sich durch viele Berufsgruppen: von Sekretärinnen, die Briefe aufsetzen, bis zu Journalisten, die einfache Börsenberichte schreiben, von Bibliothekaren bis zu Juristen, von Software-Entwicklern bis zu Anlageprofis in Finanzhäusern. Zugleich lassen Meldungen von Unternehmen aufhorchen. Der Internetkonzern Amazon kündigte im Oktober an, 14.000 Verwaltungsjobs durch Künstliche Intelligenz und virtuelle Kollegen zu ersetzen, der Computer-Hersteller HP 6000 Stellen. Bei Lufthansa sollen 4000 Mitarbeiter oder Stellen den digitalen Kollegen weichen.

So einfach aber ist das nicht möglich, wie das schwedische Fintech-Unternehmen Klarna im vergangenen Jahr in einer bemerkenswerten Kehrtwende zeigte. Erst demonstrierte CEO Sebastian Siemiatkowski Radikalität und schrieb auf der Plattform X, dass KI schon „alle unsere Jobs“ übernehmen könne, selbst seinen eigenen Posten als Firmenchef. Klarna investiert seit Langem intensiv in KI und hatte schon ein Jahr lang nicht mehr eingestellt. Die Zahl der Mitarbeiter war von 7400 auf 3000 gesunken. Allein 700 Servicemitarbeiter wurden durch KI-Assistenten ersetzt. Doch die Strategie ging nicht ganz auf. Kunden beschwerten sich, und die Qualität der Leistungen sank. Klarna machte einen Rückzieher, das Unternehmen stellt wieder ein.

Ein großes Rätselraten

Der Soziologe Florian Butollo mahnt angesichts solcher Berichte zur Vorsicht: Wenn Firmen behaupten, sie würden Mitarbeiter großflächig durch KI ersetzen, dürfe man das nicht automatisch für bare Münze nehmen. „Manchmal wird etwas als KI-Thema verkauft, was in Wahrheit ein stinknormales Rationalisierungsthema oder der schwierigen ökonomischen Situation geschuldet ist“, sagt der Soziologe, „zum Beispiel die Erkenntnis, dass man eine schlankere Verwaltung braucht.“ Butollo erforscht an der Universität Frankfurt die digitale Transformation der Arbeitswelt. Um das Thema KI gebe es ein großes Rätselraten, sagt er. Kaum etwas sei derzeit richtig absehbar.

Verlässliche Erkenntnisse über die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz auf die Beschäftigung sind bislang rar. Eine wichtige Studie kam im vergangenen Jahr aus den Vereinigten Staaten. Das Ergebnis: Der KI-Schock trifft Jung und Alt ganz unterschiedlich. In stark betroffenen Berufen wie der Software-Entwicklung oder im Kundendienst sinkt mit dem Einsatz von generativer, schaffender KI die Beschäftigung der Berufseinsteiger, der Menschen von 22 bis 25 Jahre. Erfahrene Berufskollegen wurden dagegen in vielen Bereichen noch mehr beschäftigt.

Die Studie von Erik Brynjolfsson und seinen Kollegen von der Stanford-Universität gilt als wichtig, weil sie so umfassend ist. Die Ökonomen werteten Lohn- und Gehaltsabrechnungen des Dienstleisters ADP für Millionen Arbeitnehmer in Zehntausenden amerikanischen Unternehmen aus und verglichen Berufe, die mal mehr, mal weniger von Softwareprogrammen wie ChatGTP betroffen sind.

Künstliche Intelligenz ersetze, schließen die Wissenschaftler, wohl vor allem Aufgaben, bei denen es um Nachprüfbares, um Buchwissen geht. Das ist der Bereich, in dem Berufseinsteiger Erfahrungen sammeln können. An die Tipps und Tricks hingegen, die eigenen Kniffe, die ein Mitarbeiter im Laufe der Jahre entwickelt, komme ein Algorithmus nicht heran. Manche sehen darin ein Dilemma: Wie sollen junge Menschen diese Fertigkeiten ausbilden, wenn sie genau jenes Umfelds beraubt werden, in dem man sie üblicherweise trainiert?

Es ist umstritten, ob dieses Dilemma sich auch in Deutschland stellt. Das Konzept der Berufseinsteigerjobs, wie man sie in den USA ausschreibe, gebe es in Deutschland in dieser Form nicht, sagt der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber. Er brachte die Unsicherheit über die Folgen des zunehmenden KI-Einsatzes auf den Arbeitsmarkt vor einiger Zeit prägnant auf den Punkt: „Sage mir, was KI mit der Beschäftigung machen wird – und ich sage dir, dass du an Selbstüberschätzung leidest.“ Einige generelle Erkenntnisse aber gibt es schon.

„Akademiker sind nicht mehr immun“

KI sei als Technologie in der Breite anwendbar, sagt Weber. Anders als die E-Mobilität betreffe sie nicht nur eine Branche. Erstmals würden mit KI nun auch Berufe für Hochqualifizierte von der Automatisierung erfasst. „Akademiker sind nicht mehr immun“, sagt Weber. Das sei früher bei anderen Technologien anders gewesen, auch bei der Digitalisierung.

Klar sei auch, dass KI einige Aufgaben übernehmen werde und manche Tätigkeiten sich zumindest verändern würden. „Was wir aber nicht sehen und was wir auch nicht erwarten, ist, dass dadurch großflächig Beschäftigung sinkt – das zeichnet sich in den Daten bisher einfach nicht ab“, sagt Weber. Mit Kollegen hat er in einem Modell simuliert, wie ein umfassender Einsatz von KI sich auf die Wirtschaft auswirkte. „Der Haupteffekt wird nicht sein, dass nun ganze Berufe wegfallen, sondern dass sich Anforderungen und Kompetenzen in Berufen ändern.“

Weber sieht darin Chance und Risiko zugleich: die Chance, dass Tätigkeiten bereichernder werden und Berufe neu geprägt werden können, und das Risiko, dass Menschen sich beruflich anpassen müssten, dass dieser Strukturwandel misslinge und dass Arbeitslosigkeit sich verfestige.

Der Einsatz von KI führe in vielen Berufen zu einer starken Rückbesinnung darauf, was denn der professionelle Kern der Tätigkeiten eigentlich sei und was das menschliche Element ausmache, sagt der Soziologe Butollo. Er spricht von einer Stärkung des beruflichen Selbstverständnisses und sieht zugleich eine Abwehrreaktion: „Das ist das originär Menschliche, was die KI niemals machen sollte.“

Hört man dem Juristen von Essen zu, bekommt man einen Eindruck, was das konkret bedeutet. Dass KI die Anwälte in großem Stil verdrängt, sieht von Essen keineswegs – auch wenn die Werbung seines Unternehmens Libra das suggeriert. Künstliche Intelligenz werde Rechtswissen einer breiten Bevölkerung zugänglich machen, ähnlich wie der Buchdruck im 15. Jahrhundert. Menschen müssten dann nicht mehr horrende Summen für grundlegende Rechtsberatung ausgeben, eine erste Hilfe sei jedem zugänglich. Darin liege die Chance, das Recht wieder auf seinen ursprünglichen Zweck zurückzuführen – den Menschen in der Breite zu dienen. „Mehr Zugang zu Recht bedeutet aber auch, dass mehr verhandelt wird“, sagt von Essen. Er sieht mehr Arbeit auf Anwälte zukommen, längere Schriftsätze und so fort. Wodurch der Beruf wiederum selbst auf Künstliche Intelligenz angewiesen sei.

Der Einsatz von KI könne bestimmte Tätigkeiten vereinfachen, zugleich aber steige die Komplexität, weil nun mehr Informationen in kürzerer Zeit verarbeitet würden, beschreibt Soziologe Butollo solche Anpassungen. In Prognosen, die Angst vor Massenarbeitslosigkeit schürten, würde das immer vernachlässigt.

Die Wiederentdeckung des Menschlichen

Beispiele für Arbeit schaffende Innovationen gibt es in der Geschichte viele. Die Dampfmaschine führte zur Automatisierung von Webstühlen, eröffnete mit der Industrialisierung aber neue Möglichkeiten zum wirtschaftlichen Wachstum. Der zunehmende Einsatz von Robotern in der Produktion führte in den 1980er-Jahren – wie in Volkswagens „Halle 54“ – zur Sorge vor der menschenleeren Fabrik, hob aber die Produktivität der Arbeit und stärkte so das Wachstum.

Angst vor der Webmaschine: Cornell Mill in Massachusetts im Jahr 1912
Angst vor der Webmaschine: Cornell Mill in Massachusetts im Jahr 1912Bridgeman

„Der Schock der Industrialisierung, dass menschliche Handarbeit an Maschinen delegiert wird, wiederholt sich heute in gewisser Weise im Hinblick auf geistige Arbeit“, sagt Martina Heßler. Die Historikerin forscht an der TU Darmstadt zur Technikgeschichte. Die Ängste, dass man der KI und ihren Folgen ohnmächtig gegenüberstehe, seien nicht neu. „Das ist etwas, was sich kontinuierlich seit der Industrialisierung findet“, sagt Heßler: die steten Debatten, dass Technik dem Menschen überlegen sei, dass sie ihn überflüssig mache und ihn ersetze.

Auch die Rückbesinnung auf das Menschliche bei bestimmten Arbeiten sei immer wieder aufgekommen. In den 1980er-Jahren habe man im Zusammenhang mit der Automatisierung von der „Wiederentdeckung des Menschen“ gesprochen, sagt die Historikerin. Gerade Ingenieure hätten sich selbst hinterfragt: „Wie konnten wir den Fehler machen, die Menschen immer ersetzen zu wollen?“

Viele sehen mit Künstlicher Intelligenz eine „neue Industrialisierung“ aufkommen, ein „neues Maschinenzeitalter“. So ein historischer Vergleich trage nur in gewisser Hinsicht, sagt Heßler: Schon die Gesellschaftsstruktur sei früher vollkommen anders gewesen. „Es gab keine staatlichen Sozialversicherungssysteme, die sind erst in Folge der Probleme entstanden, die die Industrialisierung mit sich brachte.“ Heute gebe es auch Mittel, einen solchen Wandel der Wirtschaft zu begleiten, Weiterbildungen zu fördern und so fort. Das könne soziale Missstände ein Stück weit abfedern.

Den Vergleich von KI mit der Dampfmaschine oder Industrierobotern hält Heßler auch deshalb für fragwürdig, weil die Künstliche Intelligenz anders sei. Zum ersten Mal seien die Menschen mit einer Technologie konfrontiert, die Entscheidungen treffe, die Pläne entwickele und die berate, sagt Heßler. „Diese Technik macht Fehler, sie halluziniert, und ihre Entscheidungsfindung kann nicht mehr nachvollzogen werden.“

Nach ihrer Einschätzung ist das noch nicht in die Köpfe der Menschen gedrungen. Immer noch sei ein Maschinenbild dominant, das auf dem Ideal der mechanischen Maschine basiere, sagt Heßler. Damit meint sie die Erwartung, dass eine Maschine reibungslos funktioniere wie ein Uhrwerk, erklärbar und vorhersehbar. Obwohl die großen Sprachmodelle der KI so nicht funktionierten, gebe es immer noch ein Urvertrauen in die Zuverlässigkeit der Technik, vermutet die Historikerin. Umfragen zeigten, dass Menschen die Ergebnisse nur wenig überprüften, die Programme wie ChatGTP ausspuckten. „Das Erlernen des Umgangs mit fehlerhaften und unzuverlässigen Maschinen ist eine der großen Herausforderungen der Zeit“, sagt die Historikerin. Dafür gebe es keine historischen Vorbilder.

In der Praxis bedeutet die Fehleranfälligkeit der KI für Anwaltskanzleien und andere Unternehmen, dass sie die Arbeit des Kollegen „Künstliche Intelligenz“ immer noch mit Menschen gegenprüfen müssen. Zumindest derzeit gehen da noch keine Stellen verloren.